Underwisung zur ewigen Sälikeit

In der Nikolaikirche in Isny, im württembergischen Allgäu, befindet sich die Prädikantenbibliothek - ein kultureller Schatz
Hopfen hinter den Buchreihen reguliert die Luftfeuchtigkeit. Foto: Martin Glauert
Hopfen hinter den Buchreihen reguliert die Luftfeuchtigkeit. Foto: Martin Glauert
Dem Blick des Gottesdienstbesuchers in der Kirchenbank bleibt die kleine schmiedeeiserne Tür in der Altarnische verborgen. Dabei liegt hier der Zugang zu einer kulturellen Schatzkammer: Im Turmzimmer der Nikolaikirche in Isny (Allgäu) befindet sich die 500 Jahre alte "Prädikantenbibliothek", die nahezu unbeschädigt die Kapriolen der Weltgeschichte überstanden hat, wie der Journalist Martin Glauert bei einem Besuch feststellen konnte.

Der Gang ist stockfinster und eng. Die Steinstufen sind alle unterschiedlich hoch, vorsichtig tastet man sich empor, den Kopf tief eingezogen, um nicht an die niedrige Decke zu stoßen. Ein wohlgenährter Mönch oder Pfarrer käme hier niemals durch, schießt es einem durch den Kopf. Zwei scharfe Kurven macht der Gang, dann tritt man in eine kleine Kammer, deren Atmosphäre den Besucher sofort verzaubert. Ein altertümlicher Tisch steht in der Mitte, darauf liegt ein schwerer Teppich. Die Wände aber sind rundum bis zur Decke mit Bücherregalen zugestellt, die alten ledernen Einbände der Folianten ergeben ein warmes Mosaik. Durch zwei Fenster mit Butzenscheiben fällt müdes Licht. Fast unwirklich still ist es hier oben, und unwillkürlich fühlt man sich mehr als ein halbes Jahrtausend in die Vergangenheit zurückversetzt.

Damals, in der Mitte des 15. Jahrhunderts, kam es offenbar zu einem Zerfall der überkommenen sittlichen und religiösen Ordnung. Das schloss den Klerus keineswegs aus, wie alte Protokolle verraten. Die Kapläne in Isny versäumten ihre Pflicht zum Gottesdienst aus lasterhaften Gründen, des "spils, brassens und huryg halb". Der Pfarrer der Nikolaikirche gar wurde inhaftiert, weil "er ein gar ergerlich leben gefürt" und ein "friedhessiger und unverträglicher mann gewesen" sei. Er starb wenige Wochen später im Gefängnis.

Um dem Sittenverfall entgegenzuwirken, entstanden vor allem in den reichsfreien Städten so genannte Prädikaturen, also Predigerstellen, die auf den rechten Weg zurückführen sollten. Im Jahr 1462 stiftete Johannes Guldin seiner Vaterstadt Isny eine solche ,,predicatur zu underwisung des wegs zu der ewigen sälikeit". Bedingung war, dass die Prediger rechtschaffen, eifrig und auch wissenschaftlich auf der Höhe ihrer Zeit waren. Um das zu gewährleisten, wurde ihnen diese Bibliothek eingerichtet.

Foto: Martin Glauert
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Fensternische mit einer Darstellung von Maria.

Foto: Martin Glauert
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Die Decke ist mit Ornamenten und verborgenen Tieren bemalt.

Ein eigenartiger, aber angenehmer Geruch liegt im Raum. Johannes Ringwald, ehemals Pfarrer hier in der Nikolaikirche und heute kundiger Führer, liefert des Rätsels Lösung. Er greift hinter eine Buchreihe, es raschelt, dann fördert er eine Hand voll getrockneten Hopfen zu Tage. "Der Hopfen reguliert die Luftfeuchtigkeit, genauer als Hygroskop und Klimaanlage, und das immerhin schon seit 500 Jahren. Erst seit die Kirche kürzlich energetisch saniert, also gedämmt wurde, funktioniert das nicht mehr so richtig." Nebenbei enthält der Hopfen antimikrobielle Stoffe, die auch das Entstehen von Bücherwürmern verhindern. Deshalb liegen tatsächlich in jedem Regal und hinter jeder Bücherreihe die gelben Hopfen, die nur alle zehn Jahre erneuert werden müssen.

Durchdacht konstruiert

Überhaupt ist es verblüffend, wie durchdacht die Vorfahren die Bücherei konstruiert haben. Die knapp drei Meter dicken Mauern sorgen auch im Winter für eine relativ gleich bleibende Temperatur, die Fenster gehen nach Norden und Osten, so dass nicht zu viel Sonnenlicht in den Raum fällt, das den Büchern schaden könnte. Die Wandnischen neben den Fenstern sind mit grüner Farbe bemalt. Der Farbton wird durch das verwendete Kupferoxid hervorgerufen, das eine Schimmelbildung verhindert.

Foto: Martin Glauert
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Ein Kenner der Bibliothek: Pfarrer Johannes Ringwald.

Foto: Martin Glauert
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Ein chaldäisches Wörterbuch von 1541.

