Breit gefächert

Warum sich die islamischen Verbände in Deutschland stark voneinander unterscheiden
Andere ditib-Mitglieder zeigen Solidarität mit den Medien durch eine Mahnwache vor dem swrFotos: dpa/ Henning Kaiser, Inga Kjer, Boris Roessler
Andere ditib-Mitglieder zeigen Solidarität mit den Medien durch eine Mahnwache vor dem swrFotos: dpa/ Henning Kaiser, Inga Kjer, Boris Roessler
Die islamische Verbändelandschaft in Deutschland ist bis heute entlang ethnischer und konfessioneller Trennlinien gespalten. Der Islamwissenschaftler und evangelische Theologe Andreas Gorzewski gibt einen Überblick über die wichtigsten Organisationen und den Salafismus, der die Verbände herausfordert.

Die Teilnehmerliste der Deutschen Islam-Konferenz von Anfang 2015 liest sich wie ein Gesamtverzeichnis des Islam hierzulande. Von "A" für "Ahmadiyya" bis "Z" für "Zentralrat der Muslime" sind zehn Organisationen der Einladung des Bundesinnenministers gefolgt. Einige der Organisationen sind Dachverbände mit breit gefächerter Mitgliedschaft. Sie vertreten Sunniten, Schiiten, Aleviten und Ahmadi-Muslime mit unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Doch die Teilnehmerliste steht keineswegs für eine Einheit in der muslimischen Vielfalt. Einige der Organisationen würden sich ohne Einladung aus Berlin kaum an einen Tisch setzen. Außerdem waren nicht alle Gruppen dabei. Unter anderem die salafistischen Netzwerke waren - mit gutem Grund - nicht eingeladen worden.

Der mit Abstand größte Moscheeverband in Deutschland ist die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB). Der Organisation gehören bundesweit etwa 900 Vereine an, die allermeisten davon sind Moscheen. Kennzeichnend für die DITIB ist die enge personelle und strukturelle Verbindung zur türkischen Religionsbehörde "Diyanet". Die DITIB ist zwar ein Verein nach deutschem Recht, doch die Satzung räumt Vertretern der türkischen Religionsbürokratie erhebliche Kontrollmöglichkeiten ein. Die Imame in den DITIB-Moscheen sind von Ankara entsandte und bezahlte Beamte, die einen sunnitischen Islam predigen. Sie sollen zugleich extremistische Einflüsse abwehren. Die DITIB versteht sich aber nicht nur als religiöser Dienstleister, sondern auch als Interessenvertretung der Muslime. Dabei sieht sie sich aufgrund ihrer Größe in einer Führungsrolle. Die Türkisch-Islamische Union bezieht Stellung in politischen Debatten und betont die gemeinsame Verantwortung für die Gesellschaft. "Auch wir Muslime sind verantwortlich für die Freiheiten und die Werte unserer Gesellschaft", erklärte der DITIB-Vorsitzende Nevzat Ya?ar A??ko?lu im Januar 2015 nach den Anschlägen auf das Satire-Magazin "Charlie Hebdo" und auf einen jüdischen Supermarkt in Paris. Ausdruck dieser Verantwortung sollten die Mahnwachen sein, die die DITIB vor mehreren Dutzend Medienhäusern organisierte.

Für Kirchen, Behörden und Landesregierungen ist die DITIB oft der bevorzugte muslimische Ansprechpartner. In Hessen darf die DITIB einen islamischen Religionsunterricht an Schulen anbieten. In Hamburg und Bremen ist die DITIB durch Staatsverträge als Religionsgemeinschaft und Kooperationspartnerin der beiden Bundesländer anerkannt. Weitere solche Abkommen sind in anderen Bundesländern zu erwarten.

Der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland vertritt als Dachverband mehr als dreißig Organisationen. Dominierendes Mitglied ist die sunnitische Islamische Gemeinschaft "Milli Görü?” (IGMG), der bundesweit etwa 320 Moscheen angehören. Die Vorläuferorganisation der IGMG ist aus der türkischen Milli-Görü?-Bewegung des 2011 verstorbenen Politikers Necmettin Erbakan hervorgegangen. Verfassungsschützer beobachten die IGMG seit langem. Sie gilt zwar zumindest in Teilen als islamistisch, lehnt Gewalt jedoch klar ab. In einer früheren Phase der Deutschen Islam-Konferenz war der Islamrat vorübergehend nicht eingeladen worden, weil Ermittlungsverfahren gegen einzelne IGMG-Funktionäre liefen. Mittlerweile ist der Islamrat wieder dabei. Der Hamburger Verfassungsschutz verwies im September 2014 auf einen Reformprozess in der Organisation. Diese Entwicklung sei "so weit fortgeschritten, dass nicht mehr alle Organisationsteile der IGMG als verfassungsfeindlich eingestuft werden müssen". Bremen führt die IGMG in seinem Verfassungsschutzbericht nicht mehr auf. Auch andere Landesämter erwägen diesen Schritt. In Hamburg und Bremen sind Milli-Görü?-Moscheen in die Kooperationsverträge zwischen Ländern und Muslimen eingebunden.

