Christus nicht ohne Kirche

Unter welcher Voraussetzung Katholiken 2017 mitfeiern können
Die Reformatoren forderten, dass auch Laien aus dem Abendmahlskelch trinken dürfen. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist das auch in römisch-katholischen Kirchen möglich – wie hier in Paris. Foto: dpa/ Philippe Lissac
Die Reformatoren forderten, dass auch Laien aus dem Abendmahlskelch trinken dürfen. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist das auch in römisch-katholischen Kirchen möglich – wie hier in Paris. Foto: dpa/ Philippe Lissac
Mit dem Reformationsjubiläum tun sich römische Katholiken schwer, weil sie mit dem, was am 31. Oktober 1517 und danach geschah, die Spaltung des abendländischen Christentums verbinden. Das gibt Wolfgang Thönissen zu bedenken, der das Paderborner Johann-Adam-Möhler-Institut leitet, das katholische Pendant zum Konfessionskundlichen Institut der EKD in Bensheim. Thönissen zeigt, wie eine gemeinsame Feier möglich sein könnte.

Im Jahr 2017 werden nicht nur in Deutschland evangelische Christen auf das Jahr 1517 zurückblicken. Nach heutiger historischer Lesart hat Martin Luther am 31. Oktober 1517 an den Erzkanzler des deutschen Reiches, Erzbischof Albrecht von Brandenburg, einen Brief mit Thesen zur Ablassfrage gesandt. Die an dieses Ereignis anknüpfende Lutherdekade der Evangelischen Kirche in Deutschland nimmt Impulse jenes historischen Geschehens auf, das wir seit dem 19. Jahrhundert mit dem Begriff der Reformation bezeichnen und die bis in unsere Zeit reichen.

Keine Frage ist, dass dieses Ereignis weltgeschichtliche Bedeutung gewonnen hat. Die Themenpalette der Dekade ist deshalb lang. Doch anscheinend kann man nicht leicht herausfinden, um was es 2017 geht. Steht im Vordergrund der Erinnerung mehr ein politisches, ein gesellschaftliches oder ein kulturelles Ereignis, ein deutsches, nationales gar? Oder ist es ein religiöses? Nach dem EKD-Grundlagentext "Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017" soll ein religiöses Ereignis erinnert werden, ohne die welthistorische Bedeutung der Reformation auszuschließen. Dieser Ansatz ist aber nicht ohne heftige, auch innerprotestantische Kritik geblieben.

Und wie blicken Katholiken auf das Jahr 1517? Sie sehen zunächst keinen Anlass zum Feiern wie evangelische Christen, die mit der Reformation wesentliche Aspekte ihres Glaubens, einen Aufbruch und Neubeginn verbinden. Katholiken verbinden mit diesem Jahr dagegen vorrangig den Beginn der Auseinandersetzungen Luthers mit dem Papst und die Spaltung des abendländischen Christentums. Spätestens mit dem letzten Stichwort wird das Reformationsjubiläum für Katholiken eine problematische Größe. Das Jahr 2017 scheint den immer noch beklagenswerten Zustand der Trennung der Christenheit widerzuspiegeln. Während die einen feiern wollen, scheinen die anderen eher nachdenklich oder gar ratlos zu verharren. Ist diese Konfrontation alternativlos?