In der östlichen Fensternische sehen wir Maria, ungewöhnlich unspektakulär, weder Heiligenschein noch Sternenkranz umgeben sie, keine Krone und kein Zepter. In der Hand hält sie lediglich eine Birne als Symbol der Mutterschaft. Sie steht unter einem einfachen Holzbrett, auf dem zwei Bücher liegen, das Alte und das Neue Testament. So stellt sie sich unter das Wort, eine radikal reformatorische Grundhaltung. Im Nordfenster zeigt sich Christus mit Heiligenschein, langen schwarzen Haaren und einer markanten Nase, was manche Besucher spontan an Winnetou erinnert, wie Pfarrer Ringwald amüsiert berichtet. Schaut der Gottessohn kritisch oder nur konzentriert, während er in dem Buch in seinen Händen liest?

Bunte Buchstaben

Das könnte er geradewegs aus einem der Regale gegriffen haben. Vieles erschiene ihm vielleicht bekannt, die alten Bibeln etwa, am Ende des 12. Jahrhunderts mit Hand auf Pergament geschrieben, mit ihren wunderschönen bunten und goldenen Zierbuchstaben. Mühelos hätte der Jude Jesus die hebräischen und chaldäischen Bücher gelesen, zum Beispiel "Das Buch des Glaubens oder der Wahrheit" von 1542, eine alte jüdische Schrift, die die Wahrheit des christlichen Glaubens beweisen will.

Foto: Martin Glauert
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Augustinus: De Civitate Dei. Wiegendruck von 1468.

Foto: Martin Glauert
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Fensternische mit Darstellung eines lesenden Christus.

Was aber hätte er wohl gedacht bei der Lektüre der Reformatoren? Siebzig Schriften Luthers sind im Original erhalten, ebenso die seines Mitarbeiters Melanchthon und sogar eine Abendmahlschrift von Ulrich Zwingli mit eigenhändiger Widmung. Die Prädikanten hielten ihre Predigten in deutscher Sprache und trugen so dazu bei, dass reformatorisches Gedankengut in der Bevölkerung weite Verbreitung fand.

Auch andere Disziplinen

Dann wird es weltlich. Abhandlungen über Rechtswissenschaft, Geschichte und Geographie tauchen auf. Schmuckstück ist ein Amsterdamer Weltatlas in Schweinsledereinband mit Goldpressung und Goldschnitt. Die Prädikanten mussten zwar akademisch gebildete Theologen sein, nicht aber unbedingt Priester. Vielmehr sollten sie auch in anderen Disziplinen bewandert sein. Der Prediger war in erster Linie Seelsorger, es wurde aber auch von ihm erwartet, dass er den Leuten helfen konnte, wenn sie krank wurden. Deshalb verwundert es nicht, mittelalterliche Handschriften mit medizinischen Vorlesungen aus Montpellier und Padua zu finden. Zeitweise gab es deshalb sogar handfeste Konflikte mit den Badern und Ärzten in Isny, die argwöhnten, dass die Prediger ihnen das Geschäft schmälern könnten.

Foto: Martin Glauert
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In der Mitte der Tisch mit dem Holbeinteppich.

Still und abgeschirmt vom Treiben der Welt konnten sich in diesem Turmzimmer die wissbegierigen Leser dem Studium widmen. Ihre einzige Lichtquelle bei Nacht war eine kleine Kerze oder ein Talglicht, das sie sich auf den linken Daumennagel hefteten, während sie mit der rechten Hand blätterten oder Notizen machten. Wenn der Leser sehr vertieft war, brannte das Licht unmerklich herunter, bis es ihm "auf den Nägeln brannte".

Noch nicht digital

Die Bücher sind noch nicht digital erfasst, "das wäre eine Lebensaufgabe", erklärt Pfarrer Ringwald. Zeit und Haltbarkeit erscheinen dabei relativ. Das älteste Buch stammt vom Ende des 12. Jahrhunderts und ist somit über 800 Jahre alt. Auch elektronische Datenträger oder Mikrofiche würden sicherlich niemals so lange halten. Keines der Bücher hier ist auf normalem Papier geschrieben, sondern auf Lumpen und Leinen. Holzhaltiges Papier, wie es heute Verwendung findet, wird im Laufe der Zeit von Säure zerfressen.

Nur gedämpft und wie von fern hört man den langen, tragenden Klang von Alphörnern, die heute auf dem Kirchplatz blasen. Die drei Meter dicken Mauern haben im Dreißigjährigen Krieg die Bibliothek vor der Zerstörung bewahrt, während die Kirche um sie herum abbrannte. Im Zuge der Säkularisation 1803 wurden die Bibliotheken der Klöster und Kirchen in der Umgebung geplündert und mit den Büchern buchstäblich die Straßen gepflastert. Diese Bibliothek aber blieb verschont. Ob in weiteren 500 Jahren auch noch Besucher in dieser Kammer stehen und staunen werden? Zu wünschen wäre es ihr.

Informationen

Evangelische Nikolaikirche, Kirchplatz 1, 88316 Isny. Telefon 07562/55902. Von Ostern bis 31. Oktober Führung jeden Mittwoch um 10.30 Uhr.

Text und Fotos: Martin Glauert

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