Wenig im öffentlichen Bewusstsein steht der "Verband der Islamischen Kulturzentren" (VIKZ), der ebenfalls von türkeistämmigen Muslimen gegründet wurde. Der VIKZ umfasst etwa 300 Moscheen. Die Organisation vertritt einen konservativen und unpolitischen sunnitischen Islam. Besonders verehrt wird der mystische Ordensscheich Süleyman Hilmi Tunahan. In Anlehnung an den 1959 gestorbenen Prediger werden die Anhänger des VIKZ von Kritikern "Süleymanc?lar" (Anhänger von Süleyman) genannt. Der Verband weist diese Bezeichnung jedoch als pejorativ zurück. Umstritten war der VIKZ vor einigen Jahren wegen seiner Schülerwohnheime. Die bundesweit 18 Einrichtungen mit etwa 350 Jugendlichen wurden in den Medien als "integrationsfeindlich" kritisiert. Daraufhin ließ der VIKZ seine Arbeit in den Wohnheimen wissenschaftlich untersuchen. Integrationsfeindlichkeit wurde dabei nicht festgestellt. In Hamburg und Bremen ist auch der VIKZ als Religionsgemeinschaft anerkannt.

Unter den vier großen Moscheeverbänden in Deutschland vertritt der Zentralrat der Muslime die größte Bandbreite an konfessionellen und ethnischen Gruppen. Sunniten und Schiiten sind Mitglieder, ebenso mystische Gruppen. Muslime mit iranischer, arabischer, türkischer oder von jeher deutscher Abstammung gehören dem Zentralrat an. Entsprechend weit gefächert ist das Islamverständnis. Einzelne Mitgliedsorganisationen wie die "Islamische Gemeinschaft in Deutschland" (IGD) oder das "Islamische Zentrum Hamburg" werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Der Zentralrat insgesamt wird jedoch nicht überwacht und ist ein viel gefragter Ansprechpartner. Vermutlich ist der Vorsitzende Aiman Mazyek der bekannteste Vertreter des Islam in Deutschland. Allerdings ist der Zentralrat der kleinste der erwähnten Verbände.

Um eine einheitliche Vertretung der Muslime zu schaffen, schlossen sich 2007 die DITIB, der Islamrat, der Zentralrat der Muslime und der VIKZ zum "Koordinationsrat der Muslime" (KRM) zusammen. Doch obwohl der Koordinationsrat für mehr als zwei Drittel der etwa 2.400 Moscheevereine hierzulande sprechen will, existiert er vor allem auf dem Papier. Die vier Verbände achten vielmehr auf ihre Eigenständigkeit und handeln häufig im Alleingang. Der Rat hat keinen Vorsitzenden, sondern nur einen alle sechs Monate wechselnden Sprecher. Der Zentralrats-Vorsitzende Mazyek sagte dem Berliner "Tagesspiegel" zur Kooperation: "Theologisch sind wir uns in vielen Fragen zum Glück grün. Auf dem Weg zum deutschen Islam haben wir noch ein Stück Weg zu gehen."

Die "Alevitische Gemeinde Deutschland e. V." (AABF) grenzt sich scharf von den Moscheeverbänden ab. Ob die etwa 500.000 türkeistämmigen Aleviten in der Bundesrepublik Muslime sind oder eine separate Glaubensgemeinschaft bilden, ist auch innerhalb der AABF umstritten. Moscheen und die Scharia haben für die meisten Aleviten keine Bedeutung. Sie beten in ihren Cem-Häusern und haben eigene religiöse Traditionen. In der Türkei sind die Aleviten nicht als eigenständige Glaubensform anerkannt. In Deutschland darf die AABF dagegen in acht Bundesländern Religionsunterricht anbieten. In Hamburg und Bremen hat der Senat jeweils auch Abkommen mit der Alevitischen Gemeinde geschlossen.

