Der homo digitalis

Wie Byung-Chul Han und Dave Eggers die Transparenzgesellschaft erklären
Die Installation "Critical Infrastructure" von Jamie Allen und David Gauthier auf der Transmediale im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Foto: dpa/ Hannibal Hanschke
Die Installation "Critical Infrastructure" von Jamie Allen und David Gauthier auf der Transmediale im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Foto: dpa/ Hannibal Hanschke
Gesellschaftlich-politische Debatten gehen nicht selten von Büchern aus. Der Theologieprofessor und Schriftsteller Klaas Huizing stellt zwei Neuerscheinungen aus diesem Herbst vor, die den Disput lohnen.

Während seit Jahren die Jünger Michel Foucaults die blass gewordenen Fotos des Meisters nachkolorieren und sich als Applausmeister verdingen, wehmütig die nachgelassenen Texte auslüften, mit entzündeten Fingerkuppen abtasten und mit Tabus umstellen, übt sich der Philosoph Byung-Chul Han in der Geste der Verabschiedung mit Sätzen wie Knallerbsen, in einem muskulösen Stakkato-Stil, der ironisch einen verschlankten Sloterdijk-Sound zitiert. Höflichkeit ist nicht Hans Primärtugend, vielmehr ersetzt er die cortesia, die Höflichkeit, durch eine Tugend, die der todkranke Michel Foucault in seiner letzten Vorlesung am Collège de France für sich reklamierte: die parrhesia, die freimütige Rede. Foucault wird von Han in die Philosophiegeschichte emeritiert, Andachtsprosa wird den anderen überlassen.

Diese mit Freimut prunkende Prosa liest sich großartig, sie erscheint in kleinen, handlichen Portionen und variiert mit der Nachdrücklichkeit von Wellen, die an den Strand rollen, eine überschaubare Hand voll Thesen diesseits der Unübersichtlichkeit. "Der Ruf nach Motivation, Initiative und Projekt ist wirksamer für die Ausbeutung als Peitsche und Befehle. Als Unternehmer seiner selbst ist das Leistungssubjekt zwar insofern frei, als es keinem gebietenden und ausbeutenden Anderen unterworfen ist, aber wirklich frei ist es nicht, denn es beutet nun sich selbst aus, und zwar aus freien Stücken. Der Ausbeutende ist der Ausgebeutete. Man ist Opfer und Täter zugleich." (AdE)

Han spricht vom neoliberalen Regime einer Leistungsgesellschaft, die wie jedes Regime mit Herrschaftstechniken (TdG) arbeitet, die Han mit Foucault Dispositive nennt. Als neoliberales Dispositiv wird die Transparenz ausgemacht. "Jedes Dispositiv, jede Herrschaftstechnik bringt eigene Devotionalien hervor, die zur Unterwerfung eingesetzt werden. Sie materialisieren und stabilisieren die Herrschaft. Devot heißt unterwürfig. Das Smartphone ist eine digitale Devotionalie, ja die Devotionalie des Digitalen überhaupt. Als Subjektivierungsapparat fungiert es wie ein Rosenkranz. (...) Like ist digitales Amen. Während wir Like klicken, unterwerfen wir uns dem Herrschaftszusammenhang. Das Smartphone ist nicht nur ein effektiver Überwachungsapparat, sondern auch ein mobiler Beichtstuhl. Facebook ist die Kirche, die globale Synagoge (wörtlich Versammlung) des Digitalen." (PP) Han zählt bereits zur Generation der digital natives, Menschen, die mit digitalen Technologien aufgewachsen sind, die nach der Champagnerlaune im Kater verharren, denn die frühen Hoffnungen auf das Internet als Maschine der Freiheit, von der noch Vilém Flusser träumte, sind zerstoben.