Bleibende Frage

Die Beantwortung dieser Frage macht einige Klärungen nötig. Soll das Ereignis, an das 2017 erinnert wird, die geistliche und theologische Herausforderung darstellen, sich dem Anliegen Martin Luthers und der Reformation heute gemeinsam zu nähern, müssen verschiedene Aspekte neu erschlossen werden. Und die Voraussetzungen hierfür sind nicht schlecht. Der EKD-Ratsvorsitzende und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz haben durch ihren Briefwechsel Ende Juni in diese Richtung gewiesen. Bischof Heinrich Bedford-Strohm hat Deutschlands Katholiken eingeladen, sich an den von der EKD geplanten Festveranstaltungen und Gottesdiensten zu beteiligen und auch gemeinsame Veranstaltungen zu planen. Er hat drei wichtige Hinweise gegeben, die eine katholische Beteiligung ermöglichen sollen: Die Reformation wollte das Evangelium von Jesus Christus in den Mittelpunkt der kirchlichen Verkündigung rücken. Die von Wittenberg ausgegangene Reformation ist keineswegs auf Luther beschränkt geblieben. Und drittens, das scheint entscheidend zu sein, der 31. Oktober 2017 ist kein deutsches Datum und auch kein deutsches Fest. So hilfreich diese Klärungen sind, die Kardinal Reinhard Marx freundlich entgegengenommen hat, die grundsätzliche Frage bleibt: Unter welchen Voraussetzungen können Katholiken gemeinsam mit den evangelischen Christen Deutschlands der Reformation des Jahres 1517 gedenken und sie mitfeiern? Einen Grundlagentext hierzu hat es aus katholischer Sicht bisher nicht gegeben, aber hinzuweisen bleibt auf die ökumenischen Texte zur Reformation, die inzwischen erschienen sind.

Über Jahrhunderte hinweg war Luther für Katholiken der Häretiker. Erst im 20. Jahrhundert ist es der katholischen Theologie gelungen, ihn neu zu beurteilen. Gegen nicht geringe innerkatholische Widerstände konnte sie die seit Jahrhunderten einseitig geprägte und bis in unsere Zeit hinein wirksame Deutung Luthers als abgefallenen Mönch, Zerstörer der Kircheneinheit, Ketzer und Sittenverderber überwinden.

Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) hat Martin Luther zwar nicht namentlich erwähnt, und es findet sich auch keine Auseinandersetzung mit seiner Theologie. Doch unbestreitbar ist: Das Konzil hat zentrale Einsichten seiner Theologie aufgenommen und verarbeitet. Diese implizite Verständigung mit Luther führte dann - auch im Zusammenhang mit der Anerkennung seines Reformwillens - zu einer neuen Bewertung seiner Katholizität, wie sie sich insbesondere in den Äußerungen von Kardinal Johannes Willebrands und Papst Johannes Paul II. finden.

Dessen Nachfolger Benedikt XVI. würdigte Luther 2011, beim Besuch des Erfurter Augustinerklosters, ausdrücklich als authentischen Gottsucher. Und der lutherisch-katholische Dialog auf Weltebene hat Luther gemeinsam als Zeugen Jesu Christi erkannt. Das neueste Dokument "Vom Konflikt zur Gemeinschaft. Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017" schlägt erstmals eine gemeinsame Sicht auf die Geschichte der reformatorischen Bewegung und auf zentrale Aspekte der Theologie Martin Luthers vor.

Es sind mehrere Einsichten, die zu einer neuen Beurteilung Luthers und der von ihm ausgelösten reformatorischen Bewegung führen. Luther rief die Christen 1517 in seinen Thesen zum Ablass auf, nach dem Evangelium zu streben und sich auf Jesus Christus auszurichten. In dieser Grundausrichtung ist Luthers geistliches und theologisches Reformanliegen von Anfang an klar zu erkennen. Es findet seinen Ausdruck schließlich in der Lehre von der Rechtfertigung. Sie will die Menschen darauf hinweisen, dass sich alle Suche nach Gott und alles Streben, seinem Willen zu folgen, seiner großen Gnade und Liebe zu den Menschen verdanken. Diese Frage nach dem gnädigen Gott hat Luther ein Leben lang bewegt. Die Frage nach der Rechtfertigung ist in der abendländischen Christenheit entscheidend und zentral geworden. Hier haben die Christen heute ihre wohl größte Aufgabe vor sich. Sie müssen den Glauben an Jesus Christus in einer für die heutige Zeit verständlichen Weise verkünden und nachvollziehbar machen. Voraussetzungen dafür liefern die inzwischen gemeinsam erarbeiteten ökumenischen Dokumente.

