Brückenschlag

Verlockendes Werk
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Ein organisch dichter Sound, der bezwingend schlicht und doch so tief ist, dass man mit Begeisterung darin ersäuft und des Hörens kein Ende sein soll!

Schlaf kann man nachholen, behaupten adoleszente Söhne gern. Wie auch immer, wer in den späten Siebzigern, frühen Achtzigern Robyn Hitchcock verpasste, kann sich damit vielleicht trösten. In diesem Fall ist es zudem, Tonträgern sei Dank, unstrittig. Sie schlagen leicht die Brücke. Diese überhaupt erst zu betreten, verlockt das neue Werk des 1953 geborenen englischen Songwriters ungemein, dessen wichtige Einflüsse Bob Dylan, John Lennon und der genialische Pink Floyd-Mitbegründer Syd Barrett waren.

Wer jetzt "The Man Upstairs" hört, zählt den frühvollendeten Nick Drake noch dazu. Robyn Hitchcock verband Folk, psychedelischen Rock und New Wave zu einem Sound- und Songkosmos, dessen Emanationen über die "Soft Boys" (mit einigen Mitgliedern firmierte er später als "Robyn Hitchcock and the Egyptians") in eine Solokarriere führten, die außer zeitweiliger College-Radio-Beliebtheit in den Staaten wenig zählbaren Erfolg hatte, aber für Bands wie R. E. M. oder "The Psychedelic Furs" immens inspirierend war - und nun späten Entdeckern wie uns ein kaum bezifferbarer Gewinn ist. Produziert hat das Album Joe Boyd, der 1965 mit dabei war, als Dylan in Newport die Linie zur Elektrischen überschritt.

Später residierte er in London als Statthalter einer US-Plattenfirma, betrieb dort den ufo-Club, wo Pink Floyd durchstartete, und bot der neuen Folkgeneration mit einem eigenen Label eine Basis. Boyd war außerdem Produzent, unter anderem von Nick Drake. Dessen legendäres Album "Pink Moon" bekommt im "The Man Upstairs"-Sound nun ein kongeniales Geschwisterkind. Hitchcocks sanft markante Stimme, und die Beschränkung auf Gitarre (zum flotten Rhythm'n Blues "Somebody To Break Your Heart" spielt er auch Mundharmonika), Klavier (Charlie Francis), Harmoniegesang (Anne Lise Frøkedal) und Cello (Jenny Adejayn) ergeben einen organisch dichten Sound, der bezwingend schlicht und doch so tief ist, dass man mit Begeisterung darin ersäuft und des Hörens kein Ende sein soll! Hitchcock wählte die Songs danach aus, was sie zu tragen im Stande sind: fünf eigene, teils über Jahre gewachsene, fünf Cover-Stücke. "Songs von andern können Gefühle oft in einer Weise einfangen, wie es die eigenen nicht schaffen. Ich empfinde da meine eigene Palette als beschränkt, aber das ist wohl bei jedem Songschreiber so."

Den Weg aufs Album fanden so "The Ghost in You" von den "Psychedelic Furs", "To Turn You On" (Roxy Music) und "The Crystal Ship" (Doors), alle drei als melancholische Folkballaden quasi gerippt - außerdem "Don't Look Down" (Grant Lee Phillips) und "Ferries" von den norwegischen Indie-Folkern "I Was A King". Eingespielt wurden sie in nur wenigen Tagen, denn Hitchcock findet: "Wenn du einen Song auf der Bühne ohne Fehler spielen kannst, solltest du das auch im Studio schaffen." Es funktioniert. "The Man Upstairs" ist ein großartiges Album. Schlaf kann man nachholen, definitiv. Träume auch.

Robyn Hitchcock: The Man Upstairs. Yep Roc Records/Cargo 2014.

Udo Feist

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