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Familiäre Erkundungsreise
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Philosophische Betrachtungen über die Zeit, das Ineinandergreifen oder Auseinanderdriften von Vergangenheit und Gegenwart stehen neben erzählerischen, reportagehaften Passagen.

Allerheiligen auf einem Friedhof in Polen. "Sind denn die Lebenden für alle Zukunft ein Spiegel der Toten? ... Ist das mein Erbe, ein ewiger Fluch?", fragt sich dort Anne Weber am Ende ihrer familiären Erkundungsreise ins Leben ihres Urgroßvater Christian Florens Rang. Es ist eine Annäherung an den Urgroßvater und ihre eigene familiäre wie nationale Geschichte, eine Identitätssuche der 1964 und damit hundert Jahre nach Rang geborenen Anne Weber. Seit ihrem achtzehnten Lebensjahr lebt sie in Frankreich, schreibt und übersetzt in beiden Sprachen, wird mitunter mit einer Einheimischen verwechselt "Aber wo man auch hinkommt und wie lange man auch schon in der Fremde lebt: alle haben dort schon längst unseren Steckbrief gelesen." Den Steckbrief der Deutschen, der verbunden ist mit dem Namen Auschwitz, einer alles überrollenden Militärmaschinerie und zweifelhaften Sekundärtugenden. Ihre Spurensuche führt die Autorin nach Posen, wo der Urgroßvater Pfarrer war und unter anderem eine Irrenanstalt besuchte, ein Erlebnis, das ihn tief verstört hatte. "Warum vergiften Sie diese Menschen nicht?" Hat diese Frage Rangs beim Anblick der "idiotischen Kinder" etwas zu tun mit dem Euthanasieprogramm der Nazis, haben Menschen wie er den Weg dazu bereitet? So einfach ist es nicht, erkennt Anne Weber. Sie hütet sich vor dem schnellen Urteil der Nachgeborenen. Das gilt nicht nur in politischen, sondern auch in persönlichen Fragen, wie den rigiden Moralvorstellungen. So ließ eine mit den Rangs befreundete Pfarrfrau lieber ihr Kind "dem Herrn sterben", als es von einem "gefallenen Mädchen" stillen zu lassen. Rangs Umgang mit seiner Sexualität war von Schuldgefühlen geprägt.

Mit Anne Weber zusammen lernt die Leserin den Urgroßvater als einen widersprüchlichen Charakter kennen. Einerseits fühlt er sich zu Großem berufen, gründet mit Freunden, zu denen Walter Benjamin gehört, einen politischen Zirkel, der die Welt verändern will. Andererseits fühlt er "die Gewichte der ganzen Menschheit und Gottheit auf sich" lasten und leidet darunter. Er wird zuerst Jurist, dann Pfarrer, scheidet desillusioniert aus dem Pfarramt aus, wird Regierungsrat, ist Schriftsteller. Er befasst sich mit der Psychologie des Karnevals, schreibt über Goethe und Kleist. Er zählt neben Benjamin auch Martin Buber und Gershom Scholem zu seinen Freunden, aber einer seiner Söhne, Anne Webers Großvater, wird später begeisterter Nazi. Ein Großvater übrigens, der seine Enkelin nie anerkannte, weil sie ein unehelich geborenes Kind war.

Anne Weber reflektiert immer wieder ihre Suchbewegungen, die Entdeckungen, die sie dabei macht, und sie tut das so kritisch wie selbstkritisch, mitunter fast skrupulös. Philosophische Betrachtungen über die Zeit, das Ineinandergreifen oder Auseinanderdriften von Vergangenheit und Gegenwart stehen neben erzählerischen, reportagehaften Passagen über ihre eigenen Erlebnisse und Begegnungen in Polen. Aus Büchern und Briefen Rangs, aus Zeugnissen seiner Freunde und Zeitzeugen und eigener Anschauung der Orte, an denen er gewirkt hat, setzt sich ein Bild zusammen: kein Porträt, eine Skizze eher, ein Mosaik, das nicht vollständig sein kann. Es bleibt ein Suchen, ein Ahnen, wer dieser Urgroßvater gewesen sein könnte und wie er das Leben der Urenkelin beeinflusst hat. Und es bleibt die Hoffnung Anne Webers auf einem polnischen Friedhof, "es möge irgendwo in dieser Licht- und Schattentiefe einen Ort geben, an dem alle Toten ungeteilt meine, unsere Ahnen sind".

Anne Weber: Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2015, 272 Seiten, Euro 19,99.

Jutta Schreur

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