Luther hat die Kirche zweitens zur Erneuerung aus ihrem biblischen Ursprung aufgerufen. Dieser Ruf zur Erneuerung der ganzen Kirche ist das Kernanliegen der von Wittenberg ausgehenden Reformation. Die Reformatoren wollten keine Spaltung der Kirche. Dass sie schließlich trotzdem eintrat, war eine nicht intendierte Folge.

Das Augsburger Bekenntnis von 1530 (AB) bekräftigte den Glauben der einen heiligen katholischen und apostolischen Kirche und deren Einheit. Es geht diesem Bekenntnis gemäß nicht um die Gründung einer neuen Kirche, sondern die Erneuerung des christlichen Glaubens im Einklang mit der Alten Kirche und in Übereinstimmung mit der Heiligen Schrift. Das AB schließt auch die Überzeugung ein, dass neben Taufe, Absolution und Altarsakrament auch die Ordination zu den Sakramenten gezählt werden kann. Darauf hat der Reformator Philipp Melanchthon Zeit seines Lebens hingewiesen. Es bleibt deswegen die Aufgabe der Kirchen, in der Suche nach der heute möglichen Einheit nicht nachzulassen und Wege weiterer Verständigung auszuloten.

Luthers Reformansatz bezieht sich drittens auf eine Erneuerung der ganzen Theologie aus dem Geist der Heiligen Schrift. Luther entdeckte die Bibel in einer für die damalige Zeit unerhörten Weise, indem er auf einzigartige Weise die Barmherzigkeit Gottes für die Menschen zur Sprache brachte. Folgen wir Luthers Selbstzeugnis aus dem Jahr 1545, ließ ihn die Bibel Christus neu entdecken. So wurde Luther zum Zeugen der befreienden Botschaft des Evangeliums. Er erschließt die ganze Heilige Schrift, indem er sie - angeleitet durch die Theologie des Bernhard von Clairvaux, den er als den letzten der Kirchenväter besonders schätzte, vom Apostel Paulus her - und geprägt durch Augustinus - erfasst. Von dorther buchstabiert er ihren Sinn neu. Luther hat die Bibel so zur Geltung gebracht, dass der Inhalt ihrer Botschaft von der dem Menschen jederzeit zuvorkommenden Barmherzigkeit Gottes Jedem zugesagt ist. Die Früchte dieser Erkenntnis können wir heute in "der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" ernten, die der Lutherische Weltbund und die römisch-katholischen Kirche 1999 vereinbarten. Das Heil kommt ganz aus der Gnade Gottes im Glauben an Jesus Christus. Ausgehend von dieser gemeinsamen biblischen Botschaft sollte die Verkündigung der Kirchen neu ausgerichtet werden. Luther hatte viertens beständig an ein zukünftiges Konzil appelliert und den Aufruf dazu immer wieder erneuert. Doch als das Konzil von Trient (1545-1563) einberufen wurde, war es zu spät, die aufgebrochenen Streitfragen innerhalb der einen christlichen Kirche zu heilen. Die Entscheidungen des Konzils bildeten die Grundlage für die Formung einer katholischen Identität im Zeitalter des Konfessionalismus.

Der entscheidende Fehler war, dass die Christen nur noch das Trennende suchten und nicht mehr das Gemeinsame und Einende. Der große ökumenische Fortschritt besteht nun darin, die Reformbemühungen, die von Trient ausgegangen sind, von ihrer konfessionalistischen Prägung zu befreien. So kann sich die katholische Kirche den von Luther vorgebrachten theologischen Reformbemühungen positiv öffnen. In der katholischen Kirche kann neu gelernt werden, dass die Reform der Kirche immer ein legitimes Anliegen gewesen ist. Dieses im Bekenntnis zur Einheit der Kirche zur Geltung zu bringen, bleibt eine enorme ökumenische Aufgabe.

