Kirche oder Gasthaus

Beim "Uracher Götzentag" suchte man 1537 einen Kompromiss in der Bilderfrage
Hätte man Herzog Ulrich gehorcht, wäre der Altar der evangelisch gewordenen Klosterkirche Blaubeuren beseitigt worden. Foto: dpa/ Reinhard Schmid
Hätte man Herzog Ulrich gehorcht, wäre der Altar der evangelisch gewordenen Klosterkirche Blaubeuren beseitigt worden. Foto: dpa/ Reinhard Schmid
Die Reformation in Württemberg hatte eine Besonderheit: Für das Unterland war ein Lutheraner zuständig, für das Oberland dagegen ein Theologe, der zwischen Martin Luther und dem Zürcher Reformator Ulrich Zwingli vermitteln wollte. Während sie sich in der Abendmahlsfrage einigen konnten, kam es in der Bilderfrage zum Streit. Wie der ausging, zeigt Wolfgang Schöllkopf, Landeskirchlicher Beauftragter für württembergische Kirchengeschichte.

Wäre es nach Herzog Ulrich von Württemberg gegangen, wäre der berühmte spätgotische Hochaltar des bei Ulm gelegenen Klosters Blaubeuren, geschaffen von Künstlern der Ulmer Schule Ende des 15. Jahrhunderts (siehe Foto), in der Reformation beseitigt worden. Nur die Besonnenheit Matthäus Albers, des Leiters der in Blaubeuren eingerichteten evangelischen Klosterschule und zuvor Reformator der Freien Reichsstadt Reutlingen, verhinderte es.

Dieses Beispiel steht für die Auseinandersetzung, die bei der Reformation Südwestdeutschlands über die Bedeutung der Bilder geführt wurde. Wie sollte man mit dem Erbe mittelalterlicher Kunst umgehen? Erbe fordert heraus, kann angetreten oder abgelehnt werden. Im klassischen Thema der christlichen Bilderverehrung wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Schon hatte er in den oberdeutschen Reichsstädten und ihrem Umland reformatorisches Gedankengut gegärt, nicht zuletzt durch Martin Luthers Schüler und Schriften, aber auch wegen Einflüssen aus der nahen Schweiz.

Die Einführung der Reformation im Herzogtum Württemberg kam aber erst relativ spät zustande, als Herzog Ulrich nach fünfzehnjähriger Vertreibung durch die kaiserlichen Truppen 1534 wieder in sein Land zurückkehren konnte. Eingefädelt hatte die Rückkehr sein Verwandter, Landgraf Philipp von Hessen, der damit die reformatorische Bewegung im Südwesten stützen wollte. Finanziert hatte die Rückkehr aber maßgeblich der französische König Franz I. Das zeigt die geopolitische Lage des größten Territorialstaats im Südwesten des Reiches, der wie ein Puffer zwischen den Großmächten Frankreich und Habsburg wirkte. Dazu kam die geotheologische Lage zwischen der lutherischen und der schweizerischen Reformation und den zwischen ihnen vermittelnden oberdeutschen Reichsstädten unter der Führung des Straßburger Reformators Martin Butzer.

Die Aufteilung des Herzogtums Württemberg, entsprechend den jeweiligen reformatorischen Einflüssen, schuf - ganz pragmatisch - einen lutherischen Teil mit dem Reformator Erhard Schnepf im Norden und einen oberdeutschen Teil mit dem Reformator Ambrosius Blarer im Süden. Volkstümlich wurde diese Aufteilung mit "ob und unter der Steig" beschrieben. Die Alte Weinsteige in Stuttgart stand für eine imaginäre Verwaltungsgrenze. Beide Teile sollten zwischen lutherischem und schweizerisch-oberdeutschem Einfluss vermitteln, was sich aber - wen wundert's - als wenig praktikabel erwies. Beiden Reformatoren waren Herzog Ulrich empfohlen worden: Der Lutheraner Schnepf aus Heilbronn von Landgraf Philipp von Hessen, seinem Berater in reformatorischen Angelegenheiten, und der oberdeutsche Blarer aus Konstanz von Martin Butzer.

Nach den ersten Klärungsversuchen zu den Themen Gottesdienst und Abendmahl, Pfarrerausbildung, Kirchengut und Schulen versuchten der Herzog und seine Räte auch in der Bilderfrage eine Einigung herbeizuführen: Am 10. September 1537, drei Jahre nach Einführung der Reformation, kam es im Uracher Schloss zu einem folgenreichen Lehrgespräch über die Bedeutung der mittelalterlichen Bilder in den nun evangelisch gewordenen Kirchen. Auch die der ehemaligen Residenz benachbarte Uracher Amanduskirche, gerade prächtig umgebaut, war voller Altäre und Heiligenfiguren. In Württemberg galt mit dem herzoglichen Pfingsterlass vom 5. Juni 1536 die auf Luther zurückgehende differenzierte Regelung: "Ärgerliche" Bilder, die zur Anbetung verführen, sollten entfernt, "nützliche" Bilder, mit Darstellungen der biblischen oder kirchlichen Geschichte, dagegen belassen werden.

Hier zeigte sich der Bildungsansatz der Reformation, die dem nützlichen Bild Bildendes zusprach, es aber damit in einem engen Kunstbegriff pädagogisierte. Den Anhängern der schweizerischen Reformation aber war dies nicht radikal genug. Und so kam es zum Streit zwischen den württembergischen Reformatoren Schnepf und Blarer. Hatten sie sich beim Abendmahl 1536 überraschend einigen können, brach der Konflikt an der Bilderfrage auf. Die Teilnehmer an der Schlichtung im Bildergespräch waren neben den beiden Reformatoren, auf theologischer Seite der Uracher Pfarrer Wenzelaus Strauß, Kaspar Gräter von Schwäbisch Hall, Matthäus Alber samt Johannes Schradin von Reutlingen, sowie Johannes Brenz, der spätere gesamtwürttembergische Reformator. Letzterer war als Vertreter der Universität Tübingen anwesend, zusammen mit Paul Constantin Phrygio. Von politischer und juristischer Seite nahmen die Adeligen Hans Konrad Thumb von Neuburg und Balthasar von Gültlingen sowie die rechtsgelehrten Kanzleiräte Johann Knoder und Philipp Lang teil. Sie bildeten ein klassisches Schiedsgericht. Aber es kam an nur einem Tag mit so vielen unterschiedlichen Fachleuten natürlich zu keiner Einigung, so dass die Stellungnahmen schriftlich eingefordert wurden.

Für Blarer gehörten Bilder zur Unterhaltung ins Gasthaus, aber nicht in die Kirche. Er nannte gegenüber seinem Berater Martin Butzer das Uracher Bildergespräch polemisch den "Götzentag". Die Lutheraner beharrten auf der Unterscheidung ärgerlicher und nützlicher Bilder. Sie wollten der Bilderfrage keinen Glaubensrang zubilligen, sondern sie als Nebensache ("Adiaphoron") behandeln. Johannes Brenz erwartete eine theologische Disputation zu den Hintergründen, und Matthäus Alber belebte die mittelalterliche Sicht der Bilder als Denkzeichen wieder. Scharfe Kritik betraf vor allem diejenigen Bilder, die mit einem Altar verbunden waren, da sie für die abgelehnte Auffassung des Messopfers standen.

Eigenartigerweise aber kam es dennoch zu einem radikalen politischen Beschluss, fast so, als hätte der Herzog vom Disput seiner Theologen genug gehabt. Vermutlich, um Klarheit zu schaffen, ordnete er an: "daß alle bilder und gemähl auß den kirchen ... gethan und außgeraumet werden", allerdings "nicht mit stürmen oder boldern, sondern mit zucht und bey geschlossener kürchen".

Die radikale Position hatte also zunächst gesiegt. Aber die dem schwäbischen Charakter eigene abwartende Haltung gegenüber Anordnungen von oben sicherte bei der Umsetzung oft den Erhalt wertvoller Kunstwerke, während andere unwiederbringlich verlorengingen. Der vielzitierte Bildersturm war - neueren Forschungen zur Situation in den Reichsstädten zufolge - jedenfalls mehr ein schwäbisches Aufräumen, als eine mutwillige Zerstörung, wobei dies allerdings in Einzelfällen vorkam, als Ventil des Volkszorns.

Ein sprechendes Beispiel für die Anhänglichkeit gegenüber den alten Bildern lieferten die Bewohner des Dorfes Plattenhardt bei Stuttgart: Sie ließen nach der herzoglichen Anordnung ihren Kirchenpatron, den Heiligen Antholian in Gestalt einer wertvollen Holzfigur von 1360, einfach verschwinden, indem sie die Nische im Chor der Kirche zumauerten, wo er stand. Dahinter blieb der Heilige stehen bis er bei einer Renovierung 1964 entdeckt wurde. Bei früheren Visitationen war nur beobachtet worden, dass Gemeindeglieder vor der Nische beteten. Traute man dem neuen Glauben doch nicht ganz und folgte einem religiösen Sicherheitsbedürfnis?

Da die Umsetzung dessen, was in Urach herausgekommen war, entgegen dem klaren herzoglichen Befehl allzu lange auf sich warten ließ, verschärfte Ulrichs Nachfolger, Herzog Christoph 1552 den Einsatz zur Entfernung der Bilder. Dabei zielten er und seine Berater allerdings mehr auf die mit den Kunstwerken verbundenen Rituale, wie Wallfahrten, Prozessionen, Patroziniumsfeste, als auf die Bilder.

Trotz dieser kritischen Haltung prägten sich nun auch in Württemberg eigene protestantische Bildtraditionen aus, wie der Gothaer Altar für die Schlosskirche in Stuttgart, den ersten evangelischen Kirchenbau des Herzogtums. Hier entstand nach dem Vorbild des ersten lutherischen Kirchenbaus, der Schlosskirche zu Torgau, eine Predigtkirche, in der die Gemeinde um die Kanzel herum versammelt wurde. Und der Altar zeigte in katechetischer Weise in Steinreliefs die Glaubensartikel. Ein evangelisches Bildprogramm aus Szenen der Evangelien erhielt auch der Altar der Stadtkirche des mit Württemberg verbundenen Mömpelgard (Mombeliard), der heute in Wien zu sehen ist. Daneben entstanden in Württemberg die aus sächsischer und fränkischer Tradition stammenden lutherischen Konfessionsbilder, die die Übergabe der Augsburger Konfession 1530 und die evangelischen Sakramente und Amtshandlungen darstellen.

1550, nach dem Interim, wurde Johannes Brenz als leitender Geistlicher und Reformator nach Stuttgart berufen. Der begabte Lutherschüler milderte aber in schwäbischer Weise manche Schärfen seines Lehrers ab, so dass der württembergische Landesbischof Theophil Wurm 1938 in einem Vortrag über das Wesen der württembergischen Landeskirche von einem "milden Luthertum" sprach. Württemberg wurde lutherisch nach Lehre und Bekenntnis, nicht aber nach Kirchenverfassung und Gottesdienstliturgie. Denn man blieb beim einfachen Predigtgottesdienst der Reichsstädte, wofür sich Reutlingen aber Luthers Zustimmung eingeholt und bekommen hatte.

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Wolfgang Schöllkopf

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