Manifest

Über das Christentum
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Auseinandersetzung in der Malerei, in der liturgischen Form, in persönlicher Schreibe, das scheint die verborgene Spur des Buches zu sein, der Kermani folgt.

Mithilfe von 42 Kunstwerken aus ganz Europa zieht Navid Kermani hinein in seine assoziativen Zugänge zu klassischen christlichen Themen - in seiner persönlichen, zugleich nachvollziehbaren Sprache und Systematik. Die Überschriften "Mutter, Sohn, Sendung, ... Kreuz, Klage, Auferstehung, Gott I, Gott II" zeigen erst einmal nichts Aufregendes an, aber durch Kermanis sprachliche Kunst entsteht ausgesprochen Schönes. Es ist auch typisch evangelisch, wenn sich Kommentatoren des Christlichen selbst angreifbar machen und zu erkennen geben - wie manches Gemeindeglied in der gemeinsamen Bibelarbeit. Standpunkt und Perspektive werden so deutlich und nachvollziehbar - und Sprechende geben Zeugnis von der eigenen geistlichen Suche.

Kermanis Art, Heiliges und Profanes in der Religion in ihren Phänomenen zu beschreiben und dabei auch theologische Schlussfolgerungen für sich zu ziehen, ist einer ganzen Generation von Theologen-Flaneuren außerdem vertraut. Denn der habilitierte Orientalist betreibt eine Art "Praktische Theologie als Kunst der Wahrnehmung", ohne es so zu nennen. Was also ist daran besonders?

Besonders wird Ungläubiges Staunen durch die Standpunkte, die der Schriftsteller verkörpert und einnehmen kann. Man könnte auch sagen: Besonders wird es dadurch, dass Kermani nicht Studienleiter einer evangelischen Akademie ist. Orientalist mit muslimischem Hintergrund, säkular sozialisiert, von einem linken politischen Kontext des deutschen Westens geprägt und doch religiös ansprechbar, beschreibt er ohne Redetabus gegenüber einem vermeintlichen Heiligen, was er in der Begegnung mit dem Christentum fühlt und sieht. Er stellt Bezüge zum Islam her, zitiert aus dem Koran und aus Hölderlin und bindet alles in wunderbaren Geschichten zusammen.

Das bereits ist ein Manifest geistiger Freiheit. Es besagt: Man darf ungläubig staunen, sich begeistern, ohne sich identifizieren zu müssen. Man darf im religiösen Multiversum umherwandern, ohne dass einem die Identifizierten sofort ein Bekenntnis abpressen. Man darf sich wundern und auch Hässlichkeit wahrnehmen. Man darf unbequeme Fragen mit Respekt stellen. Und man kann Kritisches aufzeigen. Kermani gibt in seinem Buch gekonnt Beispiele.

Besonders ist das Buch durch die geniale Auswahl christlicher Malerei. Kein Werk ist allerdings jünger als das 16. Jahrhundert. Das ist bezeichnend. Was nach der Reformation kommt, scheint dem Autor nicht bestaunenswert genug zu sein. Dennoch gelingt ihm auch der Sprung in die Gegenwart: Fesselnd werden Kermanis Schilderungen dort, wo er sich als teilnehmender Beobachter in das christliche Leben zweier Klöster verstrickt. Die Reportage zum Beispiel über den Jesuiten Paolo Dall'Oglio, Abt des Syrischen Klosters Mar Musa und seine Gemeinschaft, deren Weg des Zeugnisses er über Jahre begleitet, geht unter die Haut. Die Gemeinschaft in der syrischen Wüste war noch vor wenigen Jahren von einem faszinierenden Zusammenleben von Muslimen und Christen geprägt. Dall'Oglio ist verschollen, wahrscheinlich gestorben durch die Terrorgruppe IS, mit der er verhandelte. Die Glaubensideale leben im Exil weiter.

Künstlerische Autonomie und Auseinandersetzung in der Malerei, in der liturgischen Form, in persönlicher Schreibe, das scheint die verborgene Spur des Buches zu sein, der Kermani folgt. Da kann christliche Tradition sogar Grundlage politischer Einmischung werden. Schade, dass er die, die den Protest im Namen tragen und auch geistige Väter und Mütter künstlerischer und geistiger Freiheit in Europa sind, keines Blickes würdigt. Dabei gäbe es ja vielleicht auch bei den Protestanten manches zu bestaunen.

Navid Kermani: Ungläubiges Staunen. Verlag C.H. Beck, München 2015, 303 Seiten, Euro 24,95.

Marcus A. Friedrich

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