Immer in zwei Richtungen

Der Theologe und Kirchenmusiker Meinrad Walter über das Weihnachtsoratorium, und warum Johann Sebastian Bach die Einheit des Werkes wichtig war
Foto: privat
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Viele finden es merkwürdig, dass Bach in seinem Weihnachtsoratorium so viel Musik "recycelt" hat. Das hatte seinen Grund, meint der Bach-Experte Meinrad Walter aus Freiburg/Breisgau, aber er ist sich sicher: "Bach war nicht faul!" Ein Gespräch über Denkwürdigkeiten und Details eines berühmten Werks.

zeitzeichen: Herr Professor Walter, Sie beschäftigen sich als Theologe, Musikwissenschaftler und Musiker seit langer Zeit mit dem Weihnachtsoratorium? Würden Sie sagen, dass es das populärste Werk von Bach ist?

Meinrad Walter: Ja, zumindest in Deutschland.

Und warum ist das so?

Meinrad Walter: Wir haben schlicht kein anderes Weihnachtsoratorium von dieser Strahlkraft und Qualität. Anders gesagt: Bach ist auf dem "Weihnachtsoratoriumsmarkt" der Markführer. Zudem gibt es in der Advents- und Weihnachtszeit nicht nur einen kirchlichen und kulturellen, sondern anscheinend auch einen "zivilreligiösen Bedarf" nach so einem Werk und seiner Aufführung - es ist in den vergangenen Jahrzehnten zum Weihnachtsritual geworden, zumindest für bestimmte Schichten. Dabei sind ganz neue Dimensionen hinzugekommen. Noch bis Anfang der Achtzigerjahre war es so, dass nur der am Ort etablierte bürgerliche Oratorienchor dieses Stück aufführte und natürlich die leistungsfähigen Kantoreien. Aber damals gab es längst nicht so viele Schulaufführungen, die ich jetzt verstärkt wahrnehme. Und ganz entscheidend ist, dass seit einigen Jahrzehnten die "Verzweigung" zunimmt: Solistische Ensembles, die ganze Alte-Musik-Szene, und dann - das ist erst eine Entwicklung des 21. Jahrhunderts - zunehmend experimentelle Formen: Weihnachtsoratorium mit Chorälen, Chören oder sogar Arien zum Mitsingen, vereinfachte und verkürzte Aufführungen für Kinder und vieles mehr ...

Zum Beispiel Clubaufführungen, Jazzarrangements oder eine Version ausschließlich mit Saxophonen als Orchester. Ist das für Sie ein kreativer Umgang mit dem Werk, oder empfinden Sie manches als unangemessen?

Meinrad Walter: Das kommt natürlich immer auf den Einzelfall an, aber prinzipiell ist ein kreativer Umgang mit dem Werk zu begrüßen. Bach ging mit seinem Werk ja auch recht kreativ um. Man hätte auch damals fragen können, ob das "Recyceln" der Musik im Weihnachtsoratorium ein legitimer Umgang mit einer Kantate für die sächsische Königin ist. Bach hatte damit kein Problem. Er hatte auch kein Problem damit, eine zusätzliche Bratschenstimme in Pergolesis "Stabat Mater" reinzuflicken und sieben Arien von Georg Friedrich Händel in eine Passionsmusik von Reinhard Keiser einzufügen. Hier gilt meines Erachtens der Grundsatz: Wer kann, der darf.

Stichwort Können: Einiges aus Bachs Weihnachtsoratorium - besonders der berühmte "Ehre-Chor" im zweiten Teil - ist sehr schwer zu singen. Trotzdem singen viele Laienchöre das Werk. Dürfen die das, oder sollte das nicht eher für Profis sein?

Meinrad Walter: Natürlich dürfen die das! Sicher ist es für einen Laienchor von 80/90 Leuten keine einfache Aufgabe, den "Ehre-Chor" mit dem Orchester zusammen zu musizieren - aber man kann das sehr respektabel hinkriegen. Das hat natürlich Vor- und Nachteile, aber auch eine professionelle Aufführung mit vier oder acht Sängern hat Vor- und Nachteile. Die Solisten werden in den Chorälen kaum einen flächigen Klang hinbekommen, der doch dort vonnöten ist. Ich finde, die verschiedenen Aufführungstraditionen bereichern sich heute gegenseitig!

In Ihrem Buch beschreiben Sie detailliert den Aufbau des Weihnachtsoratoriums. Im Grunde sind es ja sechs Kantaten, die durch den fortlaufenden Bibeltext verbunden sind. Was ist darüber hinaus das Besondere am Weihnachtsoratorium als Einheit?

