Kein gau

Buch über Beziehungen
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Sabine Bode zeigt einen Weg in eine positive Zukunft, weg von den Horrorszenarien in Zusammenhang mit Demenz.Doch darf man skeptisch bleiben.

"Wovor haben Sie im Alter am meisten Angst?" Das wurden in einer Studie Brasilianer, Nordamerikaner und Deutsche gefragt. Heraus kamen drei völlig unterschiedliche Ergebnisse: Bei den Brasilianern ist es in erster Linie der Verlust der Sexualität, bei den US-Bürgern das Übergewicht und bei den Deutschen die Demenz.

Das deutsche Schreckgespenst, die Geißel des Alters - zwar will Sabine Bode die Demenz nicht schön reden, doch fordert sie ein Umdenken und mehr Selbstverständlichkeit ein. Demente sind im Verhalten oft kindlich, dabei sensibel, direkt und ehrlich, und man sollte sie nie wie Kinder behandeln. Wie man die Gratwanderung schafft, mit dementen Menschen würdevoll umzugehen, hat die Journalistin in zahlreichen Interviews mit Angehörigen und Pflegekräften herauszufinden versucht. Sie porträtiert Demenzkranke und zeigt, welche Ressourcen oft noch vorhanden sind. Es wird keinen wundern, dass sie im Pflegebereich überwiegend mit Frauen sprach, sind es doch in den meisten Fällen Töchter, die sich in der Pflicht fühlen und ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie ihre Mutter in ein Pflegeheim geben. Wie geht es mit der Ehe weiter, wenn ein Partner erkrankt? Diesem Aspekt ist das Kapitel "Liebe" gewidmet, denn Partner, Familien stehen auf dem Prüfstand, und so ist "Frieden schließen mit Demenz" auch ein Buch über Beziehungen.

Wichtig dabei scheint, dass der Demenz der Schreck genommen wird: bitte kein Drama! Dass ein Alltag gelebt wird, in dem Vergesslichkeit, Verwirrtheit und scheinbar irrationales Verhalten alltäglich sind. Liebevoll gestaltete Gottesdienste, Ausflüge in Kunst- und Konzerthallen, Theaterprojekte und Tanzabende, all das sollte in den Alltag der Demenzkranken integriert werden.

An einigen Beispielen führt Bode an, wie es funktionieren kann, und blickt dabei optimistisch in die Schweiz, nach Holland und Österreich, in denen es laut ihrer Recherche längst kleine Wohneinheiten mit individueller Betreuung gibt. Wie weit Deutschland von diesem Wunschdenken entfernt ist, weiß jeder, der mit Demenzkranken zu tun hat.

Realitätsbezogen wird es, wenn ein Fachmann in einem Interview deutlich macht, dass Altenpflege überwiegend von schlecht ausgebildeten Assistentinnen durchgeführt wird, die zum größten Teil aus osteuropäischen Ländern kommen. Hier sind Missverständnisse und Unverständnis vorgeprägt, denn sie stammen aus einer anderen Sprach- und Wertekultur. Muss das Personal dann pro Schicht bis zu 15 Personen versorgen, entsteht zusätzlicher Stress, der sich auf die Patienten überträgt.

Stress - wieder ein besonderes Kapitel, auf das die Autorin den Fokus lenkt. Denn unter Stress brechen die Schutzmechanismen auf, die diese Generation nach dem Krieg aufgebaut hat.

Sabine Bode hat die Themen Kriegskinder, Nachkriegskinder, Kriegsenkel in vorausgegangenen Büchern eingehend recherchiert und festgestellt, dass ein Zusammenhang zwischen Kriegstrauma und Alzheimer besteht. Wenn die Kindheit, die Jugend wieder lebendig werden, durchleben die Alten nicht nur die schönen Ereignisse, die damit in Zusammenhang zu bringen sind, sondern oft Kriegsnächte, Flucht, Gewalt, Vergewaltigung. Manche Tochter lernte ihre Mutter in dieser Phase erst richtig verstehen.

Die Autorin zeigt einen Weg in eine positive Zukunft, weg von den Horrorszenarien in Zusammenhang mit Demenz.

Doch darf man skeptisch bleiben. Es haben nur wenige Familien die finanziellen Mittel und die Zeit, sich in Vollzeit - denn das bedeutet Pflege eines dementen Angehörigen - zu engagieren. Die Zuschüsse sind karg. In den Heimen fehlt es vor allem an klaren und einheitlichen Ausbildungsstandards, mangelhaft ausgebildete Pflegehelfer/-innen sind in der Mehrzahl. Im Interesse aller sollte ein Umdenken stattfinden, sollte Personal gut ausgebildet und bezahlt werden und der Beruf der Altenpflegerin eine besondere Anerkennung erfahren.

"Frieden schließen mit Demenz" ist ein Plädoyer für einen würdevollen Umgang mit dieser Krankheit, die inzwischen jeden zweiten über 90-Jährigen trifft.

Sabine Bode: Frieden schließen mit Demenz. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2014, 300 Seiten, Euro 19,95.

Angelika Hornig

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