Geheimnis, Freiheit, Verzeihen

Warum Big Data an die Lehre von der Vorsehung erinnert
Schön und schaurig anzuschauen: Gesichtsmasken mit elektronischer Platine. Foto: epd/ Alexander Stein
Schön und schaurig anzuschauen: Gesichtsmasken mit elektronischer Platine. Foto: epd/ Alexander Stein
Häufig kennt das Internet meine Vorlieben. Wieso schlägt mir Google fast immer das Richtige vor? Big Data symbolisiert für viele Menschen den drohenden Verlust ihrer informellen Selbstbestimmung. Peter Dabrock, Professor für Systematische Theologie in Erlangen, rückt dieser Gefahr mit der theologischen Lehre von der Vorsehung zu Leibe.

Ich liebe Jazz, vor allem skandinavischen. Vielleicht habe ich deswegen die eine oder andere CD zu viel gekauft. Vor einigen Jahren nutzte ich dazu häufig das Portal eines bekannten Online-Versandhändlers. Inzwischen habe ich allerdings in Erlangen und Berlin die Plattenläden meiner Wahl gefunden - zwar einen Euro teurer, aber mit persönlicher Beratung und der Genugtuung, die Händler vor Ort nicht ausbluten zu lassen.

Was ich in den Jahren zuvor bei besagtem Online-Händler erworben habe, reicht aber immer noch aus, dass dieser mir weiterhin richtig gute Kaufvorschläge unterbreitet, frei nach dem Motto "was Sie auch interessieren könnte". Am meisten beunruhigt mich an diesen Empfehlungen der Eindruck, dass besagter Online-Anbieter die Entwicklung meines Musikgeschmacks recht gut prognostizieren kann, obwohl ich meine Kaufaktivitäten dort nahezu eingestellt habe.

In einem uns langsam erst bewusst werdenden Maß sind wir, genauer: unsere Handlungen, Entscheidungen und Präferenzen, offensichtlich recht gut prognostizierbar. Kalkulierbar sind sie dank immer komplexer werdender mathematischer Operationspfade, sogenannte Algorithmen, die in Netzwerken von Hochleistungsrechnern gigantische Datenmengen immer präziser auf Muster und daraus ableitbare Wahrscheinlichkeiten hin durchforsten können. Möglich wird das Ganze aber nur, weil sie mit entsprechenden Daten, in meinem Fall: mit den Datenspuren, gefüttert wurden, die ich im Laufe meines Kauf- und Surfverhaltens zurückgelassen und mehr oder minder freiwillig zur Weiterverwendung freigegeben habe (wer dem Kleingedruckten nicht zustimmt, ist draußen!). Es sind riesige Datenmengen, die da herangezogen werden (können), und deshalb hat das ganze Verfahren den emblematischen Titel "Big Data" erhalten. Meine Beunruhigungen angesichts des Gefühls, in meinem Musikgeschmack durchschaubar zu sein, sind Peanuts angesichts der aktuellen Möglichkeiten oder solcher, die am Horizont winken: Medizinische Versorgung, die die individuelle Patientenakte in Sekundenbruchteilen mit dem gesamten medizinischen state of the art abgleicht und google-like dem Arzt eine Liste von sehr treffsicheren Diagnosevorschlägen unterbreitet; industrielle Fertigungsstraßen, die selbstständig benötigte Fertigungsteile nachbestellen; die Steuerung von Verhalten via manipulativer Ratgeber-Apps - Ausgangspunkt des Thrillers "Zero. Sie wissen, was du tust" von Marc Elsberg; gigantische Finanztransfers in Sekundenbruchteilen durch den Big-Data-getriebenen Hochfrequenzhandel; die Berechnung von und Entscheidung zu tödlichen Angriffen qua datengesteuerter Drohnen - die Liste ist unendlich erweiterbar, je nach eigenem Gutdünken um begeisternde Verbesserungen unseres Lebens oder beängstigende Horrorszenarien.