Meinrad Walter: Für Bach war es eine Einheit. Er schreibt in der Partitur über die einzelnen Kantaten sechsmal "Partes", zu Deutsch Teile. Damit will er unterstreichen, dass es eben nicht ein Zyklus von sechs prinzipiell selbstständigen Kantaten ist. Und er hat damals 1734/35 ein aufwändiges Programmheft mit eigenem Titelblatt anfertigen lassen, auf dem in der obersten Zeile ORATORIUM steht - im Singular und mit Großbuchstaben. Wir wissen ja, dass die Aufführung des Ganzen sich an sechs verschiedenen Tagen über knapp zwei Wochen erstreckt hat, aber ideell ist es für Bach ein Werk. Insofern glaube ich, dass Bach gar nichts gegen unsere heutige Praxis hätte, das ganze Werk zusammenhängend an einem Tag aufzuführen.

Warum hat Bach es dann nicht selbst so gemacht?

Meinrad Walter: Dafür gab es in Leipzig keine Möglichkeit, denn eine fast dreistündige Aufführung wäre mit der Liturgie eines weihnachtlichen Hauptgottesdienstes nicht zu vereinbaren gewesen. Schon die Aufführungen an den sechs verschiedenen Tagen - übrigens nicht nur vormittags, sondern vier Mal auch noch zusätzlich in der nachmittäglichen Vesper - waren ja liturgisch ein Kompromiss, denn die Predigttexte für die Gottesdienste waren teilweise andere, als die Texte im Oratorium, in dem in den ersten vier Teilen konsequent die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium und in letzten beiden Teilen die aus dem Matthäus-evangelium besungen wird. Aber am zweiten Weihnachtstag war damals die Steinigung des heiligen Stephanus der Predigttext, und am Sonntag nach Neujahr war die Flucht nach Ägypten dran - beides kommt in Bachs Oratorium nicht vor, und so stehen einige der damals gelesenen und gepredigten Bibeltexte durchaus etwas windschief zum Weihnachtsoratorium. Auch Bachs adventlicher Einstieg in sein Werk im ersten Teil war liturgisch sehr ungewöhnlich, denn am ersten Weihnachtstag war der Advent ja wirklich vorbei. Bach aber braucht ihn noch im Oratorium, weil er sich die Spannung von adventlicher Erwartung und weihnachtlicher Erfüllung nicht entgehen lassen will.

Ein großer Teil der Musik des Weihnachtsoratoriums stammt aus anderen Werken Bachs, in erster Linie aus zwei Glückwunschkantaten für das sächsische Fürstenhaus. Wenn Bach das Oratorium so viel bedeutete, warum war er dann zu faul, etwas Neues zu schreiben?

Meinrad Walter: Er war bestimmt nicht zu faul, vielmehr hat ihn bei einigen Stücken der Gedanke umgetrieben, wie er Musik, die ihm besonders wichtig war, in andere, größere Zusammenhänge stellen konnte, damit sie den Charakter einer "Eintagsfliege" verliert. Die geistlichen Kantaten waren für einen bestimmten Sonntag im Kirchenjahr geschrieben, konnten also alle Jahre wieder aufgeführt werden, die Musik der weltlichen Kantaten zu Geburtstagen des sächsischen Herrscherhauses hätte hingegen mangels Anlass keine weitere Verwendung mehr finden können.

"Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!" und "Herkules auf dem Scheidewege", die beiden Glückwunschkantaten, aus denen etliche Vorlagen des Weihnachtsoratoriums stammen, sind beide 1733 entstanden, also nur ein Jahr vor dem Weihnachtsoratorium. Meinen Sie, dass Bach möglicherweise bei der Komposition dieser Werke bereits das Weihnachtsoratorium im Hinterkopf gehabt hat?

