Zivilcourage gegen Völkermord

Das Potsdamer Lepsiushaus ist eine Begegnungsstätte
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Wer Johannes Lepsius kennen und verstehen lernen will, kommt an einem Besuch in Potsdam nicht vorbei.

Am Potsdamer Pfingstberg, in einem Viertel mit großbürgerlichen Villen steht auf Höhe der Großen Weinmeisterstraße Nummer 45 ein mannshoher Findling aus Granit. Er trägt die Aufschrift "Erleuchte Herr Ihre Seelen" und weist auf die besondere Bedeutung des Anwesens hin: "Von diesem Ort in Potsdam führt Dr. Johannes Lepsius (1858-1926) seinen Kampf gegen den Völkermord an den Armeniern." In dem umgebauten Herrenhaus lebte von 1908 bis 1926 der evangelische Theologe mit seiner Familie. Als "Forschungs- und Begegnungsstätte" hält das Lepsiushaus heute die Erinnerung an diesen außergewöhnlichen Menschen wach.

"Im späten 19. Jahrhundert war Lepsius eine europaweit bekannte Persönlichkeit", erläutert der Leiter des Hauses, Rolf Hosfeld, der den Besucher nach Voranmeldung führt (siehe auch zz 11/2013). In der unteren Etage erzählt eine Dokumentation mit historischen Fotografien und Original-Texten vom Leben und Wirken des Theologen, der sich dem Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich widmete. Lepsius hatte zwei Jahre als Hilfsprediger in Jerusalem gearbeitet, 1886 eine Pfarrstelle im mansfeldischen Friesdorf angenommen und brach 1896 zu einer Reise in die Türkei auf. Hier erfährt er von den Massakern an den Armeniern und macht mit Zeitungsartikeln, Vorträgen und seinem Buch "Armenien und Europa" die Weltöffentlichkeit auf ihr Schicksal aufmerksam. Im ostanatolischen Urfa gründet er den ersten Zweig seines Hilfswerks, das den Witwen und Waisen Überlebenshilfe bietet. Als ihm die evangelische Kirche den für seine Hilfstätigkeit benötigten Urlaub verwehrt, kündigt er.

"Heute würden wir ihn als Chef einer Nichtregierungsorganisation bezeichnen", erläutert Hosfeld beim Rundgang. 1915 reist Lepsius ein zweites Mal in das Osmanische Reich und veranstaltet nach seiner Rückkehr eine Pressekonferenz über die Situation der Armenier. Doch im Deutschen Reich will man nichts vom Treiben des türkischen Bündnispartners wissen. Also verfasst Lepsius in Potsdam einen 300-seitigen Bericht "Über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei". 1916 verteilt er illegal 20.000 gedruckte Exemplare, sendet sie in 12.000 Päckchen verpackt an die Superintendenten der evangelischen Kirche, an ausgewählte Persönlichkeiten und an die Redaktionen der deutschen Tageszeitungen. Kurz danach beschlagnahmt die Militärzensur die Restbestände, Lepsius flieht nach Holland. "Er war eine Art Ein-Mann-Bekennende-Kirche", meint Hosfeld.

Neben der Ausstellung und einem kleinen Gedenkraum beherbergt das Lepsiushaus in der oberen Etage eine umfängliche Bibliothek, einige Arbeitsräume und den gesamten privaten Nachlass von Lepsius. Seine Originalberichte, Schriften und Zeitschriften sind durch Findbücher systematisiert und bieten Stoff für wissenschaftliches Arbeiten. Hosfeld und den Vereinsmitgliedern, die das Haus tragen, ist daran gelegen, dass "Johannes Lepsius bekannter wird, denn ihn zeichnet eine christlich ethische Lebensführung aus, die vorbildhaft ist".

Neben dem Völkermord an den Armeniern beschäftigt sich das Lepsiushaus in einem Tagungs- und Kongressprogramm mit dem Dialog der Religionen, Fragen der Menschenrechte und der Gewaltpolitik. In diesem Jahr, wenn sich das Gedenken im April zum 100. Mal jährt, wird eine weltumspannende Aktion organisiert. "Am Gedenktag werden an vielen Orten der Welt armenische Autoren in ihren jeweiligen Landessprachen gelesen", erklärt Hosfeld. Doch wer Johannes Lepsius kennen und verstehen lernen will, kommt an einem Besuch in Potsdam nicht vorbei.

Informationen

Lepsiushaus Potsdam, Große Weinmeisterstraße 45, 14469 Potsdam. Telefon (0331) 581 645 11 oder 0176 765 276 24.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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