Zwischen zwei Kulturen

Ein deutscher Theologieprofessor erlebt Hongkong und seine Christen
Die Architektur des 1992 errichteten Lutheran Theological Seminary will die Zugehörigkeit des Christentums zur chinesischen Kultur verdeutlichen. Foto: Walter Sparn
Die Architektur des 1992 errichteten Lutheran Theological Seminary will die Zugehörigkeit des Christentums zur chinesischen Kultur verdeutlichen. Foto: Walter Sparn
In Hongkong finden zwar keine Massenproteste mehr statt, aber immer noch kleinere Demonstrationen gegen die pekingtreuen Machthaber. Welche Rolle dabei und auch sonst die christliche Minderheit spielt, schildert Walter Sparn. Der emeritierte Theologieprofessor aus Erlangen lehrte fünf Monate lang an der Lutherisch-Theologischen Hochschule, dem "Lutheran Theological Seminary" .

Der Gott Hongkongs sei das Geld, lautet ein gängiger Spruch der in den Banken und Anwaltskanzleien arbeitenden Europäer und Amerikaner. Und die einheimischen Christen reden vom Mammon, nennen das Geld "an idol", einen Götzen. Das tun sie besonders dann, wenn sie eine Wohnung suchen müssen, weil ihre Miete schon wieder um 50 Prozent erhöht worden ist. Und einen Mieterschutz gibt es nicht. Selten kann man eine neue Wohnung kaufen, in einem der Wohntürme. Sie kostet in den "New Territories" gegen 6.000 Euro pro Quadratmeter und auf Hongkong Island mehr als 10.000 - nach oben weit offen.

In der Regel sind die Christen nicht sehr arm. Aber einem Kuli kann es passieren, dass er um 400 Euro für einen der drei Käfige (ja, mit Metallstäben) zahlen muss, die im Zimmer einer Wohnung aufgestellt werden (erlaubt sind zwei). Wer nicht ganz so arm ist, kauft auf Kredit zum niedrigsten Zins eine Wohnung, die er in einem Jahr wieder mit Gewinn verkauft, und so weiter. Noch wächst die Immobilienblase.

In Hongkong residieren viele Millionäre und Milliardäre, und es hausen dort sehr viele Arme: 20 Prozent der Kinder leben unter der Armutsgrenze. Die Reichen zahlen fast keine Steuer. Aber das reicht der öffentlichen Hand, die Infrastruktur auszubauen und zu pflegen, von sechsspurigen Autobahnen bis zum Nahverkehr mit unzähligen Bussen und der meist überfüllten, aber pünktlichen und sauberen U-Bahn.

Gleich neben glitzernden Bürotürmen und sündhaft teuren Einkaufspassagen stehen Blechhütten an einem vermüllten Bach. Und am Weg steht ein zweisprachiges Schild und weist darauf hin, dass es verboten ist, hier zu kaufen oder zu bauen. Die Regierung, die das Bodenmonopol hat, wird die Hütte möglichst bald einem Investor verkaufen und zum Abriss freigeben. Die sich weiter öffnende Schere zwischen Reich und Arm war eine der Ursachen des Massenprotestes der Studenten mit den gelben Regenschirmen, den ich miterlebt habe.

Die Studenten kommen meist aus der Mittelschicht und können sich das (teure) Studium leisten. Setzen sie gerade deshalb der neoliberalen Ökonomie eine soziale Verpflichtung entgegen? Der andere, spektakulärere Grund ist die Bedrohung der (relativ) freien Presse und der (relativ) unabhängigen Gerichte durch Peking. Hongkong ist ja seit 1997 als "Sonderverwaltungszone" ein Teil der Volksrepublik China, auf der Grundlage des "basic law", das die Briten damals mit Peking vereinbarten und das bis 2047 gelten soll. Nach Meinung der Kritiker sieht dieses Grundgesetz 2017 allgemeine direkte Wahlen, "universal suffrage", der Hongkonger Bürger vor.

Keine Bürgergesellschaft

In der Bewegung Occupy Central formierte sich erstmals eine Bürgergesellschaft, die es in der Migrantenstadt Hongkong bislang kaum gegeben hatte: "Wir sind das Volk" stand auf Deutsch auf einem Plakat. Im Gegenüber zur gewaltbereiten Polizei handelte es sich bei den Massenprotesten im vergangenen Jahr um strikt gewaltfreien bürgerlichen Ungehorsam, der sogar bereit war, den Regierungsangestellten den Weg in die Büros freizuhalten. Es war die kreativste Dauermassenversammlung, die man sich denken kann - Diskussionen, Musik, aber auch Fachvorlesungen von Professoren, Kranken- und Seelsorgestationen, und der römisch-katholische Alterzbischof zelebrierte sogar eine Messe. Ja, die treibenden Kräfte waren mehrheitlich Christen.

Etwa zehn Prozent der sieben Millionen Einwohner Hongkongs sind Christen. Während es in der Volksrepublik China, auch "Mainland China" genannt, nur den "Katholizismus" und das (protestantische) "Christentum" gibt, leben in Hongkong viele Denominationen schiedlich-friedlich nebeneinander. So existieren dort fünf evangelisch-lutherische Kirchen, die sich den verschiedenen europäischen und amerikanischen Missionsgesellschaften verdanken. Immerhin tragen fast alle Konfessionen den ökumenischen Christenrat, der der deutschen Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) entspricht. Während der Massenproteste betonte er den Willen der Hongkonger Christen, "der Stadt Bestes zu suchen" (Jeremia 29,7), verurteilte öffentlich die Übergriffe der Polizei gegen die Demonstranten und forderte die Regierung zum Gespräch mit ihnen auf.

Der eigentliche Lebensort des christlichen Glaubens sind die kantonesisch sprechenden Gemeinden mit ihrem familienähnlichen Zusammenhalt, der intensiven Gottesdienstpraxis und dem diakonischen Engagement. Nicht weniger als etwa 45 Prozent der sozialen Aktivitäten in Hongkong gehen von christlichen Gemeinden aus. Eine andere Frage ist allerdings, ob sie ihr soziales Engagement auch politisch verstehen und zur Geltung bringen. Oft bleibt es bei einem karikativen Einsatz ohne den Willen zur Veränderung der Strukturen. Aber die ist auch schwierig bis unmöglich. Denn in Hongkong gibt es kaum so etwas wie eine Bürgergesellschaft, die selbstbewusst und wirksam der Stadt Bestes aushandeln dürfte.

Umso mehr beeindruckte, wie die Union Church, eine selbstständige nichtkonfessionelle zweisprachige Gemeinde, nicht nur das Pfarrhaus und Ehrenamtliche für die Hungrigen bereitstellte, sondern während der Massendemonstrationen bis frühmorgens müde und verletzte Menschen aufnahm und betreute. Oder zu erleben, wie christliche Schulen für die "civic instruction", die Staatsbürgerkunde kämpfen, gegen den Wunsch Pekings, sich auf "political instruction", das heißt das Einüben von Regimetreue, zu beschränken.

Christentum wächst

Hongkongs Kirchen müssen sich in einer schwierigen Situation zurechtfinden. In Mainland China ist das anders. Das staatlich registrierte Christentum ist prononciert staatstreu, während die inoffiziellen Hauskirchen sich mit den lokalen Behörden arrangieren müssen. Auf das starke Wachstum des Christentums reagiert das Regime in letzter Zeit jedoch negativ: Die Konversion zum christlichen Glauben bedeutet schließlich eine Öffnung nach draußen und eine Individualisierung, die der sozialen Kohärenz abträglich sein könnte, die chinesischen Traditionen entspricht. Man kann von einer chinesischen Religion reden, die die KP fördert, eine Mischung aus Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus, die Einfügung des Einzelnen in eine autoritär-hierarchische Gesellschaft, die über Familie, Ahnen, Geister und Götter in die große kosmische Harmonie eingebettet ist.

In Hongkong leben Christen dagegen unbehelligt, aber die chinesischen Religionsformen gelten weithin als die eigentlich einheimischen. Die Leute besuchen oft die neuen Tempel, um Reichtum, Liebesglück und langes Leben zu erbitten, zu opfern und bei Wahrsagern Horoskope abzufragen. Die Christen nehmen davon dezidiert Abstand, scheinen es aber als Element chinesischer Kultur hinzunehmen.

Trotz des relativen stabilen Status quo ist kirchliches Handeln in Hongkong immer ein Balanceakt zwischen Christlichem und Chinesischem. Auf dem politischen Feld kommt das zutage, wenn im Festgottesdienst zum 60. Gründungsjahr der größten lutherischen Kirche die Predigt, die der Bischof unter dem Titel "In Christus halten wir die Hände und gehen froh vorwärts" hält, nichts über die Richtung dieses "Vorwärts" verlauten lässt, weder kirchlich noch politisch - trotz der gleichzeitigen Proteste auf der Straße. Zwei Tage später äußerte sich der Bischof in den Nachrichten des Lutherischen Weltbundes anders: "Demokratie ist entscheidend für Hongkongs Zukunft" - für die westlichen Ohren?

Am schwierigsten ist die Balance zwischen den zwei Kulturen in der Ausbildung der zukünftigen Pfarrer, beginnend mit den zwei Ausbildungssprachen, kantonesisches Chinesisch und Englisch. Es gibt theologische Hochschulen, deren Profil eng auf die jeweilige Kirche zugeschnitten ist, zum Beispiel die baptistische oder die altlutherische (Missourisynode). Es gibt aber auch größere und theologisch breiter angelegte wie das Chung Chi College an der Chinesischen Universität, das Presbyterianer und Methodisten tragen, oder das Lutheran Theological Seminary (lts), die Hochschule evangelisch-lutherischer Kirchen. Beide Einrichtungen nehmen auch Studierende anderer Denominationen auf und nicht nur solche aus Hongkong, sondern auch aus Mainland China, dem übrigen Südostasien und dem westlichen Ausland. Das Chung Chi College akzeptiert auch Homosexuelle, während sie im LTS bislang keinen Platz haben. Ersteres engagierte sich auch klar für die Protestbewegung, letzteres hielt sich zurück, mit Rücksicht auf die Hongkonger Gemeinden und die offizielle Kirche in China.

Am LTS lehren eine Reihe von Dozenten aus den USA, Norwegen, Schweden und Deutschland. Sie unterrichten auf Englisch. Und das bedeutet eine Herausforderung für die Mainland-Chinesen und erst recht für die Studenten aus den Mekongländern und Indonesien, deren Englischkenntnisse nicht selten schwach sind. Auch die Dozenten können aus dem, was sie auf Englisch verstehen, nicht sicher schließen, was der Student wirklich meint. Dazu kommt noch die chinesische Lernweise, die auf Imitation und Reproduktion dessen zielt, was der Lehrer vorsagt. Das verarbeitende Mitschreiben der Vorlesung ist da nicht drin, und Diskussionen kommen kaum in Gang, schon weil Kritik am Lehrer tabu ist. Während das in der spirituellen Praxis weniger problematisch scheint, ist das homiletische Profil gewöhnungsbedürftig. Und die Liturgie tendiert zum Pompösen. Noch weniger erkennbar ist, ob und wie ethische Analysen angegangen werden und die Fähigkeit zu konkreter moralischer Urteilsbildung aufgebaut wird.

Eigentlich müsste man die Landessprache können, wie einst die Missionare. Denn die ohnehin hohe Mentalitätsbarriere wird durch die Asymmetrie der sprachlichen Kommunikation noch höher. Das ist selbst im Blick auf die chinesischen Dozenten selten anders. Denn Transparenz ist kein chinesischer Wert.

Im Dilemma

Umso rühmlicher ist es, dass das LTS seine Nachwuchsdozenten mindestens für ein Jahr ins westliche Ausland schickt. Denn das bedeutet, dass es sich nicht nur nach China orientiert, sondern auch zum westlichen Christentum hin. Damit steht die Hochschule allerdings in einem religionskulturellen und zugleich politischen Dilemma: Sie darf sich das Wohlwollen Pekings und des offiziellen Christentums in Mainland China nicht verscherzen. Als neulich ein Preis für christliche Literatur zum zweiten Mal an einen Exilschriftsteller ging, wurde der LTS-Präsident vorgeladen. Ihm wurde bedeutet: Wenn das nochmals passiere, gebe es keine Visa mehr für chinesische Studierende nach Hongkong und für die Dozenten des LTS nach Mainland China, dessen kirchlichen Hochschulen sie dringend brauchen. Da müssen die chinesischen Dozenten die Zensurschere möglichst schon im Kopf haben.

Der Herausgeber der LTS News, ein westlicher Dozent, widmete eine Nummer mit dem Titel "Hoffnung" der Protestbewegung, mit einem großen Foto ihrer gelben Schleifchen und dem Beitrag eines chinesischen Dozenten über "Civil disobedience - An impact on the Hong Kong Churches". In einer - nach westlichem Standard - haarsträubenden Aktion zog der Hochschulpäsident die bereits gedruckte Nummer aus dem Verkehr. Ein politisch wahrscheinlich unvermeidliches Schutzverhalten. Die Ersatznummer enthielt zwar weder Fotos noch kritische Artikel, aber - und das verdient großes Lob - die Reformationstagspredigt eines nichtchinesischen Dozenten, die das christliche Recht zum bürgerlichen Ungehorsam mit Luthers persönlichem Verhalten und seiner Ethik des Politischen verknüpft hatte.

Auch in Hongkong will chinesisches Christentum kein westliches Christentum sein oder werden. Die religionskulturelle Lage des protestantischen Europa wird von Hongkonger Christen skeptisch beurteilt. In dieser Sicht konvergieren das überlegene Selbstwertgefühl der chinesischen Kultur und das hohe moralische Bewusstsein von Christen. Man kann froh sein, wenn die Familienähnlichkeit der beiden Christentümer unstrittig bleibt.

Der personelle und finanzielle Einsatz deutscher Kirchen für die Hongkonger Kirchen ist auch deswegen nötig, weil die Stadt mehr und mehr von Peking vereinnahmt wird. So hat Hongkongs Gouverneur das "basic law" geändert. Anstelle der Aussage, das Volk von Hongkong "regiere" sich selbst, heißt es nun nur noch, es "verwalte" sich selbst.

Walter Sparn

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