Panoptikum der Gebrochenheit

zeitzeichen-Serie (IV): Perspektiven der Kirchengeschichte im 21. Jahrhundert
Die kirchliche Zeitgeschichte muss eine Fülle von Material aufarbeiten. Das Foto zeigt den ersten Rat der ekd, der vor 70 Jahren im August 1945 im nordhessischen Treysa gebildet wurde. Foto: epd/Hephata-Archiv
Die kirchliche Zeitgeschichte muss eine Fülle von Material aufarbeiten. Das Foto zeigt den ersten Rat der ekd, der vor 70 Jahren im August 1945 im nordhessischen Treysa gebildet wurde. Foto: epd/Hephata-Archiv
Das Fach Kirchengeschichte beschäftigt sich mit der Geschichte des Christentums und der Kirchen - ein weites Feld, das täglich wächst. Volker Drecoll, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Tübingen und Ephorus des Evangelischen Stifts, zeigt, wo neue Gebiete erschlossen werden und welche noch brachliegen.

Kirchengeschichte als Fach der evangelischen Theologie in Deutschland stellt sowohl im internationalen Vergleich als auch im Gegenüber zur römisch-katholischen Fachtradition ein Unikat dar. Evangelische Kirchenhistoriker sollen das Ganze ihres Faches abdecken, also von der Zeit des Frühen Christentums bis zur Gegenwart lehren. Das führt dazu, dass auch der Patristiker Reformationsgeschichte oder Kirchengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts liest, und umgekehrt der Reformationshistoriker Prüfungen zur Christenverfolgung oder zu Augustin abnehmen muss.

Diese Bandbreite ist einerseits eine besondere Stärke, weil sich hierdurch epochenübergreifende Querbeziehungen ergeben, steht aber andererseits quer zu der weit vorangeschrittenen Spezialisierung, die sich insbesondere in der Forschung niederschlägt. Der hohe Grad der Spezialisierung zeigt sich schon daran, dass es - abgesehen von der Sektion Kirchengeschichte der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie - keine Wissenschaftsorganisation gibt, die die Kirchengeschichte als Disziplin umfasst. Dementsprechend uneinheitlich ist das Bild dieser theologischen Disziplin. Die Anforderungen und die Ausdifferenzierung in den einzelnen Epochen sind in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. Insofern ist die Kirchengeschichte vom Zerfall in die Einzeldisziplinen bedroht.

Hinzu kommt, dass über Aufgabe und Wesen der Kirchengeschichte keine einhellige Meinung besteht. Die klassische Aufteilung in Kirchengeschichte und Dogmengeschichte ist größtenteils aufgegeben worden zugunsten einer integrativen Behandlung theologiegeschichtlicher, ereignisgeschichtlicher, kulturgeschichtlicher und sozialgeschichtlicher Betrachtungsweisen. Abgelehnt wird insbesondere eine Dogmengeschichte, die die Geschichte des Christentums als Abfolge von geistesgeschichtlichen Grundentscheidungen deutet, in denen das Christentum zunehmend zu sich selbst kommt. Das Anliegen der Dogmengeschichte lässt sich heute am ehesten aufgreifen als Frage nach dem, was aus christlicher Sicht in einer bestimmten Zeit als verbindlich und als inakzeptabel aufgefasst wurde. Darin sind ethische Vorstellungen ebenso inbegriffen wie soziale Strukturen, theologische Inhalte ebenso wie biblische Begründungsmuster. Christliche Identität wird dabei verstanden als sich stetig veränderndes Ergebnis von kulturellen und sozialen, historischen und regionalen Aushandlungsprozessen. Die Frage nach der jeweiligen Selbstdeutung gehört jedenfalls ins Zentrum der Kirchengeschichte, gerade wenn man als den Gegenstand derselben festhält, dass alles, was beansprucht, christlich zu sein, Gegenstand der Kirchengeschichte ist.