Ein qualitativer Sprung

Sicher ist nicht alles grundstürzend neu, was uns in Big Data begegnet. Der Wissenschaftsphilosoph Klaus Mainzer zeigt, dass Big Data auf einer langen mathematischen Geschichte von Wahrscheinlichkeits- und Risikoberechnungen aufbaut und die immer feinere Justierung von Korrelationen keineswegs kausallogische Theorien ersetzen kann. Beruhigend wirkt diese historische Einordnung allerdings nicht. Denn durch den Quantensprung in Geschwindigkeit und Menge ereignet sich bei der Zielgenauigkeit der Prognosen doch nahezu ein qualitativer Sprung. Noch erscheint das in "The Circle" vertretene Credo "Geheimnisse sind Lügen, Teilen ist Heilen - Privatheit ist Diebstahl" realitätsfremd. Wenn man aber hört, dass Berufseinsteiger beim Vorstellungsgespräch gefragt werden, warum sie keinen Facebook-Account und daher wohl was zu verbergen hätten, oder wenn die bekannten Datenkraken immer auch mit einer Tentakel in den Geheimdiensten hängen, dann weiß schon der Wohlmeinendste, dass zusammenwächst, was nicht zusammengehört.

Führt man sich vor Augen, dass es nicht nur die enormen Datenmassen und die schnelleren Superrechner sind, die diese faszinierenden wie erschreckenden, in ihren Konsequenzen noch völlig unabsehbaren Vorhersageoptionen von Big Data möglich machen, sondern dass es Menschen sind, konkret: Programmierer, meistens direkt oder indirekt im Einsatz für die sattsam bekannten fünf Internetgiganten, aber auch für Service-, Finanz- und Industriekonzerne, schließlich für viele Sicherheits- und andere staatliche Behörden, dann erkennt man schnell: Selbst wenn immer rechenintensivere Maschinen mit ihren Algorithmen Handlungsräume beängstigend voraussagen, dabei proaktiv selbstständig modellieren und auch zielgenauer als früher manipulieren können, ist der Mensch bei der Einrichtung und Durchführung nicht draußen. Er ist es, der am Anfang und Ende die Verantwortung trägt. Von diesen Zuschreibungen wie möglichen Korrekturverpflichtungen dispensiert weder der Hinweis auf Algorithmen noch der auf das Eigen"-leben" selbstlernender Maschinen. Deshalb sind einerseits Programmierethik und Optionsmöglichkeiten für Nutzer nötig, sodass sie selbst entscheiden können, ob sie Big-Data-Anwendungen über die Weitergabe ihrer Daten "bezahlen" - warum die ganzen Apps wohl umsonst sind? - oder die Dienste datensparsam, dann aber mit teurem Geld nutzen wollen.

Weil aber Programmierer äußerst selten privat agieren, sondern Big Data in Big Business oder staatliche Überwachungsaktivitäten eingebunden ist, bedarf es andererseits eines viel umfassenderen Ansatzes, will man diesen Trend noch einigermaßen steuern. Yvonne Hofstetter fordert in ihrer aufrüttelnden Analyse "Sie wissen alles" den großen gemeinsamen Wurf auf globaler Ebene. Sonst würden wir zu Marionetten von Maschinen, die zwar anfangs von Menschen programmiert wurden, aber dann ein solches intelligentes Eigenleben entwickelten, dass der Goethe'sche Zauberlehrling ein Waisenknabe dagegen sein könnte.

Religiöser Bauchschmerz

Aber woran soll sich die ethische Beurteilung der Produktion und Nutzung von Big Data orientieren? Bevor man in die Kiste normativer Kriterien greift, die ohne Zweifel viel zu bieten hat - Menschenrechtskataloge, Prinzipien wie Inklusion, Recht auf informationelle Selbstbestimmung, Datenschutzstandards wie Datensparsamkeit und Zweckbindung, aber auch das neuerdings so intensiv debattierte "Recht auf Vergessen", besser als "Recht auf die Löschung personenbezogener Daten" zu bezeichnen, oder auch die formalen, aber meistens doch im Modus des Schlagwortes verbleibenden Prinzipien wie Transparenz und Partizipation -, sollte man versuchen, noch intensiver als bisher zu verstehen, was da eigentlich vorgeht, bevor wir unser Leben eher zulassend und aus Bequemlichkeit denn bewusst und gewollt Big-Data-Anwendungen verschreiben.

