Luthers Kirche und die anderen

Wider dumme Religion und dummen Zweifel: Zeit für eine neue Reformation
Den Empfindungen freien Lauf lassen: Gottesdienst in einer Pfingstgemeinde. Foto: epd/ Anja Kessler
Den Empfindungen freien Lauf lassen: Gottesdienst in einer Pfingstgemeinde. Foto: epd/ Anja Kessler
Neben der großen katholischen Kirche und der kleinen lutherischen Kirche sind in den vergangenen 30 Jahren zahlreiche Pfingstkirchen in Brasilien entstanden, die bei der Bevölkerung sehr beliebt sind. Wie die Lutheraner auf diese Herausforderungen reagieren, erläutert Hans Zeller, Lateinamerikareferent beim Centrum "Mission EineWelt" der bayerischen Landeskirche.

Zu Beginn eine kurze Geschichte, die der ehemalige Vorsitzende des Lutherischen Weltbundes, Gottfried Brakemeier, gerne erzählte: In der Stadt Campinas im Bundesstaat São Paulo bittet ein Mann mittleren Alters den Wächter vor der Tür einer katholischen Kirche um eine Auskunft. Er sucht eine "Parochie der Heiligen Engel". Der Wächter muss passen. Eine solche Parochie kennt er nicht. Da kommt der Priester. "Ah", sagt der, "jawohl. Gehen Sie die Straße hier entlang, unten an der Überführung gleich links. Da gibt es eine Charismatische Kirche der Heiligen Engel. Das ist eine neue Kirche, aber katholisch ist sie nicht." Darauf entgegnet der Mann: "Herr Padre, wissen Sie, ich bin sehr katholisch. Ich gehe oft in die Kirche. Aber man hat mir gesagt, dass die da unten in der neuen Kirche einen starken Segen haben, und ich habe ein Problem zu Hause ..."

Der Fall ist typisch für das, was man "religiöse Binnenwanderung" nennt, das Wechseln von einer Kirche zur anderen, immer unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit. Die Kirche wird zur Dienstleisterin, die je nach Bedarf ausgetauscht werden kann. Es gibt viele Menschen in Brasilien, die schon viele Kirchen "ausprobiert", sich ihrer bedient und sie dann wieder verlassen haben. Diese Offenheit reicht bis in die Familien hinein - mitunter auch mit Spannungen. Der Vater ist katholisch, die Mutter Baptistin, die Tochter besucht die Kirche des Nazareners, der Sohn die Pfingstkirche "Gott ist Liebe" - das ist kein untypisches Muster in Brasilien und zeigt: Die konfessionelle Bindung ist zur Beliebigkeit geworden, die Wanderung von einer Kirche zur anderen Normalität.

In der Volksbefragung von 2012 bekennen sich 65 Prozent der Brasilianer zur römisch-katholischen und 22 Prozent zur evangelischen Kirche. Etwa vier Prozent gehören zu den traditionellen evangelischen Kirchen und 18 Prozent zu den evangelischen Pfingstkirchen. Soweit die Statistik.

Aber niemand will sich in Sachen Religion etwas vorschreiben lassen - auch ist die Institution nicht mehr entscheidend. Vielmehr entscheidet die eigene Erfahrung über den einzuschlagenden Weg. Der Mensch schneidert sich als autonomes Subjekt seine Religion aus Materialien unterschiedlicher Herkunft selbst. Der Traditionsabbruch führte in Brasilien zu einer Vielzahl von Patchwork-Religionen.

Die Volksbefragung 2012 hat nachgewiesen, dass die konfessionellen Wanderungen in den vergangenen Jahren zunehmend innerhalb der Pfingstkirchen stattfanden.

Ein Beispiel dafür ist die Weltkirche der Macht Gottes (Igreja Mundial do Poder de Deus). Sie wurde vor etwa sechs Jahren ins Leben gerufen. Der Kirchengründer nennt sich Apostel Valdemiro. Vor der Kirchengründung war er ein Leiter der Universalen Kirche des Reiches Gottes (Igreja Universal do Reino de Deus). Mit dem Gründer dieser Kirche, Edir Macedo, hatte er sich zerstritten und daraufhin seine eigene Kirche eröffnet. Heute konkurrieren diese Kirchen miteinander. Die Menschen lassen sich von diesem Markt der Religionen bedienen.

Die neuen Pfingstkirchen verfolgen vereinfacht zwei Ziele: Sie versprechen den Besuchern ihrer Gottesdienste Heilung von ihren Krankheiten und wirtschaftlichen Erfolg in ihrem Leben. Damit reagieren die Kirchen auf gesellschaftliche Zustände in Brasilien. Das Gesundheitssystem darf zum Teil als prekär bezeichnet werden, eine gute Behandlung ist sehr teuer. Wenn in so einer Situation die Kirche Heilung verspricht, warum sollte man nicht auch dies ausprobieren?

Ebenfalls spielt in allen Gesellschaftsschichten der wirtschaftliche Erfolg eine große Rolle. Seit Jahrzehnten wird der wirtschaftliche Aufstieg Brasiliens beschworen. In der Sehnsucht nach materiellem Wohlstand spiegelt sich diese Haltung wider. Es geht den neuen Pfingstkirchen nicht darum, dass Menschen eine Gemeinschaft pflegen und sich gegenseitig stützen. Es geht vor allem um das individuelle Fortkommen.

