Zu Gast bei Kalif Kazim

Beim "Väteraufbruch Neukölln" werden auch heikle Themen besprochen
Der Tee gehört dazu. Fotos: Rolf Zoellner
Der Tee gehört dazu. Fotos: Rolf Zoellner
Seit 2007 versammelt der Psychologe und Soziologe Kazim Erdogan an jedem Montagabend eine Vätergruppe im Berliner Stadtteil Neukölln. Dafür bekam er 2012 das Bundesverdienstkreuz. In der Gruppe wird über alles gesprochen, auch über Gefühle und über Schwächen, und manchmal geht es hoch her.

Die Begrüßung ist herzlich: "Ah, kommen Sie nur herein, bitte, bitte!" Als der Angesprochene antwortet: "Vielen Dank! Sie sind sicher Herr Erdogan", ist der erste Scherz fällig: "Nennen Sie mich wie Sie wollen, meinetwegen auch 'Kalif von Neukölln', aber mein Nachname ist nicht so optimal ..." - Gelächter. Es sind schon gut ein Dutzend Männer in einem kleinen Raum versammelt. Er liegt im Erdgeschoss eines Altbaus in der Uthmannstraße, einer Nebenstraße der Karl-Marx-Straße. Hier trifft sich an jedem Montag um 18 Uhr der "Väteraufbruch Neukölln". Gut 320.000 Einwohner hat der Berliner Problemstadtteil, davon sind 42 Prozent, also mehr als 135.00 Menschen, "Bürger mit Migrationshintergrund", wie es offiziell heißt, und etwa 37.000 von ihnen stammen aus der Türkei.

Kazim Erdogan ist seit 2003 im Hauptberuf bei den Psychosozialen Diensten des Bezirksamtes Neukölln tätig. In seiner so genannten Freizeit leitet der 61-Jährige viele Gesprächsgruppen, zum Beispiel den "Väteraufbruch Neukölln", den er 2007 gegründet hat. An diesem Montag ist Besuch da: Burkard Dregger, Mitglied des Abgeordnetenhauses und integrationspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Schulterklopfen, Lachen, man kennt sich, man schätzt sich. Heute geht es um ein aktuelles Thema, nämlich um "Rattenfänger", oder anders gesagt, was getan werden muss, damit Kinder und Jugendliche nicht in obskure extremistische Gesinnungen und Gruppen abgleiten, da wo die "Rattenfänger" lauern.

Kurz nach 18 Uhr an diesem Februarmontag ist der höchstens zwanzig Quadratmeter große Raum proppenvoll, dichtgedrängt sitzen Männer der Altersgruppe Mitte Zwanzig bis Anfang Siebzig vor dem Tisch von Kazim Erdogan und Burkard Dregger. Gesprochen wird türkisch, obwohl die meisten gut Deutsch können, viele der jüngeren Väter sind geborene Berliner, aber ein paar älteren fällt es eben nicht so leicht und außerdem: Man ist ja unter sich. Dregger hat Glück, denn seine Mitarbeiterin Fidan Düz ist auch gekommen. Die Studentin sitzt neben ihm und übersetzt halblaut-flüsternd, quasi simultan. Heute Abend sind die jungen Leute, die in die Fänge des so genannten Islamischen Staates, des IS, gelangen, ein Thema. Nein, die eigenen Kinder sind gottlob nicht betroffen, aber wer weiß, was noch kommt. Manchmal, so wird berichtet, geschehe eine Radikalisierung Jugendlicher innerhalb von vier oder sechs Wochen.

Ganz wichtig: positive Grundhaltung

Nach einer Weile fasst Kazim Erdogan zusammen: "Das einzige, was hilft, ist, dass wir uns dafür interessieren, was unsere Kinder machen und was sie bewegt." Er appelliert an die Väter: "Überlegt Euch, in welche Moschee und in welchen Korankurs Ihr Eure Söhne schickt. Sprecht mit Ihnen, bleibt am Ball! Fragt nach, was hat der Imam oder der Hodscha in der Moschee erzählt!" Aber ganz wichtig sei auch die positive Grundhaltung dem Kind gegenüber: "Nicht nur schlecht machen, nicht ausgrenzen, nicht abwerten! Auch wenn unsere Kinder nicht ganz so sind, wie wir sie uns wünschen, müssen wir ihnen mit Liebe und Zuneigung begegnen, wir dürfen sie nicht bloßstellen - kurz: Gewaltfreie Erziehung!"