Blickt man auf die zentrale Vision von Big Data, sprich: ein immer zielsichereres Vorhersagen menschlichen Verhaltens, dann kommt mir als theologisches Deutungsangebot für solch menschliches Tun die alte Lehre von der göttlichen Vorsehung in den Sinn; hat man doch den Eindruck, die Big-Data-Maschinen ließen sich geradezu von dieser Gott zugeschriebenen Tätigkeit inspirieren. Mit dieser Lehre kombiniert sich für mich gleich die Erinnerung an religiöse Bauchschmerzen, die ich von Anfang meines theologischen Interesses an gegenüber diesem Topos empfunden hatte: Hebt die Behauptung, dass Gott das ganze Weltgeschehen lenkt und auch bis in Einzelheiten hinein vorhersehen kann, nicht die Freiheit menschlichen Tuns - also die Voraussetzung für Verantwortung, aber auch affektiv-spontane Beziehung zum Nächsten - auf? Und wenn Gott alles bis ins Kleinste vorhersieht, hat er dann nicht alles direkt oder indirekt auch bewirkt? Providenz und Prädestination rücken eben doch eng aneinander, wenn der gläubige Mensch Gottes All- und Schöpfermacht zusammen zu denken sucht.

Nicht nur die von den Reformatoren einhellig bestrittene Freiheit, aus eigenen Stücken Gott gerecht zu werden oder, moderner gesprochen, einen vollkommen sinnhaften Lebensentwurf zu konstruieren und zu leben, sondern auch die moralische Freiheit in den Dingen des Vorletzten scheint ja in Frage gestellt, wenn Gott alles vorhersieht, ja sogar: vorherbestimmt. Natürlich bietet die Dogmatik gegen diese für die religiöse Lebenswelt zu eng anmutenden Kopplungen eine sorgsame Entflechtung an: Traditionell gehört die Lehre von der Vorherbestimmung in die Gotteslehre und trifft damit Aussagen über seine Allmacht. Die Lehre von der Vorsehung dagegen wird in die Schöpfungslehre, genauer, in die Lehre von der andauernden Schöpfung eingeordnet und soll zum Ausdruck bringen, dass der christlich verstandene Gott die Welt nicht, wie ein Billardspieler eine Kugel anstößt, in Gang gesetzt und dann sich selbst überlassen hat, sondern dass er mit all seiner liebenden Fürsorge das Werden dieser Welt anteilnehmend begleitet.

Gottes Algorithmen

Trotz dieser mit Blick auf Gott erfolgten Entflechtung blieb mir die Lehre fremd, weil ich sie für mich, das religiöse Subjekt, weiterhin als freiheitsgefährdend empfand. Eigentümlicherweise hat mir ausgerechnet die Beschäftigung mit Big Data geholfen, zunächst auf der abstrakt-theoretischen Ebene das Verhältnis von Vorsehung und Freiheit besser zu verstehen und zwar so: Wie bei Big Data besitzt Gott Algorithmen und eine Menge Daten. Gottes Algorithmen sind so komplex, und seine Datenmenge ist im wahrsten Sinne des Wortes schier unendlich, sodass seine Vorhersagen - mit aller Vorsicht gegenüber solcher analogen Rede und sie doch nutzend - schlicht und einfach immer zutreffen. Meine Handlungsfreiheit dürfte genauso wenig leiden, wie mein Gefühl im Erlanger Plattenladen, mich frei für eine CD zu entscheiden, auch wenn Amazon das vorhersagt. Ein ähnliches Erklärungsmuster hätte ich mir zwar schon - wie ich bei Klaus Mainzer gelernt habe - von Leibniz und Laplace vorlegen lassen können. Aber so ist es eben bisweilen: Lebensweltlich erschlossen hat sich mir diese Deutungsmöglichkeit der Entflechtung von göttlicher Vorsehung und menschlicher Freiheit erst im Zusammenhang der Big-Data-Thematik. In Folge dessen rückt mir auch der eigentliche Sinn der Providenzlehre wieder näher. Keineswegs geht es ihr im christlichen Kontext um eine metaphysische Versicherung der Vernünftigkeit, Zweckhaftigkeit und Schönheit des Kosmos, so beispielsweise in der Stoa. Vielmehr verleiht sie der Schöpfungslehre einen heilsgeschichtlichen Grundton: Der Gott, der im Anfang die Welt gut, ja, sehr gut, auf den Weg gebracht hat, bleibt ihr treu und führt sie zum guten Ende - alles besiegelt in seinem menschlichen Antlitz, Jesus Christus.