Erschöpftes protestantisches Projekt

Was bedeutet das für die protestantischen Kirchen in Brasilien? Der Religionssoziologe José Bittencourt Filho spricht von der "Erschöpfung des protestantischen Projekts für die brasilianische Gesellschaft". Der Protestantismus sei seinerzeit in dem noch von der katholischen Kirche beherrschten Brasilien als Avantgardist der Moderne begrüßt worden. Dieses Image habe er längst verloren und sei in die Stagnation abgesunken. Sein Sündenfall bestehe darin, dass er die "religiöse Matrix" des brasilianischen Volkes missachtet habe. Die Glaubenswelt des einfachen Volkes sei immer mit dem Verdikt des Bösen, des Minderwertigen, Abwegigen belegt worden. Die Pfingstbewegung habe das anders gehandhabt. Sie sei der religiösen Grundeinstellung der Brasilianer entgegengekommen und pflege eine Frömmigkeit, die ankommt. Mit anderen Worten, das charismatische Element liegt den Brasilianern im Blut. Wobei man darüber streiten kann, wie eine typische brasilianische Frömmigkeit aussehen könnte. Gibt es sie überhaupt? Unstrittig ist, dass sich Religion in Brasilien ausgesprochen emotional äußert. Das Gefühl ist wichtiger als der Intellekt. Man lebt von einer Emotion zur anderen, flieht aus der kalten Welt des Berufs, ja des Alltags überhaupt, der die Seele verkümmern lässt. In der Verehrung des Heiligen und in der religiösen Erfahrung finden die Gläubigen einen Ausgleich, lassen sich hinreißen und bewegen, feiern, klagen und lassen den Empfindungen freien Lauf. Das ist in der katholischen Volksfrömmigkeit mit ihren Prozessionen und ihrer Mystik zwar nicht viel anders. Aber pfingstliche Spiritualität kommt diesem Begehren in besonderer Weise entgegen. Sie öffnet die emotionalen Schleusen. Wie die Erfahrung lehrt, kann dieses charismatische Element mit ethischem Rigorismus verbunden sein. Pfingstgemeinden pflegen einen Verhaltenskodex, der viele aus dem Sumpf holt und sie auf dem Arbeitsmarkt empfiehlt.

Die Evangelische Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (EKLBB) ist vor allem in den ländlichen Räumen mit den Immigranten aus Zentraleuropa im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhundert entstanden. Die Immigranten, die nach Südbrasilien und in den Mittelosten Brasiliens auswanderten, bildeten die ersten evangelischen Gemeinden. Der brasilianische Staat hatte sie aus Angst davor gerufen, dass die im eurozentrischen Denken als minderwertig angesehenen Afrobrasilianer zur Mehrheit im Land werden könnten. Gleichzeitig hatten die europäischen Auswanderer den Ruf, dass sie gute Arbeiter seien. Deshalb bekamen sie Land, das sie mit Fleiß urbar machten.

Dieser Hintergrund prägte die evangelischen Kirchengemeinden in Brasilien. Bis in die Siebzigerjahre hinein war die Kirche vor allem in den ländlichen Räumen zu Hause und auch stark ethnisch gebunden. Zudem war für die lutherischen Kirchen in Brasilien Bildung von Anfang an eine wichtige Aufgabe. Die Auswertung der Volksbefragung von 2012 hat bestätigt, dass die Mitglieder der EKLBB vor allem zur Mittelschicht gehören, die sich auch durch eine gute Bildung auszeichnet, mit entsprechendem Anspruch an die Verkündigung. Bildungsfernere Schichten tun sich hingegen schwer mit dieser Art von Kirche, die so stark intellektuell ausgerichtet ist. In der Völkervielfalt grenzten sich die Gemeindeglieder der EKLBB häufig von den Menschen anderer Herkunft ab. Mit großem Einsatz hatten sie sich schließlich in dem neuen Land hochgearbeitet, da fiel es schwer, sich für diese anderen Schichten in der brasilianischen Gesellschaft zu öffnen.

In deren Vielfalt droht die kleine lutherische Kirche unterzugehen. Sie bringt es auf knapp 0, 4 Prozent der Gesamtbevölkerung und ist vor allem in den südlichen Regionen des Riesenlandes beheimatet. Sie muss sich nicht nur gegen die Giganten der katholischen Kirche einerseits und die "Evangelicos" andererseits durchsetzen, sondern sich zudem dem Sog anderer Strömungen entgegenstemmen.

Das tut sie: In den vergangenen Jahrzehnten ist Mission zu einem vorrangigen Thema der EKLBB geworden. Aus einer Einwandererkirche wurde eine missionarische Kirche, die auf die Menschen zugeht und sie für das reformatorische Erbe zu begeistern sucht. Auf diesem Weg sind große Fortschritte zu verzeichnen. Trotzdem ist noch ein gutes Stück des Weges zu gehen.

Religiosität boomt, der Glaube kriselt

Denn schon der oberflächliche Blick zeigt die Unvereinbarkeit zahlreicher Phänomene der religiösen Gesellