Ein kindlich-frommes Gemüth

Das Comeback des Weihnachtsoratoriums im 19. Jahrhundert
Das Haus der Berliner Singakademie, 1827 nach einem Entwurf von Schinkel errichtet, heute Maxim-Gorki-Theater. Foto: bildarchiv bpk
Das Haus der Berliner Singakademie, 1827 nach einem Entwurf von Schinkel errichtet, heute Maxim-Gorki-Theater. Foto: bildarchiv bpk
Anders als die Matthäuspassion, deren Wiederaufführung durch Felix Mendelssohn-Bartholdy 1829 die "Bach-Renaissance" einleitete, hatte es das Weihnachtsoratorium im modernen Konzertleben zunächst schwer.

Der Berliner Musikwissenschaftler Axel Fischer skizziert die Überlieferungsgeschichte des Werkes von Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Als Johann Sebastian Bach am Epiphaniastag des Jahres 1735 in der Leipziger Nicolaikirche den letzten Teil seines Weihnachtsoratoriums beschlossen hatte, konnte er nicht ahnen, dass sich dieses Werk einmal über die gesamte Christenheit verbreiten und dabei gleichsam zum Inbegriff weihnachtlicher Musik avancieren würde. Unter seinen großen Chorwerken ist es heute ohnehin das populärste, und manch einer mag sich das Weihnachtsfest ohne ein selbst gesungenes, musiziertes oder wenigstens gehörtes "Jauchzet, frohlocket!" nicht mehr vorstellen. Bach selbst hatte zu dieser Verbreitung nichts beigetragen. Anders als etwa Georg Friedrich Händel, der seine Oratorien nach der Art eines versierten Impresarios vermarktete, legte Johann Sebastian Bach seine Partituren gewöhnlich nach der Uraufführung beiseite. Vermutlich erlebte auch das Weihnachts-oratorium keine einzige Wiederholung. Es war verklungen, und zwar für mehr als ein Jahrhundert.

Aber hatte nicht der junge Felix Mendelssohn-Bartholdy die Werke Bachs wieder ans Licht gebracht? Und traten sie nicht von Berlin aus einen rasanten Siegeszug um die Welt an? In der Tat war das öffentliche Interesse an der ersten Wiederaufführung der Matthäuspassion mit der Sing-Akademie 1829 zunächst enorm, so dass andere deutsche Städte bald dem Berliner Beispiel folgten. Diese Welle verebbte jedoch schon bald, zu fremdartig erschien die Musik den Zeitgenossen. Dass die Erstaufführungen in London erst 1854, in Wien erst 1865 und in Paris gar erst 1888 stattfanden, macht deutlich, dass der Siegeszug der so genannten Bach-Renaissance nichts mehr als ein liebgewonnener Mythos ist. Den anderen großen Chorwerken erging es kaum anders. Und ausgerechnet das Weihnachtsoratorium wartete mit Abstand am längsten darauf, aus dem Dornröschenschlaf erweckt zu werden.

Aber der Reihe nach: Das originale Notenmaterial des Weihnachtsoratoriums kam aus des Vaters Erbe an den zweitjüngsten Sohn Johann Christoph Friedrich, der als Hofmusiker im schaumburg-lippischen Bückeburg wirkte. Von dort gelangte es rund ein Vierteljahrhundert später in den Besitz des Halbbruders Carl Philipp Emanuel in Hamburg. Es findet sich unter dem Titel "Oratorium Tempore Nativitatis Christi" in dessen gedrucktem Nachlassverzeichnis. Aus diesem Verzeichnis geht aber auch hervor, dass Carl Philipp Emanuel es nicht nur bewahrte, sondern auch zu nutzen wusste. Ein wesentlicher Teil erscheint dort nämlich noch ein zweites Mal und zwar unter Carl Philipp Emanuels eigenen Werken.

Carl Philipp Emanuel hatte in seiner Eigenschaft als Musikdirektor der fünf Hamburger Hauptkirchen die Hochfeste Weihnachten, Ostern, Pfingsten und Michaelis mit besonders klangprächtigen Kantaten (den "Quartalsmusiken") zu schmücken und bediente sich dabei oft und gerne fremder Werke. Den charakteristischen Eingangschor des Weihnachtsoratoriums verwendete er an Ostern 1778 und 1786 nahezu text- und notengleich als Beginn einer Festkantate: "Jauchzet, frohlocket!" zur Auferstehung!

Aus Carl Philipp Emanuels Nachlass wurde das Notenmaterial des Weihnachtsoratoriums (gemeinsam mit weiteren prominenten Bachquellen) von dem Hamburger Sänger und Sammler Georg Poelchau erworben. Nach seiner Übersiedlung nach Berlin 1813 überließ er es der Sing-Akademie, deren berühmtes Musikalienarchiv er über viele Jahre betreute.

