Keine Kultbilder bitte

Themenjahr "Bild und Bibel": Martin Luther und die Folgen für die Kunst
Thomas Bayrle: "Porsche 911: Rosenkranz, 2010". Porschemotor, aufgesägt, Soundinstallation, 100 x 71 x 93 cm. Das Kunstwerk war auf der documenta 13 in Kassel zu sehen. Foto Andreas Mertin/ © VG Bild-Kunst, Bonn 2014
Thomas Bayrle: "Porsche 911: Rosenkranz, 2010". Porschemotor, aufgesägt, Soundinstallation, 100 x 71 x 93 cm. Das Kunstwerk war auf der documenta 13 in Kassel zu sehen. Foto Andreas Mertin/ © VG Bild-Kunst, Bonn 2014
Angesichts des Themenjahres "Bild und Bibel" im Rahmen der Lutherdekade wäre es angebracht, sich auf das zu besinnen, was der Protestantismus mit der Moderne und der modernen Kunst gemeinsam hat. Doch eine Neugier auf das, was in der freien zeitgenössischen Kunst geschieht, welche Wege sie beschreitet, welche Grenzen sie überwindet, beobachtet man kaum. Diese Ansicht vertritt der evangelische Theologe und Kunsthistoriker Andreas Mertin.

Gut dreißig Jahre ist es her, dass der Kunsthistoriker und damalige Leiter der Hamburger Kunsthalle Werner Hofmann eine auch international aufsehenerregende Ausstellung zusammenstellte, in der er von der Geburt der Moderne aus dem Geist der Religion, genauer: "aus dem Geist der Reformation" sprach. "Luther und die Folgen für die Kunst" war eine materialreiche und nicht zuletzt auf die Gegenwart der Kunst zielende Ausstellung.

Werner Hofmanns zentrale These, dass Martin Luther mit seiner Freistellung der Bildenden Kunst von religiösen Vorgaben und seiner Stärkung der Rolle des Betrachters die Entwicklung der künstlerischen Moderne wenn nicht ermöglicht, so doch wenigstens mit befördert habe, hat einiges für sich. Hofmann schrieb damals in dem auch heute noch lesenswerten Katalog: "Luther legt den Grund für die Betrachterästhetik ... Der Betrachter soll vor dem Kunstwerk seine Freiheit erproben. Er hat das letzte Wort. Luthers Bildempfänger ist kein fraglos Anstaunender, in ihm steckt ein potenzieller Interpret, der kritisch nach dem Woher und Wozu, nach dem Umraum des Kunstgegenstandes fragt. Schon bei Luther und Zwingli ist die Wahlfreiheit des Betrachters einmal von dessen Einstellung, zum andern vom Kontext seiner Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk konditioniert. Er kann in Friedrichs Kreuz Trost finden oder nur ein Kreuz sehen, er kann ein Readymade von Duchamp als ein auf den Kopf gestelltes Fahrrad oder als einen Flaschentrockner akzeptieren, aber er kann diese Fakten auch dem Wort, der Interpretation ausliefern und Deutungsmuster wie Anti-Kunst, Negation der Negation, etc. auf sie anwenden." Erstmals wurde damit deutlich, dass der Protestantismus auch in Kunstfragen als bedeutender historischer Impulsgeber begriffen werden kann.

Dagegen gehört es zu den problematischen Eigenarten des Protestantismus, dass man beim Thema "Reformation und Kunst" zunächst auf Lucas Cranach verweist. So hat die Platzierung des Themenjahres "Bild und Bibel" auch etwas mit dem zeitgleichen Cranach-Jubiläum zu tun (500 Jahre Lucas Cranach d. J.). Dabei führt die Fixierung auf Cranach und seine Werkstatt eigentlich in die Irre. Die großen Cranach-Bilder, die in diesem Zusammenhang immer wieder genannt werden und die sicher zum Kernbestand evangelischer Verkündigung gehören (Reformationsaltar in Wittenberg, Altar der Stadtkirche in Weimar), sind vor allem didaktisch zugerichtete Bilder. Sie illustrieren protestantische Lehre mehr, als dass sie die Freiheit der Kunst vor Augen führen. Dabei ist die Stärke der Reformation eher darin zu sehen, dass sie die grundsätzlichen Möglichkeiten der Kunst freigelegt hat. Der Schriftsteller und Theologe Kurt Marti hat dies vor vielen Jahren als "die Befreiung der Künste zur Profanität" gewürdigt. Sie war bereits in der neutestamentlichen Überlieferung angelegt, denn Christus stellte die personale Präsenz des Religiösen in den Vordergrund und befreite die Künste von religiös-illustrativen Ingebrauchnahmen. Auch wenn man die neutestamentliche Kunstindifferenz mit Kurt Marti so deuten kann, so ist doch der Weg der Kunst zunächst ein anderer gewesen, er führte in die Unterordnung der Künste unter die Religion.

