Fiktion des Faktischen

Stand der Theologie (II): Wie der historische und der erinnerte Jesus zusammengehören
Agnus Dei (Das Lamm Gottes), Francisco de Zurbaran 1635/40 Foto: akg-images
Agnus Dei (Das Lamm Gottes), Francisco de Zurbaran 1635/40 Foto: akg-images
Die neutestamentliche Wissenschaft hatte sich lange Zeit nur als historische Disziplin verstanden. Ruben Zimmermann, Professor für Neues Testament in Mainz, zeigt, wie sich das geändert und die Theologie insgesamt befruchtet hat.

Wie schön war doch das Studium des Neuen Testamentes (NT) als man noch mit klaren Kriterien echte von unechten Jesusworten schied, die Entstehung des Ersten Petrusbriefs präzise datierte oder sich von Josephus sagen lassen konnte, wie der Johannes der Täufer wirklich war.

Inzwischen ist alles komplizierter geworden. Josephus gilt keineswegs mehr als faktenorientierter Geschichtsschreiber, dessen Informationen man als objektiven Maßstab gegen "tendenziöse" Texte des NT setzen kann. Datierungs- und Einleitungsfragen sind zweifelhaft geworden, und die Gültigkeit von Echtheitskriterien ist nicht nur in der Jesusforschung radikal bestritten worden. Bei diesen Veränderungen handelt es sich aber nicht nur um den üblichen Wandel der Wissenschaft. Vielmehr sind grundlegende frühere Überzeugungen ins Wanken geraten, wie die Möglichkeit oder theologische Notwendigkeit der Suche nach Ursprüngen und Fakten.

Der Umbruch ist nirgends deutlicher zu erkennen als in der Frage nach Jesus, der Kernfrage neutestamentlicher Wissenschaft. Noch ist hier und da der Abgesang des so genannten "third quest", der dritten Fragerunde nach dem historischen Jesus, zu vernehmen. Da wurden - politisch korrekt - das Judesein Jesu betont, die Jesustradition historisch plausibilisiert oder im Jesus-Seminar des amerikanischen Westar-Instituts authentische Jesusworte sogar durch Mehrheitsbeschluss der Wissenschaftler bestimmt. Doch die differenzierte Methodologie, breitere Wahrnehmung des Kontexts und auch die Einbeziehung von außerkanonischen Quellen wie des Thomasevangeliums haben nicht zu konsensfähigen Ergebnissen geführt. Stattdessen überraschte die Vielfalt wissenschaftlicher Jesusbilder: Neben dem jüdischen Restaurationspropheten (Sanders) stand der Sozialrevolutionär (Horsley). Und der kynische Weisheitslehrer (Crossan) oder Wandercharismatiker (Theißen) reihte sich an den Wunderheiler (Borg) und Exorzisten (Twelftree), um nur wenige Beispiele zu nennen.

Die linguistische Wende

Am Ende des third quest musste man schließlich einräumen: die Vielzahl der Jesusbilder spiegelte am ehesten die Vielzahl der Jesusforscher und konnte die historische Wahrheit nicht zu Tage fördern. Kein Wunder, dass sich manche daran erinnerten, was Albert Schweitzer hundert Jahre zuvor der liberalen Leben-Jesu-Forschung bescheinigt hatte. Mit Recht wurde kritisch gefragt, ob die Suche nach dem historischen Jesus jenseits des NT im Kern nicht verfehlt ist und sich die Kriterien der Authentizität nicht notwendigerweise im hermeneutischen Zirkel verfangen müssen.

