Die Träume der Mieter

Ein Punktum
Foto: privat
Wer eine Wohnung sucht, kann was erleben. Wer eine Wohnung vermieten will, erst recht...

Meine Freundin erfuhr neulich von besonderen Herzensangelegenheiten. Sie musste die kleine Wohnung ihrer alten Tante vermieten, eine 60-Quadratmeter-Wohnung mit schönem Garten und Obstbäumen.

Es war ihr unangenehm, die Interessenten nach ihrem finanziellen Auskommen zu fragen. Und doch wollte sie sich wenigstens einen Eindruck von dem verschaffen, wofür das Herz der Interessenten schlägt. "Ich bin noch in der Ausbildung zur Trauerbegleiterin für Menschen, die ihre Haustiere verloren haben", kam die Antwort der jungen Frau des ersten Paares. Und die zweite erwiderte: "Ich bin derzeit in einer Fortbildung." Schüchtern fragte meine Freundin nach: "Zur Märchenerzählerin."

Paar Nummer zwei folgte. Meine Freundin rückte wieder mit ihrer Frage heraus. Die potenzielle Mieterin hatte vor, in der kleinen Wohnung eine Tätigkeit als Tagesmutter für fünf Kinder auszuüben. Und ihr Mann? "Der ist Schmied." "Ich baue mir dann im Garten eine Esse", fügte er eifrig hinzu.

Also eine offene Feuerstelle im eingewachsenen Garten und fünf Kinder in der gemeinsamen Zweizimmer-Wohnung. Wieder kam meine Freundin ins Grübeln. Schon stand das dritte Paar vor der Tür. Anfangs ergab sich alles unkompliziert. Bis die Zwei fragten, ob Haustiere erlaubt seien. Kein Problem, erwiderte meine Freundin, selbst große Tiernärrin, und fragte eingedenk der sechzig Quadratmeter gleich: "Wie heißt denn Ihr Kätzchen?" Doch sie erntete nur Kopfschütteln: "Sechs Hunde leben mit uns." Auch gut, dachte sie und fragte arglos nach der Spezies. "Fünf Dalmatiner und eine Dogge." Die gute Frau wollte den Garten als Hunde "Agility Parcours" umgestalten. Und schon sah meine Freundin die Hinterlassenschaften vor sich auf dem Rasen, den sie Woche für Woche für ihre Tante mähte.

Die nächste junge Frau, geschätzt Ende Zwanzig, wusste gleich, worauf es ankommt: "Um das Geld für die Wohnung müssen sie sich nicht sorgen, das kommt vom Amt." Doch sie zeigte keinerlei Interesse an der Unterkunft. Denn die war ihr nicht schick genug, sie sah sich besser in einer Maisonnette aufgehoben. Und ergänzte: "Nur weil man Stütze bekommt, verliert man ja nicht seine Design-Ansprüche."

Was war nun von der nächsten Probantin zu erwarten? Ihr Mann arbeitete in einer Autowerkstatt. Doch sie wollte die Laube im kleinen Garten nutzen, um ein waldpädagogisches Konzept für Kinder anzubieten.

Sicher, im Wald zu toben ist für viele Kinder das schönste Erlebnis. Sollen sie doch mit Rinde, Moos und Stöckchen ein Zwergenhaus bauen und auf einem umgestürzten Obstbaum in Tante Annemaries Garten Kaufmannsladen spielen. - Ein Traum für Menschen, die sich selbst verwirklichen.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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