Jenseits der App

Ein Punktum
Die Bahn-App ermöglicht gemütliche Frühstücke und Ausflüge ans Klavier. Doch Achtung! Es gibt ein Leben jenseits der App...

Die Bahn ist besser als ihr Ruf. Früher in der alten Bundesrepublik, wäre es unmöglich gewesen, dass man per App der Deutschen Bahn jederzeit auf dem Laufenden gehalten wird, ob die Züge pünktlich sind, oder verspätet. Es gab noch keine Apps. Die Bahn-App aber ermöglicht es im 21. Jahrhundert entspannt am häuslichen Frühstückstisch sitzen zu bleiben und noch eine Tasse Kaffee im Kreise der Lieben zu genießen, wenn die rot unterlegte Notiz "+20" in der Bahn-App andeutet, dass sich der ICE etwa 20 Minuten verspäten wird. Das heißt, mindestens eine Straßenbahn später zum Bahnhof nehmen, eigentlich sogar zwei.

Doch Achtung! Aus "+20" kann natürlich jederzeit "+30" werden, das ist klar. Seltener, aber gar nicht so viel seltener, hingegen kommt es sogar vor, dass die ICEs sportlichen Ehrgeiz entwickeln. Und zwar einen die App-Prognose sprengenden Ehrgeiz. Dann kommen sie doch früher an, als per Bahn-App prognostiziert. Dann kann es vorkommen, dass man die zusätzlich genossene Tasse Kaffee oder den kurzen Ausflug ans Klavier bereut: Denn dann hat der ICE nach Berlin völlig unbemerkt von der App die vermeldete Verspätung aufgeholt - womöglich noch hinter Bielefeld - und sich im fulminanten Spurt Hannover genähert. Die einfache Moral der Geschichte: Eine Garantie auf Einhaltung von Verspätungen, die von der Bahn-App prognostiziert werden, gibt es nicht.

Aber es geht auch anders: Extra früh ist man aufgebrochen, eine Straßenbahn früher, vielleicht zwei, um in der DB-Lounge einen Latte Macchiato genießend in Ruhe die Tagespresse zu sondieren. Die App zeigt freundlich grün "+0" - alles gut. Gestärkt und gebildet eilt man pünktlich zum Gleis, um dort auf der Anzeigentafel lesen zu müssen "heute ca. 10 Minuten später". Ohhh, da hätte man doch noch eine Tasse Kaffee gemütlich in der Lounge ..., ach, stell dich nicht so an, frische Luft ist doch gesund. Dann die Durchsage: "Meine Damen und Herren, der ICE 853 ... (die ganzen Haltestationen seien hier platzschonend außer Acht gelassen) ... wird fünf Minuten später abweichend auf Gleis 10 eintreffen". Gleis 10? Das ist der Bahnsteig nebenan. Eine kleine Völkerwanderung setzt sein. Und kaum ist der Bahnsteig erklommen, rollt er auch schon ein, rein und weiß, ICE 853. Klasse, Bahn!

Doch zu früh gefreut. Als alle es sich im Zug gemütlich gemacht haben, kommt eine weitere Durchsage: "Die Abfahrt unseres Zuges wird sich verzögern, wir warten auf einen Zugführer aus einem verspäteten ICE aus Richtung Hamburg." Ach je, auch das noch. Dann, ein ganz paar Minütchen später, tönt es: "Der Lokführer ist soeben eingetroffen, wir werden in Kürze die Fahrt nach Berlin-Ostbahnhof fortsetzen." Wunderbar. Aber die Kürze streckt und streckt sich. Schließlich geht es los. Aus wahrgenommen grün"+0" sind real rot "+27" geworden. Ganz jenseits der App.

Reinhard Mawick

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