Brutal und fromm

US-Behörden fördern die Seelsorge an Gefangenen, aber behandeln sie unmenschlich
Typische Zweimannzelle in einem US-Gefängnis. Foto: Picture Alliance
Typische Zweimannzelle in einem US-Gefängnis. Foto: Picture Alliance
Obwohl Kirche und Staat in den USA getrennt sind, werden Gefängnispfarrer vom Staat besoldet. Und ehrenamtliche Seelsorger, darunter viele Evangelikale, dürfen Häftlinge besuchen. Was das bewirkt, schildert der Washingtoner Journalist Konrad Ege.

Nirgendwo auf der Welt werden so viele Menschen eingesperrt wie in den USA. Rund 2,2 Millionen Häftlinge sitzen in den rund fünftausend Gefängnissen des Landes. Dort muss man auf vieles verzichten, aber nicht auf die Religionsausübung. Für viele Häftlinge in den USA gehören Bibelstunden, Gebetskreise, Gottesdienste und selbst theologische Vorlesungen zum Alltag wie Handschellen, dünne Matratzen, das Plastikbesteck bei Mahlzeiten und das ständige Zufallen der Türen. In manchen Anstalten koexistiert das Evangelium mit drakonischen Haftbedingungen. Gefängnisdirektoren sperren Menschen in Zellen, die den Tierschutzverein auf die Palme bringen würden, würden Tiere so gehalten. Aber man ist darauf bedacht, dass genügend Bibelkurse stattfinden.

Auf weltliche Gnade können Häftlinge kaum hoffen. Auch bekehrte Todeshäftlinge erwartet die Giftspritze. Vergangenen September hat der Bundesstaat Georgia Kelly Gissendaner von Amts wegen vergiftet. Freunde wollten der 47-Jährigen durch den Hinweis helfen, sie sei im Gefängnis ein tief gläubiger Mensch geworden. Ihre "Transformation" habe sich bei ihrer Sorge um Mithäftlinge gezeigt, erklärte Professorin Jennifer McBride, die am lutherischen Wartburg College Ethik lehrt. Bei ihr hatte Gissendaner während der Haft studiert und sich mit den Werken der deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer und Jürgen Moltmann auseinandergesetzt. McBride möchte mit ihren Kursen den inhaftierten Frauen ein Stück Freiheit bringen, die Freiheit zu denken und Fragen zu stellen.

Dass Inhaftiere häufig über den Glauben nachdenken, überrasche nicht, stellt Charles Atkins fest. Er ist Pfarrer im "Garten-Staat-Gefängnis" in New Jersey. Schließlich sei die Inhaftierung "traumatisch, ein Schock". Und das führe manchmal zum Besinnen auf das eigene Leben.

Die vom Staat bezahlten Gefängnispfarrer sind für alle Häftlinge zuständig, egal welcher Religionsgemeinschaft sie angehören. Doch einen Großteil der Seelsorge, Gefängnisbesuche und Bibelstunden, leisten in den USA ehrenamtliche Helfer.

"Die Ehrenamtlichen bringen eine Botschaft der Liebe, wo es nicht viel Liebe gibt", sagt Pfarrer Atkins. Natürlich wollten viele die Gefangenen bekehren. "Doch oft verändern sich die Ehrenamtlichen selber - das Evangelium geht seine eigenen Wege", hat Atkins beobachtet.

Die Amerikaner sind insgesamt sehr religiös und so auch die Häftlinge, hat der Religionswissenschaftler Joshua Dubler festgestellt, der ein Buch über den Glauben hinter Gittern geschrieben hat, das den Titel "Down in the Chapel" trägt. Das Versprechen von Evangelikalen und Muslimen, eine religiöse Bekehrung könne alles neu machen, käme bei vielen Häftlingen an.

Die größte christliche Hilfsorganisation für Häftlinge ist die "Prison Fellowship", ein Verband mit bemerkenswerter Geschichte. Ins Leben rief ihn 1976 Charles Colson. Er war von 1969 bis 1973 Berater von Präsident Richard Nixon gewesen. 1974 landete Colson im Knast, weil er an der Vertuschung des Einbruchs in das Hauptquartier der oppositionellen Demokaten, bekannt als "Watergate", beteiligt war. In seiner Autobiografie schrieb Colson, er habe sich zunehmend "hingezogen gefühlt zu der Idee, dass Gott mich zu einem bestimmten Zweck ins Gefängnis geschickt hat", und dass er in Freiheit "etwas tun sollte für die, die ich zurückgelassen hatte".

Nach Angaben der Fellowship sind gegenwärtig 11.000 Mitglieder in hunderten Gefängnissen tätig. Und mehr als 25.000 Häftlinge nähmen an ihren Kursen teil. Man führe Häftlinge "in eine neuen Zukunft in Christus", verspricht die Webseite der Organisation, und man helfe den Entlassenen bei der Wiedereingliederung.

Colson starb vor drei jahren. Der konservative Baptist hatte viel dafür getan, Evangelikale für die Arbeit im Gefängnis zu gewinnen. 2011 hat das "Southwestern Baptist Theological Seminary" im texanischen Fort Worth im Darrington-Gefängnis in Rosharon mit Theologievorlesungen und Vorbereitungskurse für Prediger begonnen. Er sitze seit zwanzig Jahren ein, erzählt einer der Studenten, Tracy Williams, in einem Video der Hochschule. Er habe in der Haft zu Jesus gefunden, und sei dankbar, dass er künftig anderen helfen könne.

