Krumme Linien

Wenn große Staatsmänner kleinkariert sind
Otto von Bismarck, Konrad Adenauer und Helmut Kohl waren große Kanzler und zugleich, mitunter, kleinkariert und zynisch. Protestanten sollten diese Spannung aushalten können.

Bis zum 3. Oktober 2015 wird noch vieler Ereignisse gedacht werden, die vor einem Vierteljahrhundert Deutschlands Wiedervereinigung ermöglichten. Zum 25. Mal jährt sich am 9. November die Maueröffnung und am 28. November, dass Bundeskanzler Helmut Kohl vor dem Bundestag sein Zehn-Punkte-Programm zur "Wiedergewinnung der staatlichen Einheit Deutschlands" vorstellte.

Dass die Teilung Deutschlands überwunden werden konnte, war glücklichen äußeren Umständen zu verdanken, aber auch denen, die die DDR verließen, und denen, die blieben und auf den Straßen, vor allem der Heldenstadt Leipzig, demonstrierten. Beides brauchte einen gewaltigen Mut. Aber Helmut Kohl gebührt das Verdienst, die Gelegenheit zur Einleitung der Wiedervereinigung beim Schopf gepackt zu haben, nicht zuletzt mit dem Zehn-Punkte-Programm und seiner Rede in Dresden am 19. Dezember vor 25 Jahren.

Otto von Bismarck soll gesagt haben, ein "Staatsmann" könne "nie etwas schaffen", sondern "nur abwarten und lauschen, bis er den Schritt Gottes durch die Ereignisse hallen hört". Er müsse "dann vorspringen und den Zipfel seines Mantels fassen; das ist alles". Helmut Kohl hat bis zum 3. Oktober 1990 den Zipfel des Mantels immer wieder gepackt, sprich: Situationen erfasst und genutzt. So hat er sich als großer Politiker in die Geschichte eingeschrieben. Und wer das bezweifelt, sollte sich nur fragen, was wohl ein SPD-Kanzler Oskar Lafontaine getan und erreicht hätte.

Vor einiger Zeit wurde bekannt, wie abfällig sich Kohl über andere Politiker geäußert hat, gerade auch der eigenen Partei. Dass man abseits der Öffentlichkeit den Kropf lehrt und dabei auch ungerechte Urteile fällt, ist menschlich, allzu menschlich. Aber es erschreckt und stößt ab, dass Kohl in Andersdenkenden "Feinde" sieht und in denen, die sich von ihm distanziert haben, "Verräter".

Für die einen kann so jemand unmöglich ein großer Staatsmann sein. Andere relativieren die Äußerungen mit den Verdiensten Kohls um Deutschland und die EU, ja würden sie am liebsten verschweigen. Doch beide Gruppen sind auf dem Holzweg. Sie können offensichtlich nicht aushalten, dass selbst große Staatsmänner mitunter beschränkt sind. Sie wollen zu ihnen emporschauen wie zu Heiligen. Hier kann das evangelische Menschenbild zu einem realistischen und abgewogenen Urteil verhelfen. Nach reformatorischer Auffassung ist der Mensch vor Gott zugleich Gerechter und Sünder. So kann der Christ sich dem zuwenden, was bei ihm und anderen gut und schlecht ist. Und er wird davon befreit, sich und andere vergöttern oder verteufeln zu müssen.

Otto von Bismarck und Konrad Adenauer waren große Kanzler und zugleich, mitunter, kleinkariert und zynisch. Und wer auf sich selber schaut und ehrlich ist, wird auch hier auf angenehme und unangenehme Eigenschaften stoßen, auf Erhabenes und Abgründe. Aber wer sich als ganzer Mensch von Gott angenommen weiß, muss an seinen Unzulänglichkeiten nicht verzweifeln. Vielmehr kann er seine Stärken entwickeln und in den Dienst an seinem Land und seiner Kirche, seinem nahen und fernen Nächsten stellen. Ob Politiker, Wirtschafts- und Kirchenleute oder einfache Bürgerinnen und Bürger: Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.

Jürgen Wandel

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