Meinrad Walter: Das wissen wir nicht. Aber warum soll Bach nach der Verfertigung der beiden weltlichen Kantaten nicht der Gedanke gekommen sein: Hier habe ich eine prächtige Majestätsarie, da sogar ein Wiegenlied, das passt doch alles gut zu Weihnachten? Möglicherweise hat er auch vor der Komposition dieser Kantaten bereits gewusst, dass er Musik für ein Weihnachtsoratorium braucht. Auf jeden Fall wollte Bach in den 1730-er Jahren Teile seines Werkes in größere Zusammenhänge überführen und sein stattliches Kantatenrepertoire durch höhere Formen ergänzen. Das tat er, indem er sie an einen Text "andockte", der eine größere Lebensdauer hatte als die einmaligen Anlässe. Und das gilt nicht nur für das Weihnachtsoratorium. 1733 schrieb Bach eine großangelegte lateinische Messe, bestehend aus Kyrie und Gloria, und einige Jahre später vier weitere "kleine" Messen. In ihnen verwendet er ausschließlich Musik aus dem Fundus seiner geistlichen Kantaten. Durch die Übertragung auf den lateinischen Messtext schuf Bach damit seiner Musik neue Aufführungsmöglichkeiten und so eine größere Dauerhaftigkeit. Ob er damit auch musikalisch über die Grenzen seiner eigenen Konfession hinausblicken wollte, wissen wir nicht.

Eine Majestätsarie - "Großer Herr, o starker König" und eine Wiegenliedarie - "Schlafe, mein Liebster" mögen ja gut ins Weihnachtsoratorium gepasst haben, weil die Affekte deckungsgleich waren. Aber kann man das denn von allen Vorlagen sagen?

Meinrad Walter: Nein, keinesfalls. Nehmen wir nur das Beispiel der ersten Arie des Oratoriums. Das Original aus der Herkuleskantate beginnt so: "Ich will dich nicht hören, ich will dich nicht wissen, verworfene Wollust, ich kenne dich nicht." Das passt natürlich gar nicht zu dem im Weihnachtsoratorium unterlegten Text "Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben, den Schönsten, den Liebsten bald bei dir zu sehn!". Aber das stört uns heute nicht, denn wir bringen die Musik ja automatisch mit dem Weihnachtsoratorium in Verbindung. Der zweite Teil der Arie geht in der Herkuleskantate so weiter: "Denn die Schlangen, so mich wollten wiegend fangen, hab ich schon lange zermalmet, zerrissen." Das ist nun wirklich ein himmelweiter Unterschied zur Fassung im Oratorium, wo es heißt: "Deine Wangen müssen heut viel schöner prangen; eile, den Bräutigam sehnlichst zu lieben!" Und dann deutet Bach die Schlangen mit einer diesen Teil durchziehenden lebhaft schlängelnden Basslinie musikalisch auch noch besonders aus. Heute denken alle bei dieser lebhaften, schönen, impulsiven Basslinie aber nicht mehr an Schlangen, sondern freuen sich nur über eine fantasievolle Basslinie, weil der neue Text diese Assoziationen ja gar nicht bietet.

Hat Bach denn wirklich die weltliche Musik im Weihnachtsoratorium immer eins zu eins übernommen, oder hat er sie im Zuge der Übernahme verändert?

Meinrad Walter: Er hat sie meist verändert. Schon der allererste Anfang des Weihnachtsoratoriums ist dafür ein Beispiel. Bach fügt gegenüber der Vorlage aus der Kantate "Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!" eine winzige Sechzehntelpause vor dem Einsatz der Flöten ein, der dadurch nicht mehr genau auf dem vierten der charakteristischen fünf Paukenschläge erfolgt, sondern eine Winzigkeit später. Und genau durch diese Pause entsteht bei genauem Hinhören ein sehr effektvoller Moment. Ich glaube, Bach konnte seine Musik gar nicht einfach nur abschreiben, sondern er konnte sie nur abschreiben und dabei perfektionieren. Interessant ist auch, dass Bach den Text der Arie "Großer Herr und starker König" noch kurz vor der Aufführung geändert hat. Im gedruckten Programmheft stand noch gut gereimt: "Großer Herr, o starker König, / Liebster Heiland, o wie wenig / Achtest du der Erden Pracht! / Der die ganze Welt gemacht, / Ihre Pracht und Zier erschaffen, / Muss in harten Krippen schlafen". In der Partitur steht aber "... der die ganze Welt erhält". Bach hat den Reim "Pracht - gemacht" zerstört.

Vielleicht hat er das gemacht, weil das Wort "erhält" gesungen besser klingt, als das abgedunkelte "gemacht"?

