Flügelaltar

Geschichte der Sehnsucht
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Julian Barnes benötigt nur drei Kapitel, um die irdische Vertikale zur kartographieren, die in drei Sehnsuchtsgeschichten eingefangen wird.

Wer jemals den Roman "Die Geschichte der Welt in 10 Kapiteln" verschlungen hat, kann nur mitleidig über die Flatrate-Historiker lächeln, die jede Petitesse zu fetten Leseungetümen hochjazzen, nie vorher ist in einem Roman so brillant die irdische Horizontale auf engstem Raum verdichtet worden. In seinem jüngsten, schmalen Buch benötigt Barnes nur drei Kapitel, um die irdische Vertikale zur kartographieren, die in drei Sehnsuchtsgeschichten eingefangen wird: als Sehnsucht zu fliegen, zu lieben, zu erinnern - als Abenteuergeschichte, irdische Liebesgeschichte und als Trauergeschichte.

Wir lernen kennen: einen der verwegenen Pioniere der Luftfahrt, den Aeronauten und somit den Nachfahr der Argonauten und Vorläufer von Google-Earth, den Journalisten, Karikaturisten und Fotographen Tournachon genannt "Nadar", der zwei Dinge zusammenbrachte, die Ballonfahrt und die Fotographie, und damit die Welt veränderte, weil erstmals das menschliche Auge die Welt "senkrecht von oben" bestaunen konnte und somit der göttliche Blick einen Demokratisierungsprozess durchlief. "Ich konnte gleichsam hören, wie ich lebte", notierte Nadar, als der Ballon abhob.

Wir lernen kennen die exzentrische, männermordende Schauspielerin Sarah Bernhardt und den ebenfalls ein wenig exzentrischen Colonel Fred Burnaby von den Royal Horse Guards, beide "Ballonisten", sie kamen nächstens zusammen, "er konnte sich leben hören", aber die Hochstimmung hielt nicht, der stürmische Aufschwung verpuffte. "Warum streben wir dann ständig nach Liebe? Weil in der Liebe Wahrheit und Magie zusammentreffen. Wahrheit wie bei der Fotographie, Magie wie bei der Ballonfahrt."

Wir lernen kennen den Witwer Barnes, dessen Frau Pat Kavanagh, die Agentin und Ehefrau von Julian Barnes, nach dreißigjähriger Ehe, nur 37 Tage nach der medizinischen Hiobsbotschaft, 2008 starb. "Man bringt zwei Menschen zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden. (...) Dann wird irgendwann, früher oder später, aus dem einen oder anderen Grund, einer von beiden weggenommen. Und was weggenommen wurde, ist größer als die Summe dessen, was vorher dagewesen war. Mathematisch mag das nicht möglich sein, aber emotional ist es möglich."

Barnes nennt seine Frau, die für einige Jahre die Ehe verließ und in einer lesbischen Beziehung lebte, dann aber zurückkam, sein Herzblut und seinen Lebensnerv. Dieser milde Skeptiker und ernüchterte Agnostiker betrauert den Verlust der Unterwelt, aus dem Orpheus seine Eurydike zurückholen konnte, betrauert den Tod Gottes und damit den Verlust des Paradieses, ergibt sich dem Gedanken, dass das Universum einfach seine Arbeit macht. Vom Selbstmord hält ihn nur seine Rolle als nachgelassener Ehemann ab, der als "Haupterinnerer" die postmortale Existenz seiner Frau garantiert. Leid kann sich für Barnes sogar als moralischer Raum erweisen, denn "Schmerz wirkt als Geschmacksverstärker der Erinnerung; Schmerz ist ein Liebesbeweis." So lautet die Quintessenz dieses großen Trauernden. Schmerz ist die spätmoderne und nachreligiöse Kontingenzbewältigungspraxis. Dieses Buch, das in der deutschen Übersetzung unter einem leider sehr unglücklichen Titel erscheint, erlaubt eine schmerzlich-schöne Erkundung des Vertikalen.

Julian Barnes: Lebensstufen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015, 144 Seiten, Euro 16,99.

Klaas Huizing

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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