Hervorragend

Heraufholen des Verdrängten
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Welche Motive hatten tausende Menschen, bei Kriegsende ihr Leben zu beenden? Huber versucht, sich in die Psyche der "kleinen Leute" des Jahres 1945 hinein zu denken.

In diesem Jahr wird an vielen Orten an das Endes des Zweiten Weltkrieges vor siebzig Jahren gedacht. In diesem Zusammenhang ist auch das Buch Florian Hubers entstanden, das kurz nach seinem Erscheinen bereits in der vierten Auflage vorliegt. Huber thematisiert eine Welle von Selbstmorden in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges, die so in der breiten Öffentlichkeit bisher nicht wahrgenommen wurde.

In einem Zeitraum von wenigen Tagen nahmen sich Tausende Deutscher das Leben, in der pommerschen Kleinstadt Demmin waren es zwischen dem 28. April und 3. Mai1945 nach vorsichtigen Schätzungen 700 bis 1000 Menschen, immerhin jeder 17. Einwohner. Ganze Familien wurden ausgelöscht: Mütter erstickten oder ertränkten ihre Kinder und töteten dann sich selbst, Großväter töteten ihre Enkel und anschließend sich selbst. Wochenlang trieben Leichen auf der Peene und in anderen Flüssen der wasserreichen Stadt. Monatelang fand man Tote in den Wäldern und Wiesen der Umgebung. Ein unglaubliches Grauen ereignete sich in den letzten Kriegstagen.

Demmin ist aufgrund des Kriegsverlaufs in Pommern und einiger weiterer Faktoren ein extremes Beispiel für den "Untergang der kleinen Leute 1945", aber - so sagt Florian Huber - "Demmin ist überall" und er kann das - trotz der schwierigen Quellenlage - gut belegen. Die Zahl der Selbstmorde in der Region zwischen Stettin und Rostock ist 1945 erschreckend: Friedland verzeichnet mehr als 500, in Neustrelitz töteten sich knapp 300, Hunderte nahmen sich in Neubrandenburg das Leben, in Anklam etwa 300. Massenselbstmorde sind weiter belegt aus Ost- und Westpreußen, Schlesien, Pommern, Mecklenburg, Brandenburg und Berlin. Im Westen und Süden Deutschlands war der Kriegsverlauf anders. Hier entfiel auch die von der nationalsozialistischen Propaganda kräftig geschürte Angst vor den Russen als Motiv für die Selbsttötung. Trotzdem bringt der Historiker auch viele Beispiele aus dem Rheinland, Westfalen, der Pfalz und Oberbayern. In Berlin verfünffachte sich im Jahre 1945 die Zahl der Selbstmorde im Vergleich zu den Vorjahren.

Welche Motive hatten all diese Menschen, ihr Leben zu beenden? Huber versucht, sich in die Psyche der "kleinen Leute" des Jahres 1945 hinein zu denken. Akribisch wertet er Tagebuchaufzeichnungen aus dieser Zeit aus. Er benennt folgende Gründe: Für weite Kreise in Deutschland hatte die nationalsozialistische Regierung die Schmach von Versailles getilgt. Mit dem scheinbar erfolgreichen Agieren Adolf Hitlers als Reichskanzler war man wieder wer in Europa, man war "Teil von etwas Großem" und identifizierte sich narzisstisch-grandios mit dem NS-Staat. Nicht nur einzelne, sondern die Masse war "verliebt in den Führer". Das schlechte Gewissen aufgrund der Judenverfolgung und anderer Unrechtstaten hatte man weggedrückt. Über das an der Front begangene Unrecht, gerade auch in der Sowjetunion, war man zum Teil durch Berichte von Soldaten informiert, auch wenn diese sich mit genauen Schilderungen zurückhielten. Man wusste, dass man an etwas Ungeheuerlichem mitgewirkt hatte. Die Ideale zerbrachen. Nun fürchtete man die Rache der Kriegsgegner. Die Nazipropaganda über den russischen Unmenschen tat ihre Wirkung und schien bestätigt in dem, was man von dem Verhalten der Soldaten der Sowjetarmee hörte, Frauen jeden Alters fürchteten, vergewaltigt zu werden.

Florian Huber hat ein hervorragend recherchiertes und dabei äußerst bewegendes Buch geschrieben. Siebzig Jahre nach dem Ende des Zweites Weltkrieges bringt er das jahrzehntelang Verdrängte ans Licht - ohne Effekthascherei. Und es handelt sich ja nicht nur um Selbsttötungen, sondern in vielen Fällen um "erweiterten Selbstmord", das heißt, ein Familienmitglied ermordet zuerst die anderen Familienmitglieder und tötet zum Schluss sich selbst. Natürlich werfen solche Tötungen moralische und theologische Fragen auf. Einziges Beispiel für einen Mahner in Hubers Buch ist Gerhard Jacobi, von 1933 bis 1939 Präses der Synode der Bekennenden Kirche in Berlin und Brandenburg und Pfarrer an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, der sich öffentlich gegen die massenhafte Bereitschaft zum Selbstmord wandte. Und heute? Deutschland hat Demmin noch nicht zur Kenntnis genommen. Doch dass die Lesungen des Autors ausverkauft waren und viele, gerade ältere Menschen dort ihre Geschichten erzählten, zeigt, welch wichtigen Impuls Florian Hubers Buch gegeben hat. Der kirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit steht es noch bevor, sich mit diesen Abgründen am Kriegsende auseinanderzusetzen.

Florian Huber: Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945. Berlin Verlag, Berlin 2015, 304 Seiten, Euro 22,99.

Hans-Jürgen Abromeit

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