Wenn die Providenzlehre schlussendlich erst in ihrer heilstheologischen Zuspitzung ihre eigentliche Bedeutung erfährt, dann trägt diese Einsicht zu einer kritischen Deutung und Einschätzung mancher Big-Data-Ansprüche bei.

Warum? Theologie lebt von der Kultivierung der grundlegenden Gott-Mensch-Differenz, die - im Glauben gesprochen - bestenfalls von Gott her heilsam durchbrochen wird. Letztes und Vorletztes - so die wichtige Unterscheidung von Dietrich Bonhoeffer - sind sorgsam zu differenzieren. Wenn algorithmische Logiken von Big Data Verhalten, Entscheidungen und Präferenzen so intensiv und extensiv auf Muster durchsuchen, dass alles, was den Korrelationsanalysen nicht entspricht, entweder unsichtbar gemacht wird, für pathologisch, verdächtig oder beweislastig erklärt wird, dann vermischen Big-Data-Methoden Letztes und Vorletztes. Dieser an sich schon mit der Sündenentlarvungsfigur "wie Gott sein zu wollen" hinterfragbare Gestus erweist sich schon dadurch mehrheitlich als verdächtig, weil es in Big Data selten um das Wohl des Nächsten geht, sondern meistens um sehr schnöde Ziele, konkret: die Steigerung eigener Effizienz- oder Renditeerwartungen.

Atmen lassen

Ohne das doch in der jüngeren Geschichte der Theologie häufig überstrapazierte, nicht ganz uneitle Modell des Wächteramtes der Kirche über Gebühr belasten zu wollen, bietet es sich an, die darin zum Ausdruck kommende Differenzsensibilität, die Religionen eignen kann, bei Big Data stark zu machen. Während politische Ideologien und die Versuche zur Durchökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche mit dem Anathema von Barmen belegt sind, dass nichts außer Jesus Christus "die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden dürfe", verhält es sich mit Big Data komplizierter. Es ist so risikobehaftet, weil es vermeintlich ideologiearm auf leisen Sohlen daher kommt. Es lässt sich immer für andere, medizinische, ökonomische, politische, militärische Ziele vereinnahmen und erregt wie ein neutrales Mittel zum Zweck zunächst wenig Anstoß. Sollten wir aber alle Bereiche auf Big-Data-Mustererkennung umstellen, dann begleiten uns keine Algorithmen göttlichen Wohlwollens. Vielmehr werden wir sanft genötigt, uns nach überraschungsfreien Mustern der Vergangenheit die Zukunft auszumalen.

Menschliche Kreativität, nicht zuletzt denkbar im Vertrauen auf die Providenz des begleitenden Gottes, sieht anders aus: Sie lebt gerade davon, dass sie aus der antwortenden Konfrontation mit Überraschendem, Unvorhergesehenem, Fremdem, Unverrechenbarem (!) und Außerordentlichem Neuartiges und Sinnhaftes konstruiert und dabei im Übrigen auch scheitern kann - der glatte Gegenentwurf zu zwar unendlich anmutenden, aber letztlich berechenbaren Logik von Big Data. Aus ihrer religionskulturellen Deutungskompetenz und Lebenspraxis heraus ist es höchste Zeit, dass die Kirchen sich am zivilgesellschaftlichen Diskurs über Big Data beteiligen, sei es, dass sie Diskursräume bereitstellen, existierende Debattenkulturen stärken und Güter, die nottun, in Erinnerung rufen: Geheimnishaftigkeit und Verzeihen, Freiheit und Solidarität sind theologisch zu würdigende Güter, die auf der Ebene der Vorletzten noch immer Charme verbreiten und Provokationen auslösen - auf dass Big Data uns weiter atmen lässt.

Kennen Sie Martin Tingvall? Skandinavischer Jazz! Seine wunderbare CD "En Ny Dag" lief einfach im Kulturkaufhaus, als ich mal wieder nach CDs stöberte. Schöner Zufall ohne Kaufempfehlung! Und doch gekauft.

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Peter Dabrock

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