Gottlosigkeit

Psalmen: Keine einfache Vorlage
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Ist man über die erste Verwunderung hinweg, finden sich in diesem Buch auch eine ganze Reihe tiefgehender, teilweise gar berührender Passagen.

Unter den konservativen Geistern der Bundesrepublik ist der Katholik und Philosoph Robert Spaemann sicherlich einer der charmantesten. Wie nur bei wenigen sonst gehen in seinen Büchern breite Gelehrsamkeit und schriftstellerischer Esprit eine gewinnende Symbiose ein. So konnte man denn durchaus gespannt sein auf seine über Jahre hinweg entstandenen, als sehr persönlich angekündigten Meditationen über die ersten einundfünfzig Psalmen. Und umso mehr ist man dann - auf den ersten Blick - etwas überrascht von Robert Spaemanns jüngstem Werk.

Das beginnt schon bei der äußeren Aufmachung. Sie erinnert doch ein bisschen zu direkt an die kommerziell erfolgreichen Jesus-Bücher von Papst Benedikt XVI. Vor allem aber ist es der Inhalt, der erst einmal stutzig macht: Schon auf den ersten Seiten ist ganz pauschal und ungebrochen von den "Gottlosen" die Rede, von den "Feinden Gottes" und der "Wahrheit". Sie freuten sich, so liest man, "wenn der Gute der Dumme ist, denn für sie ist ein Leben aus göttlicher Perspektive ohnehin eine Dummheit". Ihr Weg führe am Ende immer "ins Verderben".

Solch schroffe Töne ist man schon fast gar nicht mehr gewohnt, weder von Spaemann noch überhaupt vom gegenwärtigen Christentum unserer Breitengrade. In einem zunehmend pluralen Umfeld setzt man für gewöhnlich doch eher auf Verständigung und Wertschätzung gegenüber den vielfältigen säkularen Optionen unserer Tage.

Liest man weiter, dann wird schnell deutlich, dass einiges davon auch der biblischen Vorlage selbst, den Psalmen, geschuldet ist: Die Feinde Gottes und die Feinde des Beters, die Sünder und Gottlosen sind hier nun einmal ein Motiv, das sich in vergleichbarer Schroffheit durchzieht. Und was man allsonntäglich im Gottesdienst betet, ist ja nicht selten um genau diese Passagen bereinigt.

Genau das tut Spaemann nicht. Und die Aufrichtigkeit, in der er jener wahrlich nicht einfachen Vorlage gerecht zu werden versucht, nötigt einem durchaus Respekt ab. Allerdings unternimmt er eben auch nur wenig interpretative Anstrengungen, um sie unserer heutigen Situation - die ja doch recht wenig mit Verfolgung und Unterdrückung des Glaubens zu tun hat - irgendwie anzunähern. Die Auskunft, dass der Christ nach der Bergpredigt seine Feinde nicht mehr hassen, sondern lieben soll, wie Spaemann schreibt, kann dafür wohl nicht mehr als ein erster Schritt sein.

Ist man aber über die erste Verwunderung einmal hinweg, dann finden sich in diesem Buch auch eine ganze Reihe tiefgehender, teilweise gar berührender Passagen. Sie kreisen alle um einen Gedanken, in welchem Spaemanns an der antiken Philosophie geschultes Denken und die theologische Welt der Psalmen weitaus zwangloser zusammenfinden als beim Thema der Gottlosen. Man könnte diesen Gedanken auf die Formel bringen: Glauben heißt sehen lernen. Man kann die Welt als eine bloße Aneinanderreihung von Fakten und Ursachen ansehen. In den Augen des Gläubigen aber "geht das Sein der Welt in jedem Augenblick aus der Hand des Schöpfers hervor". Weil der Gläubige davon eine Ahnung hat, "wird ihm alles zum Zeichen": Das Schlafen und das Aufwachen, der Lauf der Sonne, die Musik, das Lächeln und das Weinen - sie alle deuten hin auf die "eigentliche Wirklichkeit", die hinter dem Schein der äußeren Dinge liegt. Im Guten, Wahren und Schönen wird der Mensch dieser eigentlichen Wirklichkeit gewahr. Sie sind hier schon Vorschein der Vollendung. Sie sehen und deuten zu können, das bedeutet Glauben.

"Es gibt keine Erlösung, wenn die Welt nicht im Grunde gut und schön ist", schreibt Spaemann an einer Stelle. Und man stellt sich die Frage, ob die Gottlosigkeit, von der er zuvor noch so düster sprach, in diesem Lichte besehen nicht auch bloß ein Zerrbild, ein äußerer Schein, ist.

Robert Spaemann: Meditationen eines Christen. Über die Psalmen 1 - 51. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2014, 416 Seiten, Euro 49,95.

Tobias Braune-Krickau

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