Absurd

Lehrstück über Gehorsam
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In nur 75 Minuten begleitet die wandelbare Stimme Klaußners die Entscheidung zweier Menschen, auf eigene Verantwortung zu handeln.

"Der Krieg wird nie aufhören - für uns, die dabei waren", resigniert der Funkmaat in Siegfrieds Lenz Erzählung "Ein Kriegsende". Vielleicht ist auch das der Grund, warum die 1984 geschriebene Erzählung mit dem distanziert anmutenden unbestimmten Artikel "ein" Kriegsende überschrieben ist.

Erzählt wird die Geschichte des Minensuchbootes M12, dessen Besatzung sich vor siebzig Jahren, Anfang Mai 1945, auf den Weg nach Kurland macht. Die letzten Monate vor Kriegsende war es in Dänemark stationiert. Während Kapitän und Besatzung sich auf den Seeweg machen, um den Befehl auszuführen, möglichst viele Überlebende nach Hause zu holen, erreicht sie die Nachricht der Teilkapitulation in Lüneburg. "Ich kann nur einen Befehl ausführen, wenn ich ihn einsehe", sagt der Steuermann Bertram und zwingt den Kapitän zur Rückkehr. Beide kennen sich noch aus der Zeit vor dem Krieg, als sie als Kapitäne auf Fischdampfern fuhren.

Der Schauspieler Burghart Klaußner liest in verschieden modulierten Tonlagen die Dialoge der Besatzung und gibt dem Ich-Erzähler, dem Rudergänger, eine eindringliche Stimme. Klaußner versteht es, die Gemengelage an Bord herauszuarbeiten, die zwischen Gehorsam und Ungehorsam wankt. Schließlich steht auf Befehlsverweigerung die Todesstrafe; der Krieg scheint vorbei zu sein. Doch so einfach liegen die Dinge nicht, erfährt die Hörerin in diesem eindringlich kurzen Hörstück. In nur 75 Minuten begleitet die wandelbare Stimme Klaußners die Entscheidung zweier Menschen, auf eigene Verantwortung zu handeln. Fern der Kapitulationsurkunde, direkt in die Katastrophe hinein.

Siegfried Lenz: Ein Kriegsende. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2015, Audio-CD.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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