Geschlechterblick

Der Pfarrberuf im Wandel
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Den Bedarf einer Pastoraltheologie, die den Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit mit anderen zentralen Fragen des Pfarramts in Zusammenhang stellt, führt dieser vielfältige Sammelband eindrucksvoll vor Augen.

Noch bis vor wenigen Jahrzehnten war der evangelische Pfarrberuf männlich dominiert. Seit Ende der Neunzigerjahre sind es in etwa gleich viele Frauen und Männer, die sich zu Pfarrerinnen und Pfarrern ausbilden lassen. Auf dem Hintergrund dieser veränderten Zahlen fragen die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes danach, wie Frauen und Männer heute im Pfarrhaus leben, wie sie ihre Berufsausübung insgesamt gestalten und inwiefern sich das Bild des Pfarrberufs in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.

Neben empirischen Studien und Beobachtungen zum Pfarrerbild in Literatur und Film werden auch Perspektiven kirchlicher Personalplanung sowie weitergehende Forschungsperspektiven aufgezeigt. Den größten Teil bilden praktisch-theologisch und soziologisch orientierte Beiträge, wie zum Beispiel der Beitrag der Theologin Kerstin Menzel zu den Geschlechterverhältnissen im Pfarramt in Ostdeutschland zu Zeiten der DDR und danach.

Die Mainzer Theologin Simone Mantei beobachtet, dass sich die Wirklichkeit des Pfarrberufs zwar durch veränderte Geschlechterrollen gewandelt hat, dass aber bisher eine Kluft zwischen theoretischen Leitbildern und praktischer Amtsausübung besteht. Im Gespräch mit "Diversity Studies" strebt Mantei eine Pastoraltheologie der Vielfalt an. Diese soll sowohl Differenzkonstruktionen selbst als auch den Umgang mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten im Hinblick auf Pfarrerinnen und Pfarrer reflektieren, statt unreflektiert eine größtmögliche Homogenität in der Amtsausübung anzustreben. Obwohl diese Fragestellung nicht ganz neu ist, bringt Mantei mit diesem Ansatz doch Fragestellungen psychologischer und soziologischer Vorurteils- und Diskriminierungsforschung in einen anregenden Dialog mit der Pastoraltheologie.

Einen anderen Akzent setzt der Berner Theologieprofessor David Plüss, indem er betont, dass Männlichkeit für Männer nur einer von mehreren identitätsbestimmenden Faktoren ist, den jeder Einzelne, sowohl in beruflichen Kontexten (Religionsunterricht, Predigt und Sitzungsleitung) als auch über die Lebenszeit hinweg, unterschiedlich gestaltet. Wie in der Theologiegeschichte sieht Plüss auch heute unterschiedliche Männerbilder im Pfarramt vertreten, die durchaus auch weibliche Rollenmuster beinhalten können. Plüss veranschaulicht plausibel, dass Männlichkeit gestaltbar und gestaltungsbedürftig und als solche reflexionsbedürftig ist, um professionell gelebt zu werden. Mit seiner Argumentation führt er vor Augen, dass Männlichkeit im Pfarramt pastoraltheologisch explizit bearbeitet werden sollte, statt sie einseitig überzubetonen oder zu invisibilisieren.

In einer aufschlussreichen empirischen Studie untersucht die Tübinger Soziologin Ursula Offenberger, wie die Arbeitsaufteilung von stellenteilenden Ehepaaren Einfluss auf Geschlechterdifferenzierungen nimmt. Die Fallanalysen zeigen, dass in der Aufgabenteilung nach wie vor eine Hierarchisierung der Geschlechter zu erkennen ist, vor allem hinsichtlich der Geschäftsführung, da die befragten Pfarrerinnen diesen Aufgabenbereich tendenziell immer noch zu vermeiden suchen. Die Zuteilung von klassischer Pfarramtsarbeit an Männer und projektförmiger Arbeit an Frauen verstärkt die geschlechtsspezifische Arbeitsaufteilung, bei der die Ausübung des Pfarramts durch einen Mann implizit als Norm gesetzt ist. Freilich legt die Autorin ihre Sample-Strategie nicht offen und merkt selbst an, dass statistische Daten zur weiteren Fundierung ihrer Thesen notwendig wären. Vertiefende Studien zu dieser interessanten Fragestellung wären wünschenswert. Den Bedarf einer Pastoraltheologie, die den Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit mit anderen zentralen Fragen des Pfarramts in Zusammenhang stellt, führt dieser vielfältige Sammelband eindrucksvoll vor Augen. Dass dabei einzelne Beiträge nicht ganz dem Niveau einer wissenschaftlichen Publikation entsprechen und sich über den Band hinweg argumentative Redundanzen ergeben, ändert nichts daran, dass die Herausgeberinnen insgesamt ein lesenswertes Buch zu einem wichtigen Thema vorgelegt haben.

Simone Mantei / Regina Sommer / Ulrike Wagner-Rau (Hg.): Geschlechterverhältnisse und Pfarrberuf im Wandel. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2013, 326 Seiten, Euro 33,90.

Katja Dubiski

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