Das Jauchzen in uns

Neues von einem besonderen Werk
Bunker-Weihnachtsoratorium mit Synthesizer, E-Gitarre, viel Virtuosität und Spaß, Hamburg 2014. Foto: Jan Wilken/ ensemble resonanz
Bunker-Weihnachtsoratorium mit Synthesizer, E-Gitarre, viel Virtuosität und Spaß, Hamburg 2014. Foto: Jan Wilken/ ensemble resonanz
Das Weihnachtsoratorium ist das populärste Werk von Johann Sebastian Bach. Es gehört für viele zum Fest wie der Tannenbaum, und die Zahl seiner Aufführungen nimmt im 21. Jahrhundert stetig zu. Außerdem gibt es mehr und mehr "WO-Konzerte" in besonderer Umgebung und ausgefallener Klanggestalt. Eine Entdeckungsreise.

Sie machen es in einer Drei-Zimmer-Wohnung, und wie: Strahlende Gesichter, gelöstes Lachen, und auch einen gewissen sportlichen Ehrgeiz strahlen die jungen Musikanten aus: "Jauchzet frohlocket, auf preiset die Tage!"

Wer im Internet die Wortfolge "weihnachtsoratorium wg leipzig" eingibt, kann diese spontane Aufführung vom 10. Dezember 2012 sehen. Felix Pätzold, einer der WG-Bewohner damals, trat eine Stelle als Musiker in Flensburg an. Er wollte sich aber zuvor gebührend aus Leipzig verabschieden und tat dies: Via Facebook lud er Kommilitoninnen und Kommilitonen zum Hauskonzert ein. Die kamen samt Instrumenten und Noten zuhauf und brachten viele Leute mit. Gegen 21 Uhr waren an die hundert Instrumentalisten und Sänger und natürlich auch "Nur"-Zuhörer versammelt, um den ersten und den dritten Teil des Weihnachtsoratoriums in allen drei Zimmern von Pätzolds Leipziger Altbauwohnung zu zelebrieren: Voller Freud, mit viel Zeit, hier in diesem Leben ...

Mehr als 200.000 Mal wurde dieses Video bisher angeklickt. Damit sind die Leipziger weltweit Spitzenreiter in Sachen "Spontan-Weihnachtsoratorium". Auf Platz zwei, wenn auch mit 30.000 Klicks weit abgeschlagen, folgt eine Aufführung von "Jauchzet, frohlocket!" in einem Tübinger Modehaus aus dem Jahr 2011: Eine Pianistin spielt am Flügel den virtuosen Orchesterpart, und dann hebt urplötzlich zwischen Kleiderständern und Garderoben ein frohes Singen an, denn zahlreiche Sängerinnen und Sänger des Tübinger Bachchores und der Hochschule für Kirchenmusik hatten sich unter die vorweihnachtliche Kundschaft gemischt, die sich mit tosendem Applaus bedankte.

Schließlich findet sich im Netz noch jener Flash Mob, den über zweihundert Sängerinnen und Sänger in der Eingangshalle des Hauptbahnhofs in Hannover mit der ersten Kantate des Weihnachtsoratoriums veranstalteten - am 20. Dezember 2013 um Punkt zwölf Uhr. Einziger Schönheitsfehler: Das Orchester war ohne Oboen erschienen, was sich schon im Eingangschor unschön bemerkbar machte, aber egal: Fröhlich musiziert wurde trotzdem. Viele Passanten blieben stehen, manche sangen gleich spontan mit - immerhin 17.000 Klicks hat dieser Auftritt bisher auf sich gezogen.

Was Johann Sebastian Bach, der Schöpfer des Weihnachtsoratoriums, von solchen Events gehalten hätte, wissen wir nicht. Aber so ähnlich wie in der Leipziger WG dürfte es vor knapp dreihundert Jahre auch bei Bachs Konzerten mit seinem Collegium Musicum zugegangen sein. Jedenfalls kann man davon ausgehen, dass damals im Leipziger Café Zimmermann mitnichten eine angespannte, nur durch gelegentliche Hustenattacken unterbrochene Aufmerksamkeit herrschte, wie sie heute etwa in der Berliner Philharmonie anzutreffen ist. Eher Lachen, Scherzen und eine Bierpause - so wie beim Leipziger WG-Konzert! Unwahrscheinlich allerdings, dass Bach damals geistliche Werke in der Kneipe oder Wohnungen aufgeführt hätte. Denn diese waren doch zu seiner Zeit fest in den liturgischen Ablauf des Gottesdienstes eingebunden.

Das Weihnachtsoratorium nimmt im Schaffen Bachs eine Sonderstellung ein, denn die Aufführung ist für einen dreizehntägigen Zeitraum über fünf Festtage und den Sonntag nach Neujahr konzipiert. Formal besteht das Werk aus sechs Kantaten, die die biblische Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium (2,1-52) und dem Matthäusevangelium (2,1-23) nebst Chorälen, sowie Chören und Arien eines unbekannten Textdichters enthalten. Wahrscheinlich war der Verfasser der unter dem Pseudonym "Picander" bekanntgewordene Christian Friedrich Henrici (1700-1764), der auch das Libretto der sieben Jahre zuvor erstmals aufgeführten Matthäuspassion geschrieben hatte.

Der Titel des weltweit in nur zwei Exemplaren erhaltenen Programmheftes der Uraufführung in der Weihnachtszeit 1734/35 lautet: "Oratorium, Welches Die heilige Weyhnacht über die beyden Haupt-Kirchen zu Leipzig musiciret wurde". Der Zyklus der "heiligen Weyhnacht" erstreckte sich in Leipzig vom ersten Weihnachtstag (25. Dezember) bis zum Epiphaniastag (6. Januar). Insofern widersprechen die heute meist vor dem Christfest stattfindenden Aufführungen dem Konzept des Werkes, denn der Advent wurde zu Bachs Zeiten als Bußzeit begangen, in der es keine festliche Musik im Gottesdienst gab. Für die korrekte Aufführung des Oratoriums darf es zudem keinen Sonntag zwischen dem dritten Weihnachtstag (27. Dezember) und Neujahr geben. Außer für die Jahreswende 1734/35 traf diese Konstellation während Bachs verbleibender Amtszeit in Leipzig auch noch 1739/40, 1744/45 und 1745/46 zu. Doch es gibt keine Anzeichen dafür, dass Bach sein Oratorium nochmal aufgeführt hat. 1734/35 war das erste und einzige Mal, bis das Werk mehr als 120 Jahre später, am 17. Dezember 1857, erstmals wieder erklang (siehe Seite 35).

Heute ein absoluter Hit

Umso mehr würde es Bach freuen, dass sein Weihnachtsoratorium, von vielen umgangssprachlich liebevoll "WO" genannt, heute ein absoluter Hit ist, dass nicht nur seit neustem sogar Flash Mobs mit dem Werk veranstaltet werden, sondern dass auch die Zahl der "normalen" Aufführungen stetig zunimmt. In der vergangenen Saison 2014/2015 gab es allein in Hamburg laut Programmheft des Kirchenkreisverbandes 43 Aufführungen des Weihnachtsoratoriums. Blickt man anhand dieser Übersichtsprogramme stichprobenartig zurück in die Vergangenheit, sind 1952/53 und 1960/61 in der bedeutenden evangelischen Kirchenmusikmetropole an der Elbe, in der es unter anderem fünf Hauptkirchen mit A-Kirchenmusikern gibt, nur drei beziehungsweise vier Aufführungen verzeichnet. 1970/71 immerhin schon elf, 1980/81 dann 16, 1990/91 bereits 29 und 2000/2001 39 Aufführungen. Ein Anstieg, der sich sicher auch, aber längst nicht nur durch die gewachsenen finanziellen Möglichkeiten der Kirchengemeinden erklären lässt.

Und noch etwas ist anders als früher: Von den 43 Hamburger Aufführungen im vergangenen Jahr wurden allein sechs als "Weihnachtsoratorium für Kinder" angekündigt und eines als "Weihnachtsoratorium für Schulkinder ohne Arien". Dies zeigt, dass das Werk in der jüngsten Vergangenheit immer mehr als musikpädagogisches Objekt entdeckt und zelebriert wird. Häufig sind die gut einstündigen Kinderfassungen Vorprogramm für die "richtige" Aufführung am selben Tag. In der September/Oktoberausgabe 2015 der Fachzeitschrift "Musik & Kirche" werden allein vier verschiedene Kinderversionen des Oratoriums vorgestellt, die in den vergangenen Jahren entstanden sind.

Nicht erfasst vom Programm des Hamburger Kirchenkreisverbandes sind diverse Konzertaufführungen des Weihnachtsoratoriums in säkularen Räumen im Rahmen von Abo-Konzerten und natürlich die Aufführungen der 2014 komplettierten Ballettfassung John Neumeiers, die inzwischen als dvd erschienen ist und in der fast jede Zeile des Werkes musiziert und getanzt wird (siehe Seite 32).

