Alte Bilder

Was sie verbergen
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Renate Schoof hat ein wichtiges Buch packend geschrieben. Dabei verhilft sie mit zahlreichen Beispielen abseits traditioneller Sehgewohnheiten zu überraschend neuen Einsichten.

Renate Schoof bringt zentrale biblische Geschichten und mittelalterlich-christliche Bilder in einen ebenso reizvollen wie ungewohnten Zusammenhang. Souverän von den Ergebnissen historisch-kritischer Forschung ausgehend begreift sie das Weihnachtsevangelium als eine geistvolle Geschichte, die zu vielfältigen Interpretationen einlädt. Bekanntlich wird mit dem Satz, Krippe und Kreuz seien "vom gleichen Holz geschnitzt", eine Dimension des Lebens Jesu markiert. Überraschend anders die Schriftstellerin: Sie knüpft an die Beobachtungen des 1939 erschienenen Buches "Das Christgeburtsbild der frühen Sakralkunst" von Alois Wachlmayer an. Darin erkläre er anhand von alten Gemälden, Ikonen, Mosaiken, Fresken, Holzschnitten und Miniaturen, Weihnachten könne "auch eine Geburt des Gotteskindes im menschlichen Herzen meinen". In manchen Bildern erscheint Marias Mann Josef wie ein "Symbol für den meditierenden, ja für den in Kontemplation versunkenen menschlichen Geist". Der aus anderen Kulturkreisen übernommene - eher misslungene - Mythos von der Jungfrauengeburt spielt hier keine Rolle.

Auch bei Engeln entdeckt die Autorin überraschende Wahrheiten. Der Erzengel Michael ein Drachen-"Töter"? Nein: Auf allen Bildern hält Michael diesen nur in Schach. "Wer ihn für äußere Kriege vereinnahmen will, missversteht die Botschaft. Es geht um Kämpfe und Siege im eigenen Inneren, um Erlösung der eigenen dunklen Seiten." Das Tier könne symbolisch für Gier, Neid, Hochmut, Machthunger oder zerstörerische Wut stehen. Es gehe darum, "die zum Drachen mutierte Seelenschlange zu zähmen". Und: "Auf das Balancieren kommt es an." Dabei hat Michael in der altägyptischen Maat eine Vorläuferin: Die Göttin der Gerechtigkeit wog Seelen, um ihre Eignung für das Jenseits festzustellen.

Der vielfach in Bildern zur Weihnachtsgeschichte dargestellte Erzengel Gabriel regt die Autorin an, Engel als unsichtbare helfende, rettende Intuitionen, Inspirationen und Ideen zu deuten.

Um traditionelle, auch männlich geprägte, Gottesbegriffe zu verfremden, gebraucht die Autorin Namen wie "die Allmächtige", "die Lebendige", und folgt damit der "Bibel in gerechter Sprache". Mit den etymologischen und psychologischen Deutungsmöglichkeiten regen die Texte die Fantasie an. Dabei standen unter anderem der deutsch-israelische Psychologe Erich Neumann (1905-1960), ein Schüler und Freund C. G. Jungs, und der katholische Theologe Georg Baudler Pate. Erfreulich, dass Hermann Häring, der Theologe und Wegbegleiter Hans Küngs, Renate Schoofs Buch auch vor diesem Hintergrund begrüßt.

Die Autorin sieht auch die dunklen Seiten der Bibel und erst recht die der Kirchengeschichte, doch ebenso "heilende Texte, die Frieden stiften wollen".

Sie hat ein wichtiges Buch packend geschrieben. Dabei verhilft sie mit zahlreichen Beispielen aus der bildenden Kunst abseits traditioneller Sehgewohnheiten zu überraschend neuen Einsichten. Für Fachleute wie Laien schließt sich hier eine Lücke zwischen Kunstgeschichte und Religion.

Zentrum der glänzend geschriebenen kreativen Darstellungen und Interpretationen bleibt die Bibel. Sie vor allem enthält eben neben mühsam zu verifizierendem historischem Geschehen "Geheimnisse und Schätze, verpackt in Geschichten, Sprachbildern, Gleichnissen und Symbolen", die bei unvoreingenommener Betrachtung die Grenzen der spezifisch christlichen Botschaften weit überschreiten.

Bei wachsendem Verständnis beginnen Bilder zu sprechen; bekannte und weniger bekannte Textpassagen des Alten und Neuen Testaments können ihren Symbolgehalt entfalten. Solche Entdeckung sei heute sehr wichtig, weil vielen Menschen nicht einfach der christliche Glaube, sondern die religiöse, humane Basis abhanden gekommen sei. Deshalb sind für Renate Schoof "Zweifler ebenso willkommen wie Neugierige und Mutige, Sinnsuchende sowie alle Menschen, die aus einer unbestimmten Sehnsucht heraus unterwegs sind". Dabei entdeckt sie selbst manches Tröstliche - in Zeiten der Ratlosigkeit: "Wir stehen, wie das Völkchen bei Moses, abergläubisch, krank und ohnmächtig in der Wüste - und ebenso wie die Urchristen ganz am Anfang."

Renate Schoof: Geheimnisse des Christentums. Vom verborgenen Wissen alter Bilder. Patmos Verlag, Ostfildern 2014, 216 Seiten, Euro 19,99.

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Klaus Schmidt

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