Das Subjekt im Zentrum

Erst gut 1200 Jahre später und lange vor der Reformation können wir in der Frührenaissance erste Schritte einer Orientierung am Maß des Menschlichen beobachten. Künstler wie Giotto (1266 bis 1337) und Masaccio (1401 bis 1428) stellen das Subjekt ins Zentrum ihrer Malerei und verzichteten auf religiöse Verklärung. Mit der Reformation bekommt diese Entwicklung ihre theologische Unterfütterung. Kunst, darauf verweist der Reformator Johannes Calvin, ist eine durch und durch menschliche Aktivität, sie ist dem Menschen eigentümlich. Und sie wird nicht dadurch wertvoll, dass sie in den Dienst der Kirche oder der Theologie tritt, sondern weil sie ein Charakteristikum des freien Menschen ist. Es hat nach der Reformation noch Jahrhunderte gedauert, bis sich diese Einsicht durchgesetzt hat.

Selbst heute haben Evangelische oft ein schlechtes Gefühl, weil ihre Konfession nicht so bilderreich ist wie die der Orthodoxen und Katholiken. Dabei haben sie in ihrer Lebenswelt nicht weniger Bilder als Angehörige anderer Konfessionen, ganz im Gegenteil. Zwar verzichten Evangelische seit der Reformation (wie auch die Katholiken seit dem II. Vatikanum) auf eine üppige Bild-Ausstattung ihrer Kirchen, aber im Privaten spielen Bilder eine umso größere Rolle. Zur protestantischen Kultur gehört es, Kunst nicht in der Kirche, sondern im Museum, in der Ausstellung oder in der Galerie aufzusuchen, sie zu erwerben und mit nach Hause zu nehmen. Schon bei Cranach und seiner Werkstatt ist die Verbreitung der Kunst bis in den Privathaushalt angelegt, was dann spätestens im Goldenen Zeitalter der Niederlande zur Selbstverständlichkeit wird. Die Reaktion der katholischen Kirche auf den protestantischen Kirchenbildersturm und die Freisetzung der Bilder für den Privatgebrauch war der Barock, dem wir viele der bewegendsten Bilder der Kunstgeschichte verdanken. Gegen den scheinbaren protestantischen Purismus sollte gezeigt werden, was Bilder religiös zu leisten vermögen. Tintoretto (1518 bis 1594) suchte mit seinen Abendmahlsbildern in Venedig den Moment der Wandlung bei der Eucharistie einzufangen.

Der Protestantismus hat dies mit Rembrandt aufgenommen, indem er der äußer(lich)en Bewegtheit die evangelische Innerlichkeit gegenüberstellte. Aber mit dem Barock ging auch die Geschichte Gottes im Bild endgültig zu Ende, es begann das Zeitalter der Kunstreligion, der Kunst als Religion. Am Anfang des 19. Jahrhunderts stand das Christentum am Scheideweg. Es musste sich entscheiden zwischen dem Weg zurück an die Fleischtöpfe kirchlicher Auftragskunst oder dem Aufbruch zur Moderne. Die Kunst hat sich, wie wir alle wissen, für das Letztere entschieden. Von Caspar David Friedrich (1774 bis 1840) kann man, wie dies der Kunsthistoriker Robert Rosenblum getan hat, eine Linie bis zur abstrakten Malerei eines Mark Rothko ziehen. Die Kirchen aber haben den Weg der Moderne lange nicht mitgehen wollen, zu sehr hingen sie an der illustrativen Funktion der Kunst. Landschaftsmalerei komme, so schreibt es das auflagenstärkste Lehrbuch für Praktische Theologen noch am Ende des 19. Jahrhunderts, für die Kirchen nicht in Frage, der Naturalismus des 19. Jahrhunderts wurde noch bis weit ins 20. Jahrhundert von den Theologen verworfen.

Die Kunst selbst ist dagegen dem bei Luther und der Reformation angelegten Weg der Freisetzung von allen Vorgaben konsequent gefolgt. "Die Verklärung des Gewöhnlichen" - jene große Geste der Kunst des 20. Jahrhunderts, die bis heute manchen Kunstbetrachter verstört - kann als Erbe der reformatorischen Ideen verstanden werden. In einer kühnen Zusammenfassung hat der Philosoph Hannes Böhringer zwei große Linien in der Kunst des 20. Jahrhunderts gesehen, die er metaphorisch als die philosophische und die christliche Linie bezeichnet: "Philosophisch ist ihr Versuch, das Reich des Sichtbaren und Gegenständlichen zu transzendieren, um zur Ideenschau zu gelangen, ihr Aufstieg zur großen Abstraktion und deren Erhabenheit von Kasimir Malewitsch (1879 bis 1935) bis Barnett Newman (1905 bis 1970), ihr Hang zum Konzeptuellen, sich bis zur Entmaterialisierung zu vergeistigen, während die christliche Struktur der modernen Kunst immer wieder dazu führt, dieses Jenseitige und Erhabene, die unbestimmte Fülle des göttlichen Logos gerade in seinem Herabstieg und seiner Durchdringung mit dem ihm ganz und gar Inadäquaten, dem Gewöhnlichen, Alltäglichen, Ordinären, Materiellen, Gegenständlichen, Trivialen, Kriminellen, Simplen sichtbar zu machen, wie es etwa von Dada, Fluxus oder der Pop Art unternommen wurde. Hierzu gehört auch die Tradition der modernen Kunst, in der Kunst immer wieder auf Können, Kunst und Kunstfertigkeit, auf Vollkommenheit und Perfektion zu verzichten. Mir scheint, dass die moderne Kunst immer im labilen Gleichgewicht zwischen diesen beiden Gewichten liegt." Wenn diese metaphorische Beschreibung zutreffend ist, dann gehört die Reformation zu jenen geistesgeschichtlichen Entwicklungen, die uns helfen, die Kunst der Gegenwart besser zu verstehen. Gerade da, wo die Kunst von der Religion am weitesten entfernt scheint, ist sie ihr in Wahrheit am nächsten.

