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Spectator-Briefe von Troeltsch
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Bei Troelsch kann man lernen, was es heißt, als Theologe ein politisches Urteilsvermögen zu besitzen

Es hat nicht viele Theologen gegeben, die politische Urteilskraft bewiesen haben. Weitaus mehr haben sich - rückblickend betrachtet - geirrt, waren verirrt oder verwirrt. Einige haben durchaus Wichtiges gesehen, zu Recht gewarnt oder gemahnt, doch folgten sie dabei meist einem moralischen Impuls, ohne die politischen Realitäten angemessen wahrzunehmen. Einer der ganz wenigen Theologen in der Geschichte des deutschen Protestantismus, der einerseits ein einleuchtendes ethisches Programm verfolgt und dieses andererseits mit genauen Einsichten in das politische Geschehen verknüpft hat, war Ernst Troeltsch. Bei ihm kann man lernen, was es heißt, als Theologe ein politisches Urteilsvermögen zu besitzen.

Besichtigen kann man dies nun in der ersten vollständigen Ausgabe seiner politischen Essays, die er in den ersten Jahren der Weimarer Republik unter dem Pseudonym "Spectator" in der bildungsbürgerlichen Kulturzeitschrift "Der Kunstwart" veröffentlichte. Ein bis zwei Mal im Monat schrieb er über seine alltäglichen Beobachtungen im nachrevolutionären Berlin, seine Gespräche mit führenden Politikern und Beamten, seine grundsätzlichen Gedanken zum Aufbau eines sozialen und demokratischen Rechtsstaats sowie seine mehr als berechtigte Befürchtung, dass die junge Republik zwischen den Extremismen von links und rechts zerrieben werden könnte. Troeltsch wollte das verhetzte Bürgertum für eine neue Politik gewinnen: für die Verständigung mit den europäischen Feinden und die Öffnung zum Westen, für die Aussöhnung mit der Arbeiterschaft und die Demokratisierung der deutschen Gesellschaft. Dieses Engagement fußte auf geschichtsphilosophischen und soziologischen Analysen der Moderne, einem liberaltheologischen Freiheitsgedanken und der protestantischen Wertschätzung eines nichtfundamentalistischen Politikverständnisses. Was bei ihm grundsätzlich überzeugt, ist zugleich gegründet auf einer Wahrnehmung der tatsächlichen Verhältnisse. Troeltsch war kein Stubengelehrter. Er scheute sich nicht, für die linksliberale Deutsche Demokratische Partei in den Wahlkampf zu ziehen.

Seine "Spectator-Briefe" sind eine Schule in politischer Urteilsbildung und ein Leseerlebnis. Sie führen mitten hinein in eine zerrissene Zeit, lassen den Leser an den Aufregungen der Weimarer Republik teilhaben, stellen ihm die wichtigsten Akteure lebendig vor Augen. Und sie zeigen ganz unmittelbar, was für ein hohes Gut die Demokratie ist. Wer ein Mittel gegen die chronische Politikverdrossenheit sucht, findet hier die beste Medizin.

Ganz vergessen waren Troeltschs "Spectator-Briefe" nie. Sein Schüler Hans Baron, der später vor der NS-Diktatur nach Amerika fliehen musste und dort als bedeutender Gelehrter wirkte, veröffentlichte 1924 einen ersten Auswahlband, der leider zu wenige Leser fand. 1994 erschien in der "Anderen Bibliothek" von Hans Magnus Enzensberger eine Leseausgabe, die den politischen Troeltsch einem größeren Publikum bekannt machte. Nun hat der ausgewiesene Troeltsch-Forscher Gangolf Hübinger eine mustergültige Edition aller "Spectator-Briefe" herausgegeben. Sie überzeugt besonders durch die Erklärungen der zeithistorischen Umstände. Allerdings kann man fragen, ob eine "kritische Ausgabe" nicht zu viel Aufwand mit sich gebracht hat. Wäre eine handlichere Leseausgabe nicht besser gewesen? Die daraus folgende Preisgestaltung wird jedenfalls eine größere Verbreitung verhindern.

Gangolf Hübinger (Hg.): Ernst Troeltsch. Spectator-Briefe und Berliner Briefe (1919-1922). Kritische Gesamtausgabe, Band 14. Verlag De Gruyter, Berlin 2015, 719 Seiten, Euro 229,-.

Johann Hinrich Claussen

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