Die kaum zu überschätzende Bedeutung der Sing-Akademie für die Überlieferung und Wiederentdeckung der großen Chorwerke Bachs war bereits in der Vita ihres Gründers Carl Friedrich Fasch angelegt. Fasch war bei seinem Vater, dem Bachschüler Johann Friedrich Fasch, eine gediegene musikalische Ausbildung zuteil geworden. Rund drei Jahrzehnte lang hatte er als Cembalist Friedrichs II. in preußischen Hofdiensten gestanden und war in dieser Zeit durch seinen Freund Carl Philipp Emanuel Bach, mit dem er sich die allabendliche Begleitung des Flöte spielenden Königs teilte, mit der einflussreichen Berliner Bachtradition in Kontakt gekommen. Nach dem Tod seines Dienstherrn entschloss er sich, die prestigeträchtige, aber künstlerisch unbefriedigende höfische Sphäre hinter sich zu lassen und in dem aufstrebenden städtisch-bürgerlichen Milieu einen Neubeginn zu wagen. Im Mai 1791 trug Fasch die erste Probe in das Tagebuch der Sing-Akademie ein. Aus den anfangs privaten Treffen entwickelte sich binnen kurzem eine feste Institution mit stetig wachsender Mitgliederzahl. Auf dem Programm standen fast ausschließlich geistliche Werke, die nun aus ihrem genuin liturgischen Funktionszusammenhang herausgelöst und in einen neuen, bürgerlich-kunstreligiös geprägten Kontext gestellt wurden. Von 1794 an traute man sich auch an die Werke Bachs.

Nach Faschs Tod 1800 baute sein Schüler Carl Friedrich Zelter die Sing-Akademie zu einer vielseitig engagierten Organisation aus und schuf damit den Archetypus für weitere gemischte Chorvereinigungen, die sich dem Anspruch anschlossen, das chorische Konzertieren als Teil eines umfassenden künstlerischen, pädagogischen und wissenschaftlichen Bildungsprogramms zu begreifen. Auch unter Zelter stand die Bachpflege keinesfalls im Zentrum, erst 1804 nahm er wieder eine der Motetten hervor. Im Gegensatz zu Fasch begann er jedoch, parallel dazu auch große orchesterbegleitete Werke auf den Probenplan zu setzen, so ab 1811 Teile der h-Moll-Messe und ab 1815 die Johannes-Passion. Das Weihnachtsoratorium sah er ebenfalls durch, ließ es aber mit dem theoretischen Studium bewenden.

Zelters Nachfolger im Direktorat der Sing-Akademie, Carl Friedrich Rungenhagen, setzte die von Mendelssohn begonnene Reihe der Bach-Premieren fort und brachte bereits kurz nach seinem Amtsantritt 1833 die Johannespassion zur Aufführung, 1834/35 folgte die h-Moll-Messe. Das Weihnachtsoratorium lag indes noch immer ungesungen in den hölzernen Notenschränken. Allerdings beanspruchte Rungenhagen die Partitur nicht exklusiv, so dass man sich auch andernorts damit auseinandersetzen konnte. Dies tat insbesondere der Sänger und Musikdirektor Johann Theodor Mosewius, der in Breslau nach Berliner Muster eine Sing-Akademie ins Leben gerufen hatte. Nachdem er schon einige Motetten, Kantaten und auch die Matthäuspassion aufgeführt hatte, wandte er sich nun dem Weihnachtsoratorium zu und setzte ab 1844 einige Teile auf seine Konzertprogramme. Wenig später begann sich auch die noch junge Bachforschung für das Werk zu interessieren. Der mit Rungenhagen und Mosewius befreundete Carl von Winterfeld hielt das Weihnachtsoratorium für das bedeutendste aller Bachwerke, wiewohl sich bei seinen Analysen herausstellte, dass der Meister wesentliche Teile der kompositorischen Substanz aus früher entstandenen weltlichen Huldigungskantaten übernommen hatte - für manchen ein Sakrileg. Eine neue, durchaus eigentümliche Phase der Bachpflege begann 1851 in Berlin unter dem vierten Sing-Akademie-Direktor August Eduard Grell. Eigentümlich insofern, als der Verein nur wenige Jahre nach Grells Amtsantritt derart in finanzielle Bedrängnis geraten war, dass er den weit überwiegenden Teil seiner wertvollen Bachquellen an die Königliche Bibliothek veräußern musste - darunter das Autograph des Weihnachtsoratoriums. So schmerzlich dieser Verlust für die Sing-Akademie war, blieb den Quellen dadurch eine veritable Odyssee erspart. Denn im August 1943, wenige Monate vor der Zerstörung des Stammhauses durch Brandbomben, entschloss man sich zur Evakuierung des Archivs ins Niederschlesische. Dort verlor sich seine Spur, bis es 1999 von einem Forscherteam der Harvard University in Kiew wiederentdeckt wurde. Die Rückkehr nach Berlin zwei Jahre darauf war die wohl bemerkenswerteste Restituierung von Beutekunst der Nachkriegsgeschichte.