Unterstützt wurde diese Skepsis durch Einsichten der Geschichtswissenschaft, die im Zuge des "linguistic turn" zu mehr Selbstkritik ihres eigenen Tuns herausforderte. Geschichtstheoretiker wie White überführten ausgerechnet Werke des Historismus eines "narrativen Plots", einer Erzählstruktur, obwohl diese sagen wollten, wie es wirklich gewesen war. Seither gilt als Gemeinplatz, was die Sprache immer bewahrt hat: Geschichte wird nur in Geschichten greifbar, history gibt es nicht ohne story. Mehr noch: Fakten sind, wie das lateinische factum (= gemacht) offenbart, keineswegs gegeben, sondern gemacht. Eine objektive Re-konstruktion von Ereignissen ist eben unmöglich. Denn Ereignisse werden bereits im Moment des Geschehens gedeutet und interpretiert, sogar von den Erlebenden und Augenzeugen. Deshalb gibt es nur die Fiktion des Faktischen.

Damit war der Ideologie der Rekonstruktion der Fakten als Maxime neu-testamentlicher Wissenschaft der Boden entzogen. Und dies hatte auch gravierende methodische Konsequenzen: Die klassischen Regeln der historisch-kritischen Suche nach den Ursprüngen müssen revidiert werden. Ja, muss die geschichtliche Rückfrage sogar gänzlich aufgegeben werden?

Ein Ausweg bot die Gedächtnisforschung. Die frühchristliche Geschichte wurde hierbei als Erinnerungsgeschichte gedeutet, und die Evangelien wurden entsprechend als Erinnerungsmedien gesehen, in denen Vergangenheit bewahrt und zugleich für die Gegenwart relevant ausgelegt wurde. Um ein Beispiel zu nennen: Die Evangelien erinnern an den Tod Jesu an einem Passafest, aber mit unterschiedlichen chronologischen Details, sei es der Vortag zum Passa, dem 14. Nisan, wie bei Johannes, oder am 15. Nisan wie bei den Synoptikern.

Gedächtnisorientierter Ansatz

Die historische Jesusforschung versuchte eine eindeutige Klärung. Aber diese war nicht zu erreichen. Jede Erzählung ist zwar faktual auf das Passafest bezogen, aber zugleich zeigt sie einen theologischen Gestaltungswillen, der die Ereignisse in einen größeren Erzählzusammenhang einordnet: das Passamahl bei den Synoptikern, die Schlachtung des Passalamms bei Johannes.

Ein gedächtnisorientierter Ansatz ist gerade an der fruchtbaren Verbindung zwischen historischer Referenz und literarischer Erzählung interessiert. Innerhalb der Jesusforschung wird dieser Memory Approach schon als neues Leitparadigma gepriesen, bei dem die Frage nach dem historischen Jesus derjenigen nach dem Jesus remembered (Dunn) weichen musste.

Während die geschichtliche Gedächtnisforschung für die Analyse von Texten wenig konkretes Handwerkszeug bot, hat die literaturwissenschaftliche Gedächtnisforschung Texte als Erinnerungsmedien gewürdigt. Dies kommt einem narrative turn des Memory Approach gleich. Der erinnerte Jesus ist zugleich der erzählte Jesus. Weil die Texte des Neuen Testaments Anfangs- und Endpunkt der Analyse sind, ist man gut beraten, sie auch in ihrer sprachlichen Gestalt zu würdigen. Die Erzählforschung bot hierbei eine ausdifferenzierte Theorie der Textinterpretation. Einige Beispiele sollen zeigen, wie dieser Perspektivenwechsel Einfluss auf klassische Felder der Jesus- und Evangelienforschung hat: Bei Gleichnissen interessiert nicht mehr die ipsissima vox der Gleichnisrede Jesu (Jülicher, Jeremias). Vielmehr können sie literarisch als metaphorische Texte analysiert werden, die als typisierte Erinnerungsmedien einen Gedächtnisprozess einfangen, bei dem der Erzähler des Gleichnisses selbst als "Gleichnis Gottes" inszeniert wird und die Leserinnen und Leser in einen dynamischen Prozess aktueller theologischer Sinnfindung hineinzieht.

