Fortsetzung

Gewalt und Monotheismus
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Fortsetzung Gewalt und Monotheismus Die hier versammelten Autoren verbindet die rezeptionsgeschichtliche Frage nach der Bedeutung, die das so genannte Sinai-Narrativ für die drei Religionen Judentum, Christentum und Islam gewonnen hat.

Eine Monotheismusdebatte hat nicht notwendig Gewalt zum Thema, aber wenn sie am Paradigma des Bundeschlusses am Sinai geführt wird, dann geht es unbedingt um die Frage nach der spezifischen religiösen Gewalt im Namen Gottes, wie sie im Prinzip totaler Mitgliedschaft potenziell angelegt ist. Rolf Schieder hat dem vorliegenden Sammelband den Titel "Die Gewalt des einen Gottes" gegeben, und damit sogleich angezeigt, dass es hier monotheistisch um den einen Gott gehen soll, der mit einem Volk den Bund am Sinai schließt, dessen Übertretung sogleich mit einer grausamen Strafaktion geahndet wird.

Dabei beschäftigt die hier versammelten Autoren kaum die Historizität des Bundesschlusses und der Geschichte vom Goldenen Kalb, sondern die rezeptionsgeschichtliche Frage nach der Bedeutung, die das so genannte Sinai-Narrativ für die drei Religionen Judentum, Christentum und Islam gewonnen hat. Bekanntermaßen hatte der Ägyptologe Jan Assmann vor bald zwei Jahrzehnten daran erinnert, zu welchem enormen inneren Druck eine Form religiöser Bindung führen kann, in der sich Gott und ein Volk exklusiv miteinander verbünden. Allerdings möchte Assmann diese Geschichte "(...) nicht auf die Bibel als Ganzes hochrechnen".

Der Philosoph Peter Sloterdijk hingegen will in der strukturellen Gewalt dieses Bundes das religiöse Programm erkennen, wonach sich die Geschichte der drei Religionen Judentum, Christentum und Islam entwickelt habe, und er kann dafür erschreckende Beispiele anführen.

Darüber hinaus zeigt er mit eloquenter Beschleunigung, wie sich das Sinai-Narrativ zu einem generativen Prinzip für gewaltbereite und gar gewaltförmige religiöse und religionsnahe Verbindungen bis in die Gegenwart hinein fortschreiben lässt. Jedoch hinterlässt diese geniale Gesamtschau auch den Eindruck, dass eine historische Detailarbeit an den rezeptionsgeschichtlichen Verschiebungen im Verhältnis von Gedächtnis- und Ereignisgeschichte notwendig ist.

So wird der Leser den Beitrag des Alttestamentlers Markus Witte begrüßen, aus dem hervorgeht, dass auch das Alte Testament neben der späten Mosestradition in der Weisheitsliteratur und etwa in der Josefslegende offenere, und vor allem weniger strafbewehrte, Verbindungen zwischen Gott und Mensch kennt. Es überwiegt überhaupt im Alten und Neuen Testament, "(...) die Vorstellung, dass Gottes Barmherzigkeit größer ist als sein Zorn".

Auch die Religionen des Mittelalters haben, wie die Religionshistorikerin Dorothea Weltecke festhält "(...) nicht alle und ständig Gewalt gegen interne Abweichler ausgeübt". Für die seriöse Arbeit an der Religionsgeschichte sei es sehr vonnöten, wie der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze betont, den Fundamentalismus als ein modernes Phänomen zu erkennen, als eine religiöse Totalisierung des Subjekts, wie sie nur unter der fortgeschrittenen gesellschaftlichen Vermittlung der Neuzeit möglich werden konnte.

Wenn sich unter solchen subjektiven Bedingungen marodierende religiöse Akteure oder gar ganze terroristische politische Einheiten des Sinai-Narrativs bedienen, dann geschieht dies in einem gefährlichen rhetorischen, aber nicht in einem ursprünglichen Zusammenhang mit diesem Narrativ.

Wünschenswert wäre es bei einer Fortsetzung der Debatte, wenn in einer systematischen theologischen Reflexion anschaulicher würde, wie sich in der exklusiven Verbindung zwischen einem Gott und dem Menschen in der Christusrelation die vernichtende menschliche Gewalt gegen Gott selbst wendet und wie sich in einem neuen Schritt Gott wieder mit dem Menschen verbindet.

Als diese neue Verbindung existiert der Osterglaube ("Gottes Werk am Menschen"), der weder mit Gewalt nach innen erzwungen, noch nach außen verteidigt werden kann.

Micha Brumlik/Rolf Schieder u. a. (Hrsg.): Die Gewalt des einen Gottes. Berlin University Press 2014, 360 Seiten, Euro 29,99.

Friedrich Seven

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