Gefangene als Seelsorger

Im Mai erhielten die ersten 33 Häftlinge ihre Diplome. Viele Absolventen werden in andere Gefängnisse verlegt, um dort als Seelsorger den Glauben zu verbreiten. Der Vizegouverneur von Texas, Dan Patrick, zeigte sich "überwältigt von dem, was Gott getan hat". Und Senator John Whitmire sprach von einem "bemerkenswerten Wandel" der Zustände in Darrington. Der Zellentrakt mit den Kursen sei "vom schwierigsten ... zu einem der besten" geworden.

Wie ein Sheriff in einem billigen Hollywood-Film sieht Burl Cain aus: dicker Bauch, Doppelkinn, schlechter Haarschnitt und das Auftreten eines Mannes, der Widerspruch nicht gewöhnt ist. Der 73-jährige ist trotz seines Alters Direktor des Staatsgefängnis in Angola im Bundesstaat Louisiana. Mit mehr als 6.000 Häftlingen, darunter viele Lebenslängliche, ist es das größte Hochsicherheitsgefängnis der USA. Evangelikalen verehren Cain als Superstar, und auch in der weltlichen Presse wird er oft gelobt. Als der Evangelikale die Gefängnisleitung vor zwei Jahrzehnten übernommen habe, hätten Schlägereien und andere Übergriffe von Häftlingen auf Häftlinge zum brutalen Alltag gehört. Aber Cain habe "Angola mit Christus befriedet", befand das Magazin "The Atlantic". Gottesdienste und Religionskurse werden angeboten, und für sterbende Häftlinge ist ein Hospiz eingerichtet worden. Der Lokalzeitung Shreveport Times sagte Cain, dass "moralische Menschen nicht vergewaltigen, rauben und stehlen". Und "wenn ich das Gefängnis verändern will, müssen die Häftlinge moralisch werden". Moral findet man "am leichtesten und besten in der Religion", meint Cain. Den Wärtern hat er das Fluchen untersagt.

Die Missionsarbeit in Angola wird durch Kirchenmitglieder durchgeführt, die die Gefangenen besuchen. Somit gebe es keine Verstöße gegen das Verfassungsprinzip der Trennung von Kirche und Staat, betont Gefängnisdirektor Cain. Aber die American Civil Liberties Union (ACLU) und manche Häftlinge sehen das anderes: Schon mehrmals und manchmal erfolgreich hat die ACLU im Namen von Gefangenen geklagt, die sich diskriminiert fühlten, weil sie nicht in Cains evangelikal-pfingstkirchliche Glaubenswelt passen.

Sollte er jemals in Louisiana im Gefängnis landen, würde er sich sofort "bekehren", meinte Menschenrechtsaktivist James Ridgeway vom Verband solitarywatch.org, der sich um Häftlinge in Isolationshaft kümmert. Insassen hätten ihm gesagt, in Angola genieße man als Christ Vorzüge. Aber insgesamt sind die Haftbedingungen grausam. Todeshäftlinge haben Klage eingereicht, weil im Sommer die Temperatur in ihren Zellen, in denen sie 23 Stunden am Tag zubringen, auf mehr als 40 Grad steige.

Eine weitere Sammelklage befasst sich mit der angeblich unzureichenden medizinischen Versorgung. Unter den Klägern ist ein querschnittgelähmter Häftling, ein 81-Jähriger, dessen Kehlkopfkrebs jahrelang nicht behandelt worden sei, und ein AIDS-Kranker, dem man zwei Jahre lang seine Medikamente vorenthalten habe, um ihn zu bestrafen, weil er sich oft beschwerte.

Die USA haben in den vergangenen Jahrzehnten eine Explosion der Häftlingszahl erlebt. Der Anstieg hat nichts mit steigender Kriminalität zu tun. Vielmehr sind die Strafgesetze verschärft worden, vor allem beim "Krieg gegen die Drogen". Und wer es als Politiker zu etwas bringen wollte, setzte sich als harter Hund in Szene, nach der Devise: Keine Samthandschuhe beim Umgang mit den Kriminellen.

Die Kirchen füllten mit ihren Gefängnisprogrammen eine Lücke, erläutert Religionswissenschaftler Dubler. Denn aus Kostengründen seien viele Bildungs- und andere Programme für Häftlinge gestrichen worden. Also blieben nur noch die religiösen Programme, die den Staat nichts kosten.

In US-Gefängnissen sind überwiegend Angehörige der unteren Einkommensgruppen eingesperrt. Ungefähr 60 Prozent sind Afroamerikaner und Latinos. In seiner zweiten Amtsperiode hat Präsident Barack Obama Reformen des Strafrechts und Strafvollzugs zum Thema gemacht. Im Juli besuchte er als erster US-Präsident ein Gefängnis und sprach mit Häftlingen. Und im Kongress und in der Öffentlichkeit wächst die Zustimmung zu Reformen, selbst in konservativen Kreisen.

Möglicherweise hatten ja manche der Gefängnisbesucher mit der Bibel ein Bekehrungserlebnis, als sie Gefangene besuchten. Aber wie predigt man eigentlich Liebe, Vergebung, Barmherzigkeit, wie das Papst Franziskus tut, wenn der Staat Menschen zu jahrzehntelanger Haft verurteilt und sie dann in Ein- oder Zweimannzellen unterbringt, die gerade groß genug sind für ein Einmann- oder ein Etagenbett, und in denen die Kloschüssel für alle einsehbar im Raum steht?

Konrad Ege

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