Verbundenheit

Ein Leben
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D.T. Max schreibt mit hohem literarischem, philosophischem und zeitgeistgeschichtlichem Sachverstand, ohne schlau zu tun.

Anfang der Neunzigerjahre hatte David Foster Wallace (1962-2008) einen Alkoholentzug hinter sich, besuchte seither AA-Meetings, und das Thema Glauben beschäftigte ihn. Er versuchte zu beten, weil er es für gut hielt. An Gott glaubte er aber nicht. Den Plan, sich taufen zu lassen, verwarf er. Der Priester fand, er habe für einen Gläubigen zu viele Fragen. Seine wahre Religion, heißt es in D. T. Max' Porträt "Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte", war ohnehin die Sprache.

"Wenn wir als Welt und Gott nicht mehr haben als Wörter, müssen wir sie vorsichtig und sorgsam behandeln: Wir müssen huldigen", schreibt er damals an einen Freund. Seinen Jahrhundertroman "Unendlicher Spaß" vollendet er wenig später. Suchende sind darin die Hauptfiguren, auch sie nicht gläubig, aber in der Hand eines Autors, dessen Ziel es war, Köpfe gleichsam wie Herzen schluchzen zu lassen und der literarisch und intellektuell das Zeug dazu hatte.

Eigene Krisen und Menschen, die er traf, nutzte er als Material (so nahm er das Rehabilitationszentrum als Vorbild für das Ennet House in der Zeitgeist-Apokalyptisierung "Unendlicher Spaß"; die Prometheus-Gestalt Don Gately hat dort ihr Zuhause). Doch Wallace, der auch luzide Reportagen schrieb, schöpfte keineswegs bloß ab. Er schuf. Für ihn war es die Aufgabe des Schriftstellers, "zu retten, was an Menschlichem und Magischem noch lebt und trotz der Finsternis glimmt".

In einer zynischen Zeit blassen Scheins habe es in der Literatur darum zu gehen, "was es verdammt noch mal heißt, ein Mensch zu sein". Sein Biograph D. T. Max, der Wallace nie kennenlernte, zeigt eindringlich, wie ihm das gelang - ohne dabei das Werk aus dem Leben zu erklären. "Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte" ist so vom Fleck weg DFW-Standardliteratur und liest sich dabei wie ein Roman. Dass der begabte Wallace ein schillernder Charakter mit vielen Widersprüchen und Brüchen war, kommt Max sicher entgegen.

Aufgewachsen im Mittleren Westen als Kind von Bildungsbürgern litt der begeisterte Tennisspieler schon früh unter Angstzuständen und Depression, der "Üblen Sache", wie er das nannte. Seine erste Leidenschaft galt formaler Logik und dem Philosophen Ludwig Wittgenstein. Dessen Umschwung vom harschen "Alles, was der Fall ist" zum "Alles ist sagbar" beeinflusste auch sein Schreiben. Das Rätseln darüber, was ihn selbst zu einem so unruhigen und geplagten Mann hatte werden lassen, begleitete ihn dabei.

Intellektuell glänzend und analytisch stark betrat "Unendlicher Spaß" literarisches Neuland. Der Roman changiert zwischen humorvoller, postmodern verwirbelter und um Eindeutigkeit ringender Haltung, als kulminierten Thomas Pynchon, Don DeLillo und Fjodor Michailowitsch Dostojewski darin, die er schätzte. Schriftsteller, die auf Ruhm aus sind, lehnte er ebenso ab wie jene mit boshaft ironischer Weltsicht, "Feuerlöscher voll Benzin" nannte er sie. In den Achtziger- und Neunzigerjahren hatten sie Konjunktur.

Er wollte berühren und trotz Fragmentierung und kosmischer Einsamkeit Verbundenheit spüren lassen. D. T. Max nennt das die Hoffnung darauf, dass Geschichtenerzählen heilen kann. Seine gut recherchierte Biographie ist klar, einfühlsam und intim, aber kein bisschen voyeuristisch. Max schreibt mit hohem literarischem, philosophischem und zeitgeistgeschichtlichem Sachverstand, ohne schlau zu tun. Wallace und sein Werk, in dem es avanciert und schillernd gebrochen auch um Erlösung geht, bringt er gleichermaßen nahe und macht viel Lust, ihn (wieder) zu lesen. Wallace' eigene Lebensgeschichte endet berührend tragisch. Als er die "Üble Sache" nicht mehr erträgt, erhängt er sich.

D. T. Max: Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014, 512 Seiten, Euro 24,99.

Udo Feist

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