Ebenfalls nicht in dieser Statistik sind drei Clubaufführungen, die im vergangenen Jahr in der Hansestadt zelebriert wurden. Tatort war der Bunker an der Feldstraße direkt neben dem Stadion des FC St. Pauli am Heiligengeistfeld. Hier hat das international renommierte Streichorchester "Ensemble Resonanz" seit kurzem einen 2500 Quadratmeter großen Proben- und Konzertraum, der vom Ambiente her durchaus an eine hippe Clublounge erinnert. Dort geschah in der Woche vor Heiligabend Bemerkenswertes: "Geben Sie sich dem hin ...", ermunterte Konzertmeisterin Juditha Haeberlin das Publikum, dann setzte sie die Nadel auf die Schallplatte und mit vertrauten Paukenschlägen, Flötentirilis und Streicherkaskaden begann der Eingangschor von Bachs Weihnachtsoratorium aus den Lautsprechern zu tönen. Doch dabei blieb es nicht lange: Schon während des Vorspiels fädelten sich die Musikerinnen und Musiker des Hamburger Ensembles in das Geschehen ein, und beim Einsatz der Singstimmen ist alles "live", die LP aus uralten Zeiten im fade out verschwunden und ein hinreißendes, fantasievolles Arrangement unter anderem mit E-Gitarre und Synthesizer in der Continuogruppe, nahm seinen Lauf.

Natürlich ließ das Ensemble Resonanz ein gutes Drittel des Werkes weg, aber es ging an diesem Abend im Bunker auch nicht um eine originalgetreue Ganzfassung, sondern um eine Darbietung in liebevoller Verpackung, die starke Gefühle für das Werk verrät. Ein Beispiel dafür: Alle Instrumentalisten, die nicht unbedingt mitspielen mussten, sangen bei den Chorälen mit, und bei "Ich steh an Deiner Krippen hier" sogar einstimmig. Warum das? "Es ist der innigste, intimste Choral, und einstimmig ist man doch am dichtesten beisammen", sagte Bratscher Tim-Erik Winzer nach dem Konzert.

Diese und andere Konzertformen zeigen, dass es immer mehr und immer ausdifferenziertere Aufführungen gibt - vom Flash Mob über das Club-WO bis zur Ballettinszenierung. Dies alles verstärkt den Eindruck, dass in, mit und unter Bachs Weihnachtsoratorium ein Kultur- und Kultraum entstanden ist, der im 21. Jahrhundert mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Besonders herzbewegende und dabei hochartifizielle Beispiele für die sich ausbreitende Liebe zu Bachs Weihnachtsoratorium sind zum Beispiel Aufführungen wie die des Ensembles Resonanz im Bunker an der Feldstraße. Sie unterstreichen, dass es wohl in der Tat für Bachs Weihnachtsoratorium einen wachsenden "zivilreligiösen Bedarf" gibt, wie der Freiburger Theologe und Kirchenmusiker Meinrad Walter behauptet (siehe Seite 38).

Was ist der Zauber dieses Stückes? "Klar, doch unerklärbar" - diese Charakteristik der Musik Bachs, die der Direktor der Berliner Singakademie Carl Friedrich Zelter 1827 in einem Brief an Johann Wolfgang von Goethe formulierte, trifft wohl in besonderer Weise auf das Weihnachtsoratorium zu. "Auf der einen Seite steht die unbestrittene ästhetisch-musikalische Qualität, auf der anderen zugleich die spirituell-theologische." So beschreibt es Meinrad Walter in seiner Werkeinführung.

Auf jeden Fall bereitet das Weihnachtsoratorium vielen Menschen Jahr für Jahr Freud' und Wonne, denen, die es hören, aber auch denen, die es musizieren. Der frühere Kirchenmusiker an der Hauptkirche St. Michaelis, Günter Jena, hat dieses Phänomen einmal so beschrieben: "Wenn ich nach den Aufführungen (...) in die strahlenden Gesichter der Sängerinnen und Sänger schaue - nach fünf Aufführungen, die unser Chor jedes Jahr singt, könnte man Müdigkeit, Überdruss erwarten - dann weiß ich, sie haben das Licht gehört." Eine wunderbar paradoxe Formulierung, aber wer den Leipziger Studenten im Netz bei ihrem Tun zuschaut, ist sich sicher: Auch sie haben damals das Licht gehört. Ganz bestimmt!

Informationen

Das Ensemble Resonanz führt in der Reihe "urban strings" unter dem Titel "Frohlocket" seine Version des Weihnachtsoratoriums am 17., 18. und 19. Dezember 2015 im resonanzraum St. Pauli in Hamburg auf. Beginn jeweils 21 Uhr. Am 22. Dezember gibt es ein viertes Konzert im radialsystem V in Berlin.

Literatur

Walter, Meinrad: Johann Sebastian Bach, Weihnachtsoratorium - Eine Einführung. Bärenreiter Verlag, Kassel 2006, 198 Seiten, Euro 14,50.

Günter Jena: Brich an, o schönes Morgenlicht - Das Weihnachtsoratorium von J. S. Bach. Verlagsgemeinschaft Topos, Kevelaer, 2008. 256 Seiten, Euro 12,95.

weitere Informationen
mehr zum Thema

Reinhard Mawick

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Monatsausgabe als Web-App.

57,60 €

jährlich

Monatlich kündbar.

Einzelartikel

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Kultur"