Die erwähnten vier aus der Begegnung mit Martin Luther und seiner Theologie gewonnenen ökumenischen Einsichten lassen Folgendes erkennen: Nach Jahrhunderten der polemischen Beschäftigung mit Leben und Werk Martin Luthers konnte sein Bild in der katholischen Theologie nachhaltig korrigiert werden. Luther ist ein aufrichtiger Beter, Gottessucher und Bibelleser, nicht länger der Häretiker. Er hat eine spezifische Frömmigkeit für Laien ausgeprägt, die christliches Leben in der alltäglichen Praxis ermöglicht. Luther ist zweitens ein genuin katholischer Denker, der aus der mittelalterlich geprägten Theologie in eine biblisch-patristisch geprägte Theologie umsteigt. Seine Reformimpulse, die sich auf das Schrift-, Sakramenten- und Amtsverständnis beziehen, werden drittens implizit durch das kirchliche Lehramt aufgenommen und verändern die katholische Theologie nachhaltig.

Dieses theologische Programm schließt die Überzeugung ein: Das Christusbekenntnis ist nicht ohne das Bekenntnis zur Kirche, die Gnade nicht ohne die vom Heiligen Geist inspirierten Werke, die Heilige Schrift nicht ohne die Überlieferungsgemeinschaft der Kirche, sprich Tradition, der Glaube nicht ohne Liebe und Hoffnung. Das heißt zugespitzt: Christus, Gnade, Glaube stehen im Zusammenhang mit guten Werken, die Heilige Schrift im Zusammenhang der kirchlichen Überlieferung und das Wort im Zusammenhang seiner sakramentalen Verleiblichung.

Wenn sich ein gemeinsames Gedenken auf dieses ökumenische Programm einlassen kann, besteht die Chance, die noch bestehenden Trennungen zu überwinden und die Impulse zur Reform des christlichen Lebens gemeinsam anzugehen. So würde das Luthergedenken die ökumenischen Impulse aufnehmen und mit den reformerischen Einsichten der Reformatoren verknüpft. Das wäre zwar kein politisches, aber ein genuin christliches Programm für das Jahr 2017. Und es ließe sich leicht mit Vorschlägen für die Optimierung der ökumenischen Praxis in Deutschland verbinden.

Politische Option

Die Kirchen in Deutschland sollten alles unternehmen, um die Botschaft der Bibel in einer zusehends säkularer und multireligiöser werdenden Gesellschaft, gemeinsam zu verkündigen, statt sich gegenseitig abzuschotten oder einander auszugrenzen. Die Botschaft für heute muss klar, einfach und überzeugend formuliert sein. Sie schließt ein Bekenntnis zu Jesus Christus als dem alleinigen und universalen Erlöser ein. Dieses muss im Glauben jedes Einzelnen und im sakramentalen Leben der Kirche lebendig werden. So ist sie eine lebendige Gemeinschaft der Gläubigen, die um Wort und Altar versammelt ist.

Diese Botschaft kann auch im politischen Bereich verstanden werden. Hier sind alle die Fragen anzusprechen, die aus dem Bekenntnis zu Jesus Christus und dem gemeinsamen Verständnis des Evangeliums folgen: Glaubens- und Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit und das Zeugnis für die Würde des Menschen. EKD und Deutsche Bischofskonferenz sollten entschlossen den bisherigen Weg weitergehen, gemeinsame Texte zu herausragenden Fragen der Gesellschaft und der Politik zu erarbeiten. Hier schließen sich dann alle weiteren politischen und gesellschaftlichen Fragen an. Die Botschaft der Bibel besitzt eine eminent politische und gesellschaftliche Option. Papst Franziskus hat dies zuletzt mit seiner Umweltenzyklika "Laudato si" betont.

Wolfgang Thönissen

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