Dreifache Funktion

Worin der theologische Gehalt der Kirchengeschichte liegt, sind sich die Vertreter der Zunft uneinig. Muss der Kirchenhistoriker zu allererst nachweisen, wieso er aufgrund seiner theologischen oder gar konfessionellen Gebundenheit prinzipiell mehr kann als ein kirchengeschichtlich interessierter Profanhistoriker? Demgegenüber ist auf die faktische Arbeit von Kirchenhistorikern zu verweisen, die nicht grundsätzlich andere Methoden anwenden als allgemeine Geschichtswissenschaftler, die aber aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Fachtradition Fragestellungen, die mit Kirche und Theologie zusammenhängen, besonders fundiert und sachgemäß betreiben können. Theologen bringen zum Beispiel eine exegetische Ausbildung inklusive Sprachkenntnisse in Hebräisch und Griechisch mit und befassen sich in der Systematischen Theologie mit den Begründungsstrukturen theologischer Argumente, sie bedenken in der praktischen Theologie Sozialformen des christlichen Glaubens und stellen Verbindungen zur Gegenwart her. Dies ist im Rahmen einer allgemeinen Geschichtswissenschaft nicht ohne weiteres zu leisten, bildet aber für die Erforschung kirchengeschichtlicher Fragestellungen eine unersetzbare Ressource. Hinzukommt dass die Beschäftigung mit herausragenden theologischen Entwürfen der Vergangenheit, aber auch mit Konzeptionen, die als Häresie ausgegrenzt wurden, besonders fruchtbar für das eigene theologische Denken ist. Ebenso deutlich ist, dass Kirchengeschichte besonders die Verbindung von Theologie und Kirche mit der Umwelt betrachtet, ja diese selbst als Teil der Umwelt versteht. Insofern ist eine theologische Dimension der Kirchengeschichte nicht erst durch eine systematisierende Auswertung oder ein konfessionsgebundenes Surplus, sondern bereits für die historische Kärrnerarbeit gegeben. Im Fächerkanon der theologischen Disziplinen kommt der Kirchengeschichte eine dreifache Funktion zu: Kirchengeschichte vergegenwärtigt erstens die Historizität des christlichen Glaubens, bringt also den Sachverhalt zur Sprache, dass der christliche Glaube sich als geschichtliches Ereignis erweist. Kirchengeschichte schult zweitens das Denken und klärt die Voraussetzungen der eigenen religiösen Identität. Und drittens: Kirchengeschichte stört, weil sie auch auf das verweist, was alles im Namen Christi schon verbrochen worden ist. Kirchengeschichte thematisiert gerade auch die Gebrochenheit aller christlichen Identität. Natürlich lässt sich eine Kirchengeschichte nicht auf eine Kriminalgeschichte des Christentums reduzieren - aber dass die Berufung auf die Helden der Vergangenheit und die Tradition des Christentums ein zweischneidiges Schwert ist, das versteht man eben in der Kirchengeschichte. Es steht zu hoffen, dass Theologen, die Kirchengeschichte betreiben, deswegen vorsichtiger mit ihren Wahrheits- und Moralansprüchen sind, weniger jubelnd auf die eigene Tradition schauen, mehr Verständnis für abweichende Formen des Christentums haben und mit differenzierterem Gespür die Querverbindungen theologischer Argumente verstehen.

Die Kontextualisierung christlicher Theologie und der entsprechenden Formation als Kirche ist dabei das entscheidende Paradigma. Das führt zu einer besonders starken Vernetzung der Kirchengeschichte mit der allgemeinen Geschichtswissenschaft, aber auch mit den entsprechenden Philologien, der Latinistik, Gräzistik, Germanistik et cetera, und mit Sozial- und Kulturwissenschaften. In den einzelnen Epochen wirkt sich das unterschiedlich aus.

