Ohne Pathos

Eine Liebesgeschichte im Krieg
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Schon nach ein paar Seiten ist man verliebt in die Liebesgeschichte dieser jungen Leute, die ohne jeden Plot auskommt.

Der Salbei hat sie zusammengeführt, eine junge Frau, die zufällig an einer Hauswand vor der Apotheke sitzt und einen jungen Soldaten, der auf der Suche nach einem Heilmittel für seine kranken Kameraden ist. Sauge, das französische Wort für Salbei, den die Französin ihm aus dem Kräutergarten dann mitgibt, klingt ihm lange im Ohr. Und das: "A Demain" am Schluss scheint ihm so verheißungsvoll, dass er von nun an den Schrecken des 1. Weltkrieges ein wenig ausblenden kann.

Adèle heißt die bezaubernde Französin und aus dem Dresdner Max wird ein geflüsterter Maximilien, damit fühlt er sich für Momente leicht und unbeschwert. Ich habe sechsSchwestern, denkt Max, aber ich weiß nichts von der Haut einer Frau. Sie ziehen sich körperlich an, sie lachen zusammen, und weil die Liebe bekanntlich durch den Magen geht, macht Adèle ihn nicht nur mit der französischen Küche, sondern auch mit Cognac bekannt. Sie durchstöbern die Bibliothek des Hauses, Balzac, Zola finden sich hier und sogar Fontane, den Max mag, weil der Drogist war wie er. Nichts verbindet so schnell wie Literatur und Kunst - Adèle liest aus dem Grafen von Monte Christo, Max revanchiert sich mit Herrn von Ribbeck. Zwar ist die Konversation mühsam, da sie aus dem Elsass stammt, kennt sie ein wenig Deutsch, er hat aus der Schulzeit ein paar französische Worte behalten. Doch die Liebe macht alles wett, hebt alles auf, und leichtfertig verlässt Max immer wieder seine Einheit. Sein Kamerad Bruno, der Künstler aus der Dresdner Bohème, deckt die beiden. Die Liebe zwischen der Französin und dem Kriegsfeind muss geheim bleiben, das ist beiden bewusst. Und kleine Missverständnisse, entstanden aus der Sprachbarriere, müssen auch aus dem Weg geräumt werden.

Schon nach ein paar Seiten ist man verliebt in die Liebesgeschichte dieser jungen Leute, die ohne jeden Plot auskommt. Beide leben ihre Liebe nur im Jetzt und Hier, wissend, dass sie jeden Tag auseinander gerissen werden können, und der Leser freut sich mit ihnen über jedes weitere gelungene Treffen. Die Story ist leicht und doch meisterhaft erzählt, gerade weil sie schlicht und ohne Pathos bleibt. Man weiß von Anfang an, dass es kein Happy End geben wird, denn Max' erwachsene Tochter erzählt die Geschichte ihres Vaters nach seinem Tod anhand dessen wohl behüteter Tagebücher. Erst beschreibt er seine Erlebnisse dieses Krieges in einer kurzen Zeitspanne von 1916-1917 und als er in einem kleinen Ort an der Somme in der Champagne stationiert ist, geht es überwiegend um Adèle.

Doch wie es im Leben so ist - die große Liebe bleibt immer die unglückliche, nicht auf Dauer gelebte Liebe. Max wird an die Ostfront verlegt und sie verlieren sich aus den Augen.

Irene Ruttmann: Adèle. Verlag Paul Zsolnay, München 2015, 160 Seiten, Euro 17,80.

Angelika Hornig

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