Wenig Berührungspunkte mit den großen Moscheeverbänden hat auch die "Ahmadiyya Muslim Jamaat" (AMJ). Die Organisation, zu der in Deutschland etwa 35.000 Mitglieder gehören, entstand Ende des 19. Jahrhunderts im indisch-pakis-tanischen Raum. Die Offenbarungs- und Prophetenlehre der Ahmadiyya weicht in zentralen Punkten vom vorherrschenden Islamverständnis ab. Deshalb werden Ahmadi-Muslime immer wieder als Nicht-Muslime ausgegrenzt und in einigen Staaten verfolgt. Hessen erkannte die AMJ 2013 als erste islamische Organisation in Deutschland als Körperschaft des öffentlichen Rechts an, Hamburg folgte 2014.

Jenseits der etablierten Islamverbände stehen die salafistischen Gruppen. Viele Muslime bevorzugen den Begriff "Neo-Salafismus", um die heutige Entwicklung von einer früheren Reformbewegung gleichen Namens zu unterscheiden. Der Salafismus ist die am schnellsten wachsende Bewegung im sunnitischen Islam in Deutschland. Verfassungsschützer gingen Ende 2014 von bundesweit etwa 6.700 Aktivisten und einem deutlich größeren Unterstützerkreis aus. Gemessen an etwa vier Millionen Muslimen hierzulande sind sie eine winzige Minderheit. Doch ihre rigorose Ablehnung von Demokratie, Meinungsfreiheit und Toleranz gegenüber Andersgläubigen hat sie immer mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Allgemein wird der moderne Salafismus in eine politische und eine dschihadistische Strömung unterteilt. Während die meisten Anhänger gewaltfrei für ihre Ziele werben, befürworten und unterstützen andere auch Gewalt. Die Kriege in Syrien und dem Irak dienen dabei als wichtiger Mobilisierungsfaktor. Hunderte deutscher Salafisten haben sich Milizen in Nahost angeschlossen.

Salafisten wollen die Gesellschaft einem idealisierten Bild von der Frühzeit des Islam anpassen. Als Vorbild dienen die frommen Altvorderen, auf Arabisch "Salaf". Als Förderer des Salafismus weltweit gelten Sponsoren in Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten. Wie weit ihr Einfluss reicht, ist allerdings unklar. In Deutschland prägen einzelne Prediger und ihre Netzwerke die salafistische Szene. So verbreiten der ehemalige Boxer Pierre Vogel, der aus dem Gaza-Streifen stammende Ibrahim Abou Nagie oder der Leipziger Imam Hassan Dabbagh über das Internet oder bei Islamseminaren ihre Botschaften. Ihr Publikum sind vor allem junge Muslime und Konvertiten.

Besondere Aufmerksamkeit errregt die 2011 gestartete Koran-Verteilaktion "Lies!" des Kölners Abou Nagie. Dabei werden deutsche Koran-Übersetzungen in großer Zahl in Fußgängerzonen verschenkt. Abou Nagie betreibt auch die Website "Die wahre Religion", auf der vor allem Videos von Ansprachen verbreitet werden. Die Netzwerke wandeln sich ständig. Sie können sich verbinden oder spalten. Der Verein "Einladung zum Paradies", der in Mönchengladbach Fuß fassen wollte, löste sich 2011 auf. Mehrere Organisationen wurden von den Behörden verboten. Dazu zählt das Missionsnetzwerk "DawaFFM", das zu salafistischen Islamseminaren einlud und ebenfalls Vorträge verbreitete. Besonders radikal war die Gruppe "Millatu Ibrahim" aus Solingen. Zu ihr gehörte der ehemalige Rapper Denis Cuspert, der mittlerweile in Syrien und im Irak für die Terrormiliz "Islamischer Staat" kämpfen soll. 2012 hatte das Bundesinnenministerium "Millatu Ibrahim" verboten.

Das Verhältnis der Salafisten zu den Moscheeverbänden ist distanziert. Sie werfen den großen Organisationen vor, den Islam in einigen Punkten zu verfälschen und sich den Kirchen anzubiedern. Um den Salafismus einzudämmen, wollen die Sicherheitsbehörden die großen Islamverbände in Präventionsprojekte einbinden. Das ist zuweilen jedoch problematisch, weil die Moscheeverbände fürchten, damit einem Generalverdacht gegen den Islam Vorschub zu leisten. Aus der umstrittenen "Vermisst"-Kampagne des Bundesinnenministeriums gegen eine Radikalisierung von Muslimen hatten sich die meisten Islam-Organisationen zurückgezogen.

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Andreas Gorzewski

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