Ratloses Publikum

Eigentümlich aber auch insofern, als Grell ein leidenschaftlicher Gegner jeder Instrumentalmusik war. In der Nachfolge e.t.a. Hoffmanns und anderer verfocht er dagegen mit ebensolcher Leidenschaft das Ideal des reinen a-cappella-Gesangs, der allein zu musikalischem Ausdruck fähig sei. An den regelmäßigen Aufführungen der Bachschen Großwerke hielt er - obgleich sie seinem ästhetischen Credo zuwiderliefen - jedoch fest. Mehr noch: Er war es, der das Weihnachtsoratorium am 17. Dezember 1857 erstmals als Ganzes zu neuem Leben erweckte. Dass die Partitur inzwischen im Druck erschienen war, kam dem Vorhaben entgegen.

Die Umstände dieser Aufführung sind aus vielerlei Gründen bemerkenswert, zeigen sie doch bei aller konservativen Exzentrik des Instrumentenhassers Grell erstaunlich fortschrittliche Züge. Beispielsweise senkte er den Stimmton ab, um sich der Bachschen Originalstimmung anzunähern. Was in Zeiten historisch informierter Aufführungspraxis fast zum Normalfall geworden ist, war damals noch ein Abenteuer: Während die Streicher ihre Instrumente kurzerhand herunterstimmten, sahen sich die Oboisten mit transponierten Noten konfrontiert: "Jauchzet, frohlocket!" in Des-Dur! Außerdem verdichtete Grell die sechs Teile des Oratoriums, die Bach ja ursprünglich auf die sechs Feiertage des Weihnachtsfestkreises verteilt hatte, zu einem geschlossenen Zyklus und begründete damit eine Aufführungskonvention, die bis in unsere Zeit Bestand hat. Von den insgesamt 64 Nummern fielen allerdings nicht weniger als 18 dem Grellschen Rotstift zum Opfer. Dies geschah im Falle der Arien vor allem aus Gründen der Zeitersparnis, teils aber auch, weil die von Bach vorgesehenen Instrumente (zum Beispiel die Oboi da caccia) nicht mehr zur Verfügung standen.

Auch ein instruktiver Einführungsvortrag des Direktors konnte nicht verhindern, dass das Publikum dieser Aufführung eher ratlos zurückblieb. Im Unterschied etwa zur "überaus ernsten und transcendenten" Matthäuspassion empfand man die Musik als naiv: "Derselbe Meister, zu dem wir sonst als zu dem tiefsinnigsten Exegeten des göttlichen Wortes, als zu dem kühnsten und gewaltigsten Tonbildner emporblicken, offenbart uns hier die ganze Fülle und Poesie eines kindlich frommen Gemüthes", notierte ein Rezensent.

In den Tagebüchern der Sing-Akademie gab Grell die Tageseinnahme als "sehr gering" an. Selbstkritisch dachte er darüber nach, was bei späteren Aufführungen zu verbessern wäre, um dem Weihnachtsoratorium doch noch zum Erfolg zu verhelfen. So könne "immer wieder eine andere Auswahl getroffen" werden, bis man es eines Tages auf die "natürlichste Art" musizieren würde, nämlich auf zwei Abende verteilt, aber ohne alle Kürzungen. Grell prognostizierte jedoch, dass sich dafür "ein ausreichendes Interesse seitens des Publikums erst mit den Jahren finden" würde. Wie die erhaltenen Orchesterstimmen bezeugen, setzte er das Weihnachtsoratorium in seinen verbleibenden fast zwanzig Amtsjahren dann nur noch zwei Mal aufs Programm. Auch Grells Nachfolger Martin Blumner tat sich mit dem Weihnachtsoratorium zunächst schwer. Doch von 1892 an wurde es in jedem Jahr wenigstens ein Mal gesungen.

Seit 1900 stand die Sing-Akademie für ein halbes Jahrhundert unter dem Direktorat von Georg Schumann, der nichts unversucht ließ, um auch in den Kriegsjahren die Proben- und Konzerttätigkeit aufrechtzuerhalten. So riss die Tradition der jährlichen Weihnachtsoratorien niemals ab, auch wenn man nach dem Verlust des Stammhauses 1943 auf die Philharmonie, die Staatsoper oder den Admiralspalast ausweichen musste. Unter welchen Umständen diese Aufführungen in der gegen Kriegsende weitgehend zerstörten Hauptstadt stattgefunden haben, lässt sich nur vage erahnen. Aber es berührt auf besondere Weise, wenn ein unbekannter Bratschist in einer Spielpause auf seinem Notenblatt dokumentierte, wie die lutherische Choralzeile "Vom Himmel hoch..." in den Kriegsjahren einen zweiten, ganz anderen Sinn angenommen hatte - er zeichnete Fliegerbomben auf das Notenpapier.

Bis 1945 hatte die Sing-Akademie allein das Bach'sche Weihnachtsoratorium mehr als achtzig Mal gesungen. Sein wirkliches Comeback erlebte es allerdings erst später, im Zuge der so genannten kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung, die Bach als eines ihrer Leitbilder auserkoren hatte.

mehr zum Thema

Axel Fischer

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Monatsausgabe als Web-App.

57,60 €

jährlich

Monatlich kündbar.

Einzelartikel

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Politik"