Hatten sich die Neutestamentler bei den Wundern lange an der Frage abgearbeitet, was wirklich passiert sein kann, wird der Blick nun auf die Erzählweise gelenkt, in der eine charakteristische Spannung zwischen geschichtlichem Referenzanspruch und dem die Realität durchbrechenden Inhalt aufgebaut wird. Es ist gerade diese paradoxe Zuordnung zwischen Vergangenheitsbezug und der Irritation gewohnter Erfahrung, die die Wundererzählungen als "fantastische Tatsachenberichte" zu einem provokanten Medium der Jesuserinnerung und Gottes-offenbarung macht.

Narrative Christologie

Schließlich wird auch die Frage der Christologie nicht mehr auf die historische Rekonstruktion der Selbstidentifikation Jesu mit einem traditionellen Hoheitstitel wie Messias oder Menschensohn reduziert. Vielmehr wird untersucht, wie die Erzählung selbst oder die Übertragung von Metaphern wie "Sohn" eine narrative Christologie oder Christopoetik erzeugt.

Ein Umdenken erwirkt hat die neue Wahrnehmung der Texte hinsichtlich ihres sprachlichen Eigenwerts auch in anderen Bereichen der neutestamentlichen Wissenschaft: Der Verfasser des lukanischen Doppelwerks muss nicht mehr zwischen den Polen "Historiker" oder "Poet" hin- und hergezerrt werden. Denn sein Werk hat sowohl historiographischen als auch poetisch-theologischen Anspruch.

Wurden Personen der erzählten Welt vielfach nur auf historische Gestalten und Gemeinden bezogen, können jetzt Figuren des Johannesevangeliums wie der "Lieblingsjünger" in ihrem literarisch-theologischen Eigenwert gewürdigt werden, ohne einen geschichtlichen Anspruch negieren zu müssen. Zum Beispiel wird Johannes der Täufer bereits im Prolog des vierten Evangeliums als geschichtliche Gestalt erinnert, aber zugleich im Konzept des idealen Zeugen inszeniert, das wiederum den Adressaten zum Modell werden kann.

Bei Paulus geht es nicht mehr primär um die Frage, ob Jesus nun tatsächlich ein "sühnendes Opferlamm" war oder "losgekauft" wurde, sondern wie zum Beispiel traditionelle Kult- oder Sklavenerfahrungen innerhalb metaphorischer Aussagen genutzt wurden, das geschichtliche Ereignis des Kreuzes zu deuten und zu verstehen.

Hatte sich die Frage nach der Pseudepigraphie der Deuteropaulinen oder Pastoralbriefe zu einem Bekenntnis der Wahrheit hochstilisiert, wird bei einer literarischen Betrachtung das Stilmittel der "Verfasserfiktion" gewürdigt, das genutzt werden konnte, um der Wahrheit des Evangeliums ohne jede Betrugsabsichten bei der gegenwärtigen Kommunikation zu dienen.

Die Beispiele ließen sich reichlich vermehren. Aber nun drängt sich die Frage auf, ob mit dem narrative turn nicht umgekehrt die geschichtliche Dimension der Texte verloren geht. Wird mit der sprachlichen Würdigung der Texte nicht der geschichtlichen Rückfrage ausgewichen, die doch zum Grundbekenntnis der Inkarnationstheologie gehört, dass Jesus konkret, in Raum und Zeit, gelebt hat?

Obgleich die historische Rückfrage reflektierter und hinsichtlich der Rekonstruierbarkeit von Vergangenheit bescheidener ausfallen muss als früher, bleibt sie für die neutestamentliche Wissenschaft unverzichtbar. Denn die Texte des NT sind keine zeitlosen Mythen, sondern müssen in ihrem Selbstanspruch ernstgenommen werden, faktuale, geschichtlich referenzielle Texte zu sein. Um sie zu verstehen, sind Kenntnisse über ihre Entstehungskontexte und -zeiten nicht nur hilfreich, sondern geradezu notwendig.