In der Patristik, der Beschäftigung mit der Alten Kirche, ist die Verselbständigung gegenüber dem Neuen Testament in den vergangenen dreißig Jahren zu einem gewissen Abschluss gekommen. Zwar gibt es nach wie vor mit dem zweiten Jahrhundert ein breites Feld der Überschneidung, aber im Hinblick auf die komplexe Gnosisforschung und die zunehmende Entdeckung der Pluriformität des frühen Christentums ist das klassische Bild einer Krise der frühen Kirche angesichts von Markion, Gnosis und Montanismus zunehmend aufgegeben worden. Die Ansätze zur Ausbildung von Kanon, Liturgie, Amt und Theologie sind im Einzelnen nur bruchstückartig erkennbar, von einer Großkirche sollte man vermutlich einfach gar nicht mehr sprechen.

Exegese im Mittelpunkt

Inhaltlich ist sodann in den vergangenen Jahren insbesondere die Schriftauslegung der Alten Kirche zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, nachdem noch vor 20 Jahren der Trinitarische Streit die Geschichtsschreibung dominierte. Die Exegese wird nicht nur in ihrer Entstehung neu bedacht, sondern auch als die Theologie insgesamt formierende Kraft erkannt und in den verschiedenen Feldern der theologischen Auseinandersetzungen verfolgt. Dadurch entsteht ein Bild von der Alten Kirche, das nicht länger das Paradigma der Hellenisierung des Christentums verfolgt, sondern besonders hervorhebt, dass die Einnistung des Christentums in die antike Welt eine ausgesprochen biblische Fundierung hat.

Hinzu kommt, dass die Patristik in den vergangenen Jahren immer wieder mit Neufunden bisher gänzlich unbekannter Texte beschäftigt war. Die Liste dieser Neufunde umfasst etwa die Augustinbriefe, das Judasevangelium, das Exzerpt einer Schrift des Eustathius von Antiochia, Origenes' Psalmenhomilien, Fortunatian von Aquileia. Das führt zu entsprechender wissenschaftlicher Erschließung und prägt die Fachkongresse. Hinzu kommen große Editionen etwa der Athanasius-Werke oder von Kyrills Contra Iulianum, die zeigen, dass die Patristik stark philologisch und historisch geprägt ist.

Das Stiefkind der Kirchengeschichte ist nach wie vor das Mittelalter, auch wenn hierzu zunehmend Beiträge aus der evangelischen Kirchengeschichte erscheinen. Nach wie vor aber dominiert die allgemeine Geschichtswissenschaft und bearbeitet auch klassisch kirchengeschichtliche Themen wie die Kreuzzüge oder den Gang nach Canossa. Was die sogenannte Völkerwanderungszeit heute, die Entstehung der gentilen Reiche betrifft, wird gegenüber älteren Vorstellungen eines Kulturabbruches heute die Kontinuität zum Imperium Romanum wesentlich betont, das Paradigma der Germanisierung des Christentums ist insgesamt aufgegeben worden.

Regionale Zugriffe

Für die Reformationszeit lässt sich zunächst festhalten, dass die Reformation wesentlich stärker als noch vor dreißig Jahren zeitübergreifend kontextualisiert wird. Zum einen ist das Paradigma Spätmittelalter und Reformation fest etabliert und hat längst Eingang in die Überblicksdarstellungen gefunden, zum anderen ist eine neue Aufmerksamkeit für die Zeit nach 1530 und nach 1555 entstanden, verbunden mit einer intensiven Aufarbeitung dessen, was man früher das konfessionelle Zeitalter nannte. So wird deutlich, wie stark es schon im 14. und 15. Jahrhundert Reformationsbemühungen gab, welche Frömmigkeitsformen, etwa der Kreuzesverehrung, des Bemühens um die Innerlichkeit des Glaubens, der Bußfrömmigkeit oder der Mystik, es gab, an die die Reformatoren anknüpfen konnte. Natürlich spielt Martin Luther nach wie vor eine große Rolle, zugleich nimmt die Reformationsforschung zunehmend aber auch die regionalen Abläufe und Personen in den verschiedenen Städten und Territorien in den Blick.