Freilich zeigt der Blick auf das 21. Jahrhundert eine eigentümliche Ambivalenz im protestantischen Verhältnis zur Gegenwartskunst. An vielen Stellen ist man ganz pragmatisch zur Auftragskunst zurückgekehrt und fragt etwa nach der Bedeutung der Bibel in der Kunst. Eine Neugier auf das, was in der freien zeitgenössischen Kunst geschieht, welche Wege sie beschreitet, welche Grenzen sie überwindet, beobachtet man kaum. Vielleicht ist einfach nur Alltag im Beziehungsgefüge von Kunst und Religion eingekehrt, eine gewisse nachlässige Routine. Dabei wäre es gerade angesichts des Reformationsjahres zum Bild angebracht, sich auf das zu besinnen, was der Protestantismus mit der Moderne und der modernen Kunst gemeinsam hat. Werner Hofmann hat 1983 mit "Luther und die Folgen für die Kunst" keine historisierende Ausstellung konzipiert (auch wenn er zahlreiche Werke der Reformationszeit präsentierte), sondern er zielte auf die Geistesgegenwart von Kunst und Religion. Dazu unternahm er eine durchaus gewagte Zusammenstellung von reformatorischer Theologie, zeitgenössischer Kunst und aktuellen Ereignissen. Ob das heute auch noch gelingen würde?

Was Kunst und Religion antreibt

Wer 2012 die documenta in Kassel besucht hat, der konnte - bei aller Kirchendistanziertheit der documenta-Leiterin - eine Kunstausstellung beobachten, die der religiösen Frage mehr als offen gegenüberstand, so als ob sie darauf wartete, zusammen mit der Religion/den Religionen am Projekt Menschwerdung (Novalis, 1772 bis 1801) zu arbeiten. Dabei geht es weniger um das vorschnelle Konstatieren von Gemeinsamkeiten, sondern um ein elementares Interesse daran, was eigentlich Kunst und Religion heute treiben, was sie bewegt und welche Freiräume sie erkunden und für die Menschen erschließen.

Ein Lackmustest für die Bemühungen der Evangelischen Kirche um Kunst im Gefolge des Themenjahres "Bild und Bibel" scheint mir daher zu sein, was sie 2017, in dem Jahr, in dem das Reformationsjubiläum, die documenta in Kassel und die Biennale in Venedig zusammenfallen, der Kunst anzubieten hat. Denn wir feiern 2017 nicht nur 500 Jahre Reformation, sondern, wie der Kunsthistoriker und Medientheoretiker Hans Belting in seinem Buch "Bild und Kult" deutlich gemacht hat, auch 500 Jahre freie Kunst nach dem Ende der Kultbildzeit. Ich bin gespannt auf die kirchlichen Aktivitäten zu dieser Koinzidenz und hoffe, es wird nicht nur der Blick zurück auf den Beitrag Cranachs zur Reformation, sondern auch der Blick zur Seite und nach vorne auf die Gegenwart und Zukunft der Kunst sein. Der Leiter der documenta 14, Adam Szymczyk, hat sich jedenfalls schon offen für Begleitausstellungen der Kirchen gezeigt. Aber bitte: keine Kultbild-Ausstellung "Martin Luther in der zeitgenössischen Kunst". Vielleicht bietet gerade die Kunst eine Möglichkeit, 2017 ökumenisch zu feiern.

Andreas Mertin

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Andreas Mertin

Andreas Mertin, Jahrgang 1958, ist Gründer und Herausgeber des seit 1998 im Internet erscheinenden Magazins tà katoptrizómena, dem Magazin für Kunst, Kultur, Theologie und Ästhetik (www.theomag.de). Der Theologe und Kulturwissenschaftler (www.amertin.de) ist u.a. auch als Kurator von Ausstellungen tätig und lebt in Hagen (NRW).


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