Vermächtnis

Das Letzte von Pop Staples
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Zehn Songs zwischen nacktem Delta-Blues, souligem Balladenschmelz, Gospel und resolutem Kracher.

Dass Blues, Gospel und Soul Brüder sind, die Schmerz und Lust, Hoffnungen, Enttäuschungen, Verzweiflung und Erlösung, vor allem aber Größe teilen, hört man nirgends so gut wie in Aufnahmen der "Staples Singers". Eine in Chicago gegründete Familienband, die als "God's Greatest Hitmakers" Popgeschichte schrieb.

Ihre Wurzeln liegen im Süden: Nach Jahren des Bluestingelns schloss sich der im US-Staat Mississippi geborene Sänger und Gitarrist Roebuck "Pops" Staples 1931 einer Spiritualgruppe an, später ging er mit der Familie in den Norden. Er hatte Jobs als Autowäscher, im Schlachthof und im Stahlwerk - und sang in den Kirchen Spirituals. 1948 formierte er mit Sohn Pervis und seinen Töchtern Cleothea und Mavis "The Staples Singers" (später kam Yvonne dazu). In den Fünfzigerjahren begannen sie mit Plattenaufnahmen, zu denen Sessionmusiker an Bass und Schlagzeug hinzukamen. Sie hatten fortlaufend Hits in den Gospel-, R&B- und Soulcharts, wiederholt Pech und Stress mit ihren Plattenfirmen, aber waren letztlich stärker. Sound und Stil prägte Pops' Delta-Blues auf der tremolierenden Echogitarre, die er im Pfandleihhaus erstand. Ekstatischer Gospel mit Mavis' zwischen sehniger Leidenschaft und purer Sexiness hollernder Leadstimme und Antwortphrasen der Schwestern, der kein Auge trocken und weder Hüften noch Seele unbewegt lässt. Mavis arbeitete später in ihrer parallelen Solokarriere mit Prince. Vom Label geforderte Rock'n'Roll-Aufnahmen verweigerten sie, waren aber 1962 die erste schwarze Band, die Dylans "Blowin' in the wind" und dann auch fleißig angesagte Bürgerrechtshymnen sang. Bluesig blieben sie stets trotz zwischenzeitlich süßlich-zweifelhaftem (aufgezwungenem) Sound und sind ein Meilenstein jenes Gefildes, das heute "Americana" heißt.

Insofern ist es bloß schlüssig, dass die letzten Aufnahmen des 2000 verstorbenen Pops Staples jetzt Americana-Mastermind Jeff Tweedy von der Band "Wilco" vervollständigt und produziert hat, mit dem Mavis befreundet ist. "Don't Lose This" hatte ihr Pops einst als Titel ans Herz gelegt, so heißt das Album nun auch. Die verbliebenen "Staples Singers" sind dabei, Sessionmusiker und am erfrischend scheppernden Schlagzeug Tweedys Sohn Spencer. Und alles ist da, weil es auch nie weg war: Zehn Songs zwischen nacktem Delta-Blues ("Nobody's Fault But Mine" - Pops pur mit Gitarre und Gesang), souligem Balladenschmelz, Gospel und resolutem Kracher ("No News Is Good News").

Es macht Freude, Pops' erlöst flirrender Stimme und seinem einzigartigen Gitarrenspiel zuzuhören, die Fugen zwischen den Tönen zu spüren, wo sich Abgründe auftun - aber eben auch Zuversicht und Stärke, die trösten und streicheln.

Der programmatische Song "Gotta Serve Somebody" von Dylans erster "christlicher" Platte "Slow Train Coming" beendet das wunderbare posthume Album. So schließt sich noch ein Kreis.

Pops Staples - Don't Lose This. Anti, 6755657

Udo Feist

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