Zwischenfigur

Das Leben der Gret Palucca
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Gret Palucca tanzte durch vier politische und gesellschaftliche Welten, in jeder eckte sie an und wurde doch hofiert.

Gret Palucca war eine der bedeutendsten Tänzerinnen Deutschlands im 20. Jahrhundert. Sie hat gemeinsam mit ihrer Lehrerin Mary Wigman den modernen Tanz entscheidend geprägt, durch ihren sportlich-dynamischen Stil weiterentwickelt und in ihrer eigenen Schule Generationen von Tänzerinnen beeinflusst. Das alleine wäre ja schon Anreiz genug, sich mit dieser Frau und ihrer Kunst zu beschäftigen. Doch es ist etwas anderes, was ihre Biographie, die nun von der Journalistin Susanne Beyer aufgeschrieben wurde, auch für nicht an Tanz Interessierte so aufregend macht: Gret Palucca tanzte durch vier politische und gesellschaftliche Welten, in jeder eckte sie an und wurde doch hofiert. Sie tanzte vor Goebbels und vor Wilhelm Pieck, verfolgte kein politisches Ziel mit ihrer Kunst, und geriet dennoch immer wieder in Konflikt mit den Mächtigen, die sie aber auch stets zu nutzen wusste für sich und ihre Kunst. Das Prinzip-Palucca, nennt Susanne Beyer das, ein Leben als "Zwischenfigur", das ihr das Überleben ermöglichte.

Dieses Prinzip findet sich auch in ihrem Privatleben wieder: Zunächst Ehefrau des reichen Dresdner Unternehmersohns Friedrich Bienert, der wie seine Mutter die künstlerische Avantgarde der Weimarer Republik um sich zu versammeln wusste. Dann Freundin des einflussreichen - und verheirateten - Publizisten Will Grohmann in einer mehr oder weniger offen gelebten Ménage-à-trois, im Krieg in einer Lebenspartnerschaft mit der Kinderärztin Marianne Zwingenberger, die sich nach dem Krieg dann noch durch Irmgard Schöningh, hochrangige Kulturschaffende in der DDR, wieder zu einer Dreierbeziehung erweiterte.

Über all das schreibt Susanne Beyer, Kulturredakteurin beim "Spiegel", ausgesprochen lesbar, wohltuend unaufgeregt und mit großer Souveränität. Letztere stammt wohl auch aus der intensiven Recherche und dem reichen Quellenstudium. Immer wieder zitiert sie aus Briefwechseln mit Künstlern wie Kandinsky, der ihre Tänze in Linien umsetzte, oder Klee, aber auch aus der Korrespondenz mit Magda Goebbels, die ihr Programmhinweise für ihren Auftritt vor ihrem Mann gab. In Tagebucheinträgen verfolgen wir die wachsende Missgunst der einstigen Lehrerin Mary Wigman, deren schwerer, intellektueller Stil die Gunst des Publikums mehr und mehr verliert, weil die körperbetonte Leichtigkeit Paluccas zunächst der "Neuen Sachlichkeit" besser zu passen schien, aber auch den Nazis in seiner Sportlichkeit zu passe kam. Deshalb war sie es, die bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 1936 ein Solo tanzen durfte, während Wigman "nur" für eine Gruppenchoreographie verantwortlich war.

Susanne Beyer nutzt all diese Quellen, belegt nahezu jedes Zitat, was den Lesefluss nur selten hindert, entscheidet sich aber für den konventionellen "roten Faden", nämlich ein Leben chronologisch von Anfang bis zum Ende zu erzählen. Und das ist gut so, denn so verfällt sie nicht der Versuchung, den biographischen Stoff mit zu viel Psychologie zu verweben und ihn dadurch zu verunstalten. Sicher weist sie auf wiederkehrende Muster hin, etwa das übergroße Bedürfnis nach Versorgung, das den verkorksten Verhältnissen in der ehemals reichen und dann verarmten und instabilen Herkunftsfamilie geschuldet war, oder dem steten Schuldgefühl wegen des frühen Todes des Bruders und des Selbstmordes der Mutter, die das schlechte Gewissen als Druckmittel einzusetzen wusste. Und nicht zuletzt die verdrängte jüdische Identität, die Abstammung von jüdischen Großeltern, die dafür sorgte, dass sie nach den Olympischen Spielen in Ungnade bei den Nazis und in existenzielle Nöte fiel. Doch im Kern bleibt die Autorin bei der Schilderung des Lebens und Werks einer großartigen Künstlerin, deren Fähigkeit zur Improvisation nicht nur auf der Bühne stetes Leitmotiv war.

Susanne Beyer: Palucca - Die Biografie. Aviva Verlag, Berlin 2014, 432 Seiten, Euro 18,90

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Stephan Kosch

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