Da kann Burkard Dregger nur zustimmen und erzählt von seinem jüngsten Coup: Am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, haben zahlreiche Vertreter deutsch-arabischer Vereine in Berlin, die seine Fraktion ins Abgeordnetenhaus eingeladen hatte, das "Bündnis für Demokratie und gegen Extremismus" unterzeichnet, das Dregger ins Leben gerufen hat. Es enthält ein klares Bekenntnis zur Unantastbarkeit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und wendet sich gegen alle extremistischen Angriffe. Vielleicht, so die Anregung des CDU-Mannes, könnten andere Vereine diesem Beispiel folgen? Ja, warum nicht. Freundliches Nicken im Raum.

Dann wird es plötzlich laut. Der Streit entzündet sich um die Grußformel "Salem Aleikum". Ein Teilnehmer hatte gesagt, er fände es nicht richtig, wenn die Kinder in der Schule diesen religiös-traditionellen Gruß (deutsch: "Friede sei mit Dir/Euch) verwenden würden. "Schule hat nichts mit Religion zu tun, sondern mit Bildung, man kann doch einfach auch ,Guten Tag' sagen", meint er. Das will ein anderer, der noch nicht lange in der Gruppe ist, nicht auf sich sitzen lassen: "Warum denn? Was ist denn dabei? Warum sollen sich unsere Kinder nicht mit ,Salem Aleikum' begrüßen?"

Als er sich anschickt, dies zu erläutern, hebt ein Murren an. Die meisten hier scheinen keine Lust auf salbungsvolle religiöse Erklärungen zu haben. Bitte nicht! Wutentbrannt springt der Freund des traditionellen Grußes auf und stürmt aus dem Raum. Au, weia. Kazim Erdogan atmet tief durch, dann bittet er: "Holt ihn wieder rein!" Wenig später kommt der Salem-Aleikum-Verfechter wieder rein und setzt sich hin. Alles gut, man redet wieder miteinander, weiter geht's.

Nach einer kleinen Weile wieder Unruhe: Einige Männer gehen nach vorne und lassen Erdogan Formulare unterschreiben, dann müssen sie gehen. Es sind Strafgefangene, die als Freigänger den Väterabend in Neukölln besuchen dürfen. Sie brauchen diese Bescheinigung, und sie müssen sehr pünktlich wieder in der Haftanstalt sein. Aber sie haben noch eine Frage an Burkard Dregger: Ob er schon etwas in Sachen Abschiebung erreicht habe, seit seinem Besuch im vergangenen Dezember? Einige Anwesende haben eine mehrjährige Haftstrafe zu verbüßen, und ihnen droht nach der Haft die Abschiebung in die Türkei. In ein Land, das sie nicht kennen, in dem sie vielleicht die frühe Kindheit verbracht oder ab und an Verwandte besucht haben, dessen Sprache sie teilweise schlechter beherrschen als Deutsch. Leider haben sie bisher versäumt, den deutschen Pass zu beantragen. Wer einen deutschen Pass hat, der muss nichts befürchten, ihn schützt das Grundgesetz. Dort steht in Artikel 16, Absatz 2: "Kein Deutscher darf an das Ausland ausgeliefert werden." Burkard Dregger sagt, dass er, was diese Frage angeht, leider noch keine Gespräche führen konnte.

Bevor der Abgeordnete geht, hat Kazim Erdogan noch ein Anliegen: Er möchte ein neues Projekt gegen die "Rattenfänger" starten, gegen die, die die Jungen in den Extremismus ziehen. Sechs Psychologen und Sozialpädagogen sollen künftig in die Schulen in Neukölln gehen und dort Gespräche anbieten. Die Gespräche sollen in geschützter Atmosphäre außerhalb des Unterrichts stattfinden. Erdogan ist überzeugt: Das Hauptproblem vieler Jugendlicher ist, dass sie mit niemandem reden können, schon gar nicht mit ihren Eltern. Das erste halbe Jahr habe er bereits eine Finanzierung auf die Beine gestellt, aber dann werde es knapp. Ob Herr Dregger da nicht etwas machen könne? Dregger lächelt und sagt, er wolle sich Mühe geben und außerdem sei er es ja gewohnt, dass ihm der "Kalif von Neukölln" Hausaufgaben gebe. Lachen. Auch bei der herzlichen Verabschiedung wenig später wird viel gelacht, dreimal war Dregger schon bei den Neuköllner Vätern, und es wird gewiss nicht der letzte Besuch gewesen sein.