Gerade auch im Hinblick auf das Reformationsjubiläum ist eine große Vielfalt solcher regionalen Zugriffe auf die jeweilige Geschichte des 16. Jahrhunderts zu bemerken. Das ist zu begrüßen, weil es die Konzentration auf das eine Nationaldenkmal der Schlosskirche in Wittenberg dann eben doch überwindet und Martin Luther in die Abläufe seiner Zeit einordnet. Dass gerade auch auf der Grundlage einer solchen Kontextualisierung die enorme theologische und sprachliche Leistung Luthers noch einmal besonders deutlich wird, stellt diese differenzierte Sicht nicht in Frage. Die Aufmerksamkeit, die dann insbesondere die komplexen Entwicklungen der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts finden, hat zu einer ganzen Reihe von Neueditionen geführt, unter denen die der lutherischen Bekenntnisschriften herausragt. Das Paradigma der drei Konfessionalisierungsprozesse lutherisch, reformiert, und römisch-katholisch, ist durch den Vorschlag, Konfessionskulturen zu untersuchen, wesentlich geweitet worden. Auch hier hat sich die Zusammenarbeit mit den allgemeinen Geschichtswissenschaften, wie sie etwa am Institut für europäische Geschichte in Mainz etabliert ist, besonders bewährt.

Täglich mehr Stoff

Die Neuzeit ist in der Fachtradition der Kirchengeschichte eher schlecht vertreten, darin wirkt die traditionelle Konzentration des Faches auf Patristik und Reformationszeit nach. Für Aufklärung und Pietismus sind das Internationale Zentrum für die europäische Aufklärung und das Interdisziplinäre Zentrum für Pietismusforschung, beide in Halle, zu nennen. Hinzu kommen wichtige Beiträge zur Theologie der Aufklärung, sichtbar etwa in der Edition der Werke von Spalding. In der Pietismusforschung ist an die Stelle der älteren Debatte um die Anfänge des Pietismus die Beachtung der sozialen Konflikte des frühen Pietismus getreten: Pietistische Gruppen werden gerade in ihrem Nonkonformismus wahrgenommen.

Für die neueste Zeit ist neben die fortgesetzte Beschäftigung mit der NS-Zeit zunehmend auch die Zeitgeschichte getreten, sichtbar etwa an der Edition der EKD-Ratsprotokolle ab 1945. Hier steht der Kirchengeschichtler vor der Herausforderung, dass sein Stoffgebiet gleichsam täglich wächst. Für die Lehre wird es zunehmend wichtig, die Zeit bis etwa 1990 zu behandeln. Zugleich zeigt sich, dass auch die neueste Kirchengeschichte den Blick über Deutschland und Europa hinaus weiten muss. Im Grunde müsste aus der alten Konfessionskunde eine Geschichte des außereuropäischen Christentums werden, in die auch die Missionsgeschichte und die konfessionskundlichen Aspekte integriert werden. Leider sind Sonderfächer wie Christliche Kunst, Ostkirchenkunde, der Christliche Orient oder Kirchenordnung aufgrund mangelnder Ressourcen nur an wenigen Standorten noch vorhanden. Die Zusammenarbeit zwischen Hochschulstandorten und mit den Nachbardisziplinen ist daher besonders dringlich.

Für die Vielfalt der Perspektiven sind zudem die Hochschulstandorte mit zwei theologischen Fakultäten, also einer evangelischen und einer katholischen, interessant, weil hier die unterschiedlichen Fächertraditionen, Forschungsschwerpunkte und methodischen wie inhaltlichen Aufmerksamkeiten zu einem auch ökumenisch fruchtbaren Austausch führen können. Dass dabei die Thematisierung dessen, was Kirche ausmacht, nicht einfach mit einem wie auch immer gearteten Hinweis auf das Wesen des Christentums oder die Mitte der Schrift beschrieben werden kann, sondern sich vielfältigen Vorverständnissen, Traditionen und historischen wie sozialen Kontexten verdankt, macht das Fach komplex, bisweilen unübersichtlich, bewahrt aber zugleich vor falschen Sicherheiten und einfachen Antworten. Darin liegt nicht der geringste Beitrag der Kirchengeschichte für die Theologie als ganzer.

Christiane Tietz: Wahrheit im Plural

Volker Drecoll

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