Auch hier wird gegenwärtig intensiv geforscht. Nicht nur die inzwischen stärker ausgewerteten Textfunde von Qumran und Nag Hammadi haben ein facettenreiches Bild der antiken mediterranen Kultur entstehen lassen, sondern auch die Arbeit am Corpus Hellenisticum, den jüdischen wie auch philosophischen griechischen Schriften um die Zeitenwende,

Das Finden von Motiv- und Begriffsparallelen ist dabei durch den Einsatz von Computerkonkordanzen entscheidend erleichtert worden. Besonderer Erwähnung bedarf auch die biblische Archäologie. Als multidisziplinäres Unternehmen erhellt sie entscheidend die Entstehungskontexte der frühchristlichen Texte.

Homöopathische Dosen

Es ist nicht übertrieben, wenn man gelegentlich von einer neuen "religionsgeschichtlichen Schule" spricht, bei der das Neue Testament als ein (kleiner) Teil der antiken Kultur und Textwelt begriffen wird. Aber die hochspezialisierten unterschiedlichen Methoden lassen bisweilen den Eindruck entstehen, dass sie unverbunden nebeneinander stehen. Der Religionsgeschichtler steht in der Gefahr, verliebt in fremde Texte und Kulturen, die Texte des NT zunehmend aus dem Blick zu verlieren. Der Literaturwissenschaftler wagt sich als terminologischer und methodologischer Hochseilartist kaum noch bis in die Niederungen konkreter Textauslegung. Dabei bietet gerade der narrative turn der Geschichtswissenschaft, wie auch der realistic turn der Literaturwissenschaft Chancen der gemeinsamen Wahrnehmung von Geschichte und Text, wie oben am Beispiel der Jesusforschung skizziert.

Die Texte des Neuen Testaments sind historisch-literarische Wirklichkeitserzählungen, die nur in der Integration beider Zugänge angemessen zu interpretieren sind. Die erzählende Vergegenwärtigung schafft eine Brücke zwischen den ersten Adressaten und den gegenwärtigen Rezipienten und bringt die neutestamentliche Wissenschaft wieder stärker zu ihrem Kerngeschäft zurück: Das ist die sinnstiftende Auslegung neutestamentlicher Texte. Die Texte des NT sind gemeinsam mit denen des Alten Testaments gewordener Kanon, Maßstab des Christentums. Die Interpretation des Neuen Testaments kann sich deshalb weder mit geschichtlicher Archivierung zufrieden geben noch mit narratologischer Deskription. Vielmehrt zielt sie auf gegenwärtiges Verstehen und theologische Sinnstiftung. Und dies bedarf einer Wiederbelebung hermeneutischer Reflexion einschließlich ihrer theologischen Prämissen.

In einer sich ausdifferenzierten Methodik transformierte die neutestamentliche Wissenschaft immer mehr zu einem Spezialistenfach, das sich in die Verästelungen philologischer oder religionsgeschichtlicher Detailbeobachtungen verirrte. Kein Wunder, dass - umgekehrt - auch die Rückbeziehung der gegenwärtigen Dogmatik oder Ethik auf das NT auf homöopathische Dosen reduziert wurde.

Der Blick in die Geschichte der Bibelauslegung macht allerdings deutlich: Gegenwärtige Sinnstiftung ist schon immer mittels ganz unterschiedlicher Zugänge zur Entfaltung gekommen: Man denke an den vierfachen Schriftsinn oder die Sehepunkte des Chladenius. Der aktuelle Methodenpluralismus kann somit an eine bewährte Tradition anknüpfen, bei der Schriftauslegung noch als Auslegungskunst verstanden wurde. Mehr Ehrlichkeit hinsichtlich der Konstruktivität ihres Tuns, und Mut zu Kreativität und Ästhetik, würden die neutestamentliche Wissenschaft nicht nur farbenfroher und freudiger ins 21. Jahrhundert bringen, sondern auch interessanter machen als Gesprächspartnerin für andere theologische Disziplinen und darüber hinaus.

Stand der Theologie (I): Das Alte Testament
Stand der Theologie (III): Systematik

Ruben Zimmermann

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