Zwei Wochen später: Gleiche Zeit, gleicher Raum, gleiche lebhafte Enge, alte und junge Männer, sogar ein Junge von schätzungsweise elf oder zwölf Jahren ist gekommen. Und wieder haben Erdogans Neuköllner Väter Besuch von außen: Eine Frau und ein junger Mann vom Fachbereich Pädagogik der Universität Köln sind gekommen. Artig bedanken sie sich, bei dieser "berühmten Gruppe" dabei sein zu dürfen. In der Tat scheint Erdogans Gruppe bisher deutschlandweit ein Unikat zu sein. Gesprächsrunden über Probleme und über eigene Schwächen sind bei türkischstämmigen Männern eben nicht besonders verbreitet - bei deutschen übrigens auch noch nicht lange.

Worüber sollen wir heute sprechen? Das Thema wird immer zu Beginn gemeinsam festgelegt. Schnell ist man sich einig. Es soll über Gewalt gegen Frauen gehen, denn es gibt besorgniserregende Nachrichten aus der Türkei: 49 Frauen sind seit Jahresbeginn bis Mitte Februar in der Türkei ermordet worden und zwar, weil sie sich von ihren Männern getrennt haben oder trennen wollten, also Kategorie "Ehrenmord".

Einige geben ihrer Abscheu Ausdruck über diese Verbrechen, einer erzählt von einer Schweigeminute, die sie jüngst für ein Opfer abgehalten haben. Dann fragt jemand, wie denn die Mordstatistik in Deutschland sei. Da wird Kazim Erdogan energisch: "Wir sollten nicht den Fehler machen, das mit den statistischen Mordwerten in Deutschland zu vergleichen. Das führt nicht weiter!" Allgemeine Zustimmung, einer sagt: "Bis ich 17 war, habe ich keine Bildung in Sachen Sexualität gehabt. Wir sind zurückgeblieben, das hört sich böse an, aber es ist die Wahrheit!" Andere machen die strikte Separierung der Geschlechter in der Türkei verantwortlich. Und dass bei solchen Problemen Eltern, Lehrer und Hodschas Druck machten. Ein anderer sagt: "Die meisten werden so gedrillt. Deshalb sind die Männer in der Türkei aggressiv. Wenn eine Frau fremdgeht, wird sie gleich umgebracht!"

Konflikte gewaltfrei lösen

Kazim Erdogan seufzt. Das hatte er schon öfter gehört. Und so sagt er, was er immer sagt: Dass man Konflikte gewaltfrei lösen müsse, dass die Frau keinesfalls Eigentum des Mannes sei, sondern gleichberechtigte Partnerin, und dass der Begriff der "Ehre" in diesem Zusammenhang Unsinn sei. Darüber ist man sich einig, allgemeines Kopfnicken. Dann erhebt sich ein älterer Mann und sagt: "Ich bin 72 und habe noch nie eine Regierung in der Türkei erlebt, die so konservativ ist wie die gegenwärtige akp-Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan." Die meisten nicken zustimmend. Doch einer will das nicht auf sich sitzen lassen: "Die Regierung sorgt für Bildung. Sie hat dafür gesorgt, dass auch Frauen, die den Schleier tragen, auf die Universität gehen dürfen. Das ist vorher verboten gewesen!" Es ist wieder der Mann, der sich vor 14 Tagen als Verteidiger des "Salem Aleikum" hervorgetan hatte. Sofort regt sich heftiger Widerspruch. Es wird laut. Der Neuköllner Erdogan schreitet ein: "Stopp! Lasst ihn ausreden." Viele murren, aber man beruhigt sich.

Eine gute Stunde ist vergangen, die Freigänger aus der Haftanstalt müssen langsam gehen, wieder Unruhe, die Formulare werden ausgegeben. Als sie weg sind, ganz zum Schluss, erheben sich der Vater und der Junge. Beide waren bisher ganz still. Der Vater hat etwas auf dem Herzen: "Onkel Kazim, mein Sohn hat in der Schule einen anderen Jungen bedroht und angegriffen. Was sollen wir tun?" Kazim Erdogan lächelt: "Nun, da müsste ich erstmal in Ruhe mit Deinem Sohn sprechen, um dazu etwas zu sagen, das geht nicht so schnell! Ich muss ja wissen, was passiert ist." Als er merkt, dass Vater und Sohn enttäuscht sind, spricht er den Jungen an: "Tut es Dir leid, was Du gemacht hast?" Der nickt. "Na gut", sagt Erdogan, "wie wäre es, wenn Du ihn morgen um Entschuldigung bittest und ihm sagst, dass er vor Dir keine Angst mehr haben soll!" Der Junge strahlt. Ein guter Tag für ihn.

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Reinhard Mawick

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