Meinrad Walter: Ja, die nun gewonnene Assonanz "Welt erhält" lässt sich besser singen. Aber ich glaube, es hat einen noch tieferen theologischen Grund: Durch die Änderung von "gemacht" in "erhält" wird just in der Arie, in der die Geburt Christi prächtig besungen wird, deutlich: Christus ist für Welt und Mensch nicht nur gubernator (Herr und König), salvator (Heiland), creator (Schöpfer), sondern - und das macht die kleine Textänderung gegenüber der brav gereimten Vorlage sinnfällig - auch conservator (Erhalter). Diese Formulierungen finden sich in dem klassischen lutherischen Lehrbuch der damaligen Zeit, dem "Compendium locorum theologicorum" von Leonhard Hutter, damals das Standardlehrbuch lutherischer Theologie. Diese vier Zuschreibungen scheinen Bach wichtig gewesen zu sein. Und die Zerstörung des Reims fällt ja sowieso keinem Hörer auf, weil davor ein längerer instrumentaler Übergang vom Rahmenteil zum Mittelteil erklingt.

Es gibt so manche Merkwürdigkeiten im Weihnachtsoratorium. Im fünften Teil antwortet die Altstimme auf die Frage der Weisen aus dem Morgenlande, wo der neugeborene König der Juden sei: "Sucht ihn in meiner Brust, hier wohnt er, mir und ihm zur Lust." Was soll das?

Meinrad Walter: Es gibt bei Bach im Weihnachtsoratorium, auch in seinen Passionen, immer zwei Richtungen der Musik. Die eine ist nach vorn gerichtet, auf den Fortgang der Handlung. Die zweite widmet sich der Betrachtung und ist deshalb nach innen gerichtet. Dafür stehen die Arien und Choräle, in denen die Handlung reflektiert wird. Diese beiden Grundrichtungen geben dem Komponisten natürlich einen großen Spielraum in der Gestaltung von Übergängen. An dieser Stelle erlaubt sich Bach quasi einen Scherz, in dem er die Richtungen durcheinanderwürfelt und die Frage der Weisen, die ja nach vorn gerichtet war - "Wo ist der neugeborne König der Juden?" - mit der Richtung nach innen beantworten: "Sucht ihn in meiner Brust ...". Es ist einfach eine Vertauschung der Ebenen. Aber gerade durch diese Vertauschung wird der Hörer darauf gestoßen, dass beide Ebenen des Verstehens wichtig sind und dass ihre ausgewogene Balance zum Erfolgsrezept des Werkes gehört.

Es wird immer wieder behauptet, die Solo-Altstimme im Weihnachtsoratorium sei eine Personifizierung der Jungfrau Maria. Was meinen Sie dazu?

Meinrad Walter: Die Texte der Alt-Arien in den ersten drei Teilen des Weihnachtsoratoriums haben etwas Mütterliches, man könnte sagen Marianisches, an sich: Die erste Arie "Bereite dich, Zion" thematisiert Erwartung und Hoffnung, die zweite Arie "Schlafe, mein Liebster", als das Kind in der Krippe liegt, ist die Arie der Erfüllung und in der dritten Arie "Schließe, mein Herze" geht es um die Erinnerung. Erwartung, Erfüllung, Erinnerung - das sind Phänomene, ohne die kein Mensch leben kann. Und durch diese Phänomene steht für mich die Gestalt der Maria in diesen Arien mit drin, allerdings natürlich nicht so, dass man sagen könnte: Jetzt tritt Maria als Person auf und singt ihre Arie. Der Bachforscher Walter Blankenburg hat dafür das Wort von der latenten Personifizierung geprägt. Das heißt, die Arien haben etwas mit Maria zu tun, aber auch mit mir. Insofern bleibt die Sache produktiv in der Schwebe. Ob die Ereignisse von damals, deren musikalische Darstellung man mit der Präsentation eines Schauspiels vergleichen könnte, zu einer Art von Spiegel werden, in dem heutige Hörerinnen und Hörer sich selbst erkennen oder gar Antworten auf Weihnachten entdecken, das entscheiden die Interpreten und Hörer heute. Bachs weihnachtliches Angebot aber steht.

Das Gespräch führte Reinhard Mawick am 2. Oktober 2015 in Freiburg/Breisgau.

Meinrad Walter, geboren 1959, studierte katholische Theologie und Musikwissenschaft in Freiburg und München und ist ausgebildeter Kirchenmusiker. Er war im universitären Bereich sowie im Journalismus und Verlagswesen tätig. Seit 2002 ist der promovierte Theologe Referent für Kirchenmusik der Erzdiözese Freiburg; seit 2012 zudem Honorarprofessor für Theologie/Liturgik an der Musikhochschule Freiburg im Breisgau. Zahlreiche Veröffentlichungen, unter anderem erschien von ihm 2006 eine Werkeinführung zu Bachs Weihnachtsoratorium.

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