Lyrisches Ich

Pop-Appeal und Funkiness
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Ihr Sound ist kräftig, dabei leicht und lässig, hat Gewicht, ist einzigartig. Hinzu kommen Händchen fürs Detail und große Stilsicherheit bei den Effekten.

Denn sie wissen, was sie tun, und sind doch am besten, wenn sie sich davon lösen. So ließe sich übersetzen, wenn Britt Daniel sagt, dass ihm Melodien und Akkorde leicht fallen, Klang und Sinn der Worte dazu hinzubekommen aber verdammt schwer. Da helfe, wenn man sich ein wenig verliere. Vielleicht war es das, was der alttestamentliche Prediger 11, 1 meinte, als er schrieb: "Wirf dein Brot aufs Wasser und du wirst es finden, nach langer Zeit." Es geht um Geist, Inspiration. Die von Britt Daniel (voc; git) und Jim Eno (dr) 1993 in Austin/Texas gegründete Band Spoon - aktuell mit dabei sind Rob Pope (b), Eric Harvey (kb, git, perc, back voc), Alex Fischel (kb, git) - findet auf ihrem achten Album "They Want My Soul" viel.

Wo es herkommt, verrät der Opener "Rent I Pay". Er beginnt mit Schlagzeug und einem markanten, entspannt anverwandelten Stones-Gitarrenriff ("Gimme Shelter"), tritt rhythmisch verdichtet dann gleichsam auf der Stelle (extrem spannungsgeladen, eine Spoon-Spezialität!), und Daniel singt mit drangvoller, angerauhter Stimme: "That's the rent I pay/Everybody knows just where you been going/Everybody knows the faces you been showing/And if that's your answer/No I ain't your dancer". Nein, ich bin's nicht! Wir erinnern uns an einen berühmten Dylan-Song, aber noch viel mehr an die herausgerotzte Zeile "You may be a lover but you ain't no dancer" aus dem Beatles-Kracher "Helter Skelter". Nimmt man noch die mit Reduktion und cooler Distanziertheit fesselnden Postpunker "Wire" und "Can"-Krautrock hinzu, sind alle wesentlichen Spoon-Einflüsse beisammen. Pop-Appeal, Funkiness und Rock'n'Roll haben sie ohnehin.

Ihr Sound ist kräftig, dabei leicht und lässig, hat Gewicht, ist einzigartig. Hinzu kommen Händchen fürs Detail und große Stilsicherheit bei den Effekten, etwa die schneidenden, an das "Yellow Submarine"-Intro erinnernden Knarzgeräusche in "Knock Knock Knock", die sie mit fliegender B 3-Hammondorgel und weit nach hinten gemischtem Background-Gesang austarieren. "Inside Out", Abwehrzauber gegen jegliche "holy rollers" und Daniels Liebling auf dieser Platte, verträgt sogar Harfenklänge vom Synthesizer.

"Outlier" ist große Geste im Siebziger-Discogewand. Nightflight-Sound. Gitarren und Orgel schwirren, schweben. Anfliegende Helikopter vor einer Glitzerskyline, dazu Daniels Gesang als sehnsuchtsvolle Flipperkugel: "Aw what happened to you kid?/Yes and what's happening now?/On and on and on". Den Ann-Margret-Blues "I Just Don't Understand" coverten schon die Beatles. So inszenieren Spoon ihn auch, trotzdem klingt er souverän nach ihnen. "They Want My Soul" mit zehn starken Songs ist ein großartiges Album. Immens präsent und doch im Irgendwo zwischen mutmaßlich persönlicher Aussage und Poesie im Open Space. Das lyrische Ich spannt hier alle Saiten: zeitzeichen-Platte des Jahres.

Spoon: They Want My Soul. (Anti/Indigo 2014).

Udo Feist

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