Selbstgewählter Gulag

Die starke wissenschaftstheoretische Überbietungsthese, in der Han sich wohlig räkelt, lautet: Foucaults Machttheorie untersucht die biopolitischen Disziplinierungsstrategien, aber: "Die Biopolitik ist die Regierungstechnik der Disziplinargesellschaft. Sie ist ganz ungeeignet für das neoliberale Regime, das vor allem die Psyche ausbeutet." (PP) Die Überbietungsgeste ist radikaler, als vielleicht auf den ersten flüchtigen Blick ersichtlich, denn Foucaults später Versuch, mit einer Technologie des Selbst diesem biopolitischen Dispositiv zu entkommen, muss scheitern, weil sie hinterrücks der neoliberalen Technik der Selbstoptimierung zum Opfer fällt. "Die Machttechnik des neoliberalen Regimes bildet den blinden Fleck der Foucaultschen Analytik der Macht. Foucault erkennt nicht, dass das neoliberale Herrschaftsregime die Technologie des Selbst für sich vollständig vereinnahmt, dass die permanente Selbstoptimierung als neoliberale Selbsttechnik nichts anderes ist als eine effiziente Form von Herrschaft und Ausbeutung. Das neoliberale Leistungssubjekt als 'Unternehmer seiner selbst' beutet sich freiwillig und leidenschaftlich aus. Das Selbst als Kunstwerk ist ein schöner, trügerischer Schein, den das neoliberale Regime aufrechterhält, um es gänzlich auszubeuten." (PP)

Oder, wie es im Essay Müdigkeitsgesellschaft heißt: "Foucaults Disziplinargesellschaft aus Spitälern, Irrenhäusern, Gefängnissen, Kasernen und Fabriken ist nicht mehr die Gesellschaft von heute. An ihre Stelle ist längst eine andere Gesellschaft getreten, nämlich eine Gesellschaft aus Fitnessstudios, Bürotürmen, Banken, Flughäfen, Shopping Malls und Genlabors. Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist nicht mehr die Disziplinargesellschaft, sondern eine Leistungsgesellschaft." (MG) Der Computer wird zum selbstgewählten Gulag. Und um fit zu bleiben, greifen wir zum Hirndoping, semantisch verniedlichend "Neuro-Enhancement" genannt.

Zur inneren Logik der Überbietungsgeste gehört selbstredend auch denjenigen zu deckeln, der sich als Meisterschüler von Foucault geriert. Der italienische Philosoph und Meisterschüler Foucaults, Giorgio Agamben, eine eigentümliche Melange aus Michel Foucault und Carl Schmitt, wird, obwohl beide, Han und Agamben, dazu neigen, das Handy in etwas altväterlicher Pose zu dämonisieren, mit einem freimütigen Satz in die Schranken gewiesen: "Auch Agambens Herrschaftsanalyse bietet keinen Zugang zu Machttechniken des neoliberalen Regimes. Die heutigen homines sacri sind nicht mehr die Ausgeschlossenen, sondern die Eingeschlossenen des Regimes." (PP)

Oder an anderer Stelle: Entgegen Agambens "Diagnose, der Ausnahmezustand entgrenze sich nun zum Normalzustand, absorbiert die allgemeine Positivierung der Gesellschaft heute jeden Ausnahmezustand." (MG) Nochmals freimütig gesagt: "Souverän ist, wer über die Shitstorms des Netzes verfügt." (IS)

Neue Müdigkeitsgesellschaft

Die Schwester der Transparenzgesellschaft ist die Müdigkeitsgesellschaft, weil die Menschen sich bis zur Erschöpfung ausbeuten und Opfer der "neuronalen Gewalt" werden: "Das beginnende 21. Jahrhundert ist, pathologisch gesehen, weder bakteriell noch viral, sondern neuronal bestimmt. Neuronale Erkrankungen wie Depression, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (adhs), Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) oder Burnout-Syndrom (BS) bestimmen die pathologische Landschaft." (MG) Und auch der Schlaf wird okkupiert, weil kleine Fluchten definitiv verhindert werden müssen.

Diese scharfsichtige Bestandsaufnahme wird, ein Austausch über die Gattungsgrenzen hinweg, in Dave Eggers viel diskutiertem Thesen-Roman "Der Circle" fiktional unterfüttert. (Der bessere Stilist ist übrigens Han.) Ganz frech vom Primat der Ökonomie geleitet, wird in dem fiktiven Unternehmen, das Facebook, Apple, Google und Twitter geschluckt hat, der digitale Exhibitionismus als Transparenz-Humanismus verklärt. Die drei Weisen genannten Gründerjuppies wollen in einer zweiten Aufklärung das göttliche Auge basisdemokratisch allen zugänglich machen: "ALLES, WAS PASSIERT, MUSS BEKANNT SEIN." So lautet der Basic-Satz dieses Glaubensbekenntnisses. "Transparenz bringt Seelenfrieden, wie wir hier alle beim Circle wissen." Miniüberwachungskameras sind die Gadgets, die schmucken Geräte, zum Glück, verhindern das Anwachsen der Kriminalität und nehmen den Leistungsjunkies Alltagssorgen, wenn die Rollator-Generation der Eltern allein zu Hause bleiben muss. Urbi et orbi wird die Mission auf den Weg gebracht. "'Also, wir stellen eine Million von diesem Modell her, und meine Prognose ist, dass wir in einem Jahr Zugriff auf eine Million Livestreams haben werden. In fünf Jahren auf fünfzig Millionen. In zehn Jahren auf zwei Milliarden Kameras. Es wird nur sehr wenige bevölkerte Gebiete geben, auf die wir nicht über den Bildschirm in unseren Händen zugreifen können.' Das Publikum toste erneut. Irgendwer brüllte: 'Wir wollen das sofort!' (...) Mit jedem Befehl erschienen neue Bilder, bis mindestens hundert Livestreams gleichzeitig zu sehen waren. 'Wir werden allsehend, allwissend.' Das Publikum war aufgestanden. Donnernder Applaus toste durch den Saal." Und hier das vollständige Credo: ALLES PRIVATE IST DIEBSTAHL; TEILEN IST HEILEN; GEHEIMNISSE SIND LÜGEN.

Eine der wenigen berührenden Szenen in Dave Eggers Roman "Der Circle" handelt davon, wie der schwer erkrankte Vater der Protagonistin Mae, der seine über den Circle vermittelte bessere Krankenversicherung nur durch die Zustimmung erhielt, sein Leben durch installierte Kameras in der Wohnung transparent zu machen, bei einer intimen Situation gefilmt wird. Als Mae auf der Suche nach ihren Eltern im Haus mit ihrer Kamera um den Hals ins Elternschlafzimmer stürmt, wird auch die letzte Bastion der Intimität geschleift: "Sie rannte die Treppe hoch, immer drei Stufen auf einmal, und als sie oben ankam und blitzschnell nach links ins Elternschlafzimmer stürmte, sah Mae sie, und die beiden starrten sie mit großen, entsetzten Augen an. Ihr Vater saß auf dem Bett, und ihre Mutter kniete auf dem Boden, seinen Penis in der Hand. Eine kleine Dose mit Gleitgel stand neben seinem Bein."

Gottesfrage en passant

Auf Befehl der Weisen des Circle darf dieser Clip nicht gelöscht werden, weil, so das kommunikationslogische Gebot des Circle, Geheimnisse als Lügen qualifiziert werden. In einem Dialog wird dann auch eingeschärft, wenn es sich um harmlose Dinge im Schlafzimmer handele, die mehr oder minder jeder treibe, dann müsse es nicht geheim bleiben. "Wenn wir es entmystifizieren, wenn wir zugeben, dass jeder das macht, dann verliert es seine Macht zu schockieren. Wir bewegen uns Richtung Ehrlichkeit, du, wir bewegen uns weg von der Scham. (...) Ich denke seit Jahren darüber nach, und mir ist noch kein Szenario eingefallen, wo ein Geheimnis mehr nützt als schadet. Geheimnisse führen zu antisozialem, unmoralischem und destruktivem Verhalten. Verstehen Sie, wieso?" Mae, die man als Leser gerne gleichermaßen schütteln und rühren möchte, glaubt zu verstehen und wird zur Märtyrerin der Selbstausbeutung und zur Missionarin einer Welt "ohne Geheimnisse, ohne Scham".

In der Theologie ist der in Seoul geborene und seit mehr als zwanzig Jahren in Deutschland lebende Byung-Chul Han, Professor für Philosophie und Kulturwissenschaften an der Universität der Künste in Berlin, bisher kaum rezipiert worden, im Netz und als Autor von Verlag Matthes & Seitz ist er inzwischen ein Star, der freilich der neoliberalen Versuchung doch nicht widerstehen konnte und mit dem neuen Buch zu einem finanzkräftigen Verlag gewechselt ist. Selbstredend verhandelt Han die Gottesfrage en passant unter der Frage des Dispositivs der Gewalt, aber Han ist für metaphysische Flausen allemal zu haben, denn seine drei großen Vokabeln, die auf seine kulturwissenschaftlichen Fieberschübe als Antidot wirken, lauten "Geheimnis, Fremdheit, Andersheit" (PP, TG). Einer seiner Helden neben Blanchot, Bataille, Deleuze, Handke und Heidegger heißt nicht zufällig Emmanuel Levinas, der spätmoderne Metaphysiker schlechthin, der sich für eine Totalitätskritik, wie Han sie inszeniert, geradezu aufdrängt. Er wird auch in den Zeugenstand gerufen, wenn der liberalen Vermarktung des Eros (AdE) und der "Totalprotokollierung des Lebens" (PP) mit Vehemenz widersprochen wird. Dieser Diskurs ist (mit dem frühen Levinas) auch ein Diskurs über das Schlafen und das gnädige Vergessen.

Für die Geisteswissenschaften fordert Han eine Schubumkehr, denn "Big Data lässt den Geist verkümmern. Die rein datengetriebene Geisteswissenschaft ist eigentlich keine Geisteswissenschaft mehr. Das totale Data-Wissen ist ein absolutes Unwissen am Nullpunkt des Geistes. (...) Ohne Geist zerfällt die Welt zum bloß Additiven. (...) Nur ein kontemplatives Verweilen ist fähig zum Schluss." (PP) Selbstredend will das neoliberale Regime auch die Muße noch gamifizieren. Der homo ludens wird vom homo digitalis gerne kassiert. Han fordert einen neuen Idiotismus, einen Außenseiter oder Toren in der Tradition von Sokrates bis zu Botho Strauß, der hochsensibel das Fremde feiert und bewahrt. Vielleicht liegt hier die Rettung. Vielleicht müssen wir ohne falsche Hagiographie des Künstlers an sich uns an jenen Beschreibungsleistungen orientieren, die ungeahnte Möglichkeiten des Lebens außerhalb der neoliberalen Totalisierung erschließen. Vielleicht können nur der Künstler und sein Werk uns noch retten. Und die Tugenden der privaten Schamhaftigkeit und der öffentlichen Parrhesia.

Literatur

Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft. Berlin 2010 (MG)

Byung-Chul Han: Topologie der Gewalt. Berlin 2011. (TdG)

Byung-Chul Han: Agonie des Eros. Berlin 2012 (AdE)

Byung-Chul Han: Transparenzgesellschaft. Berlin 2012 (TG)

Byung-Chul Han: Im Schwarm. Ansichten des Digitalen. Berlin 2013 (IS)

Byung-Chul Han: Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken, Frankfurt am Main 2014. (PP)

Dave Eggers: Der Circle. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2014, 560 Seiten, Euro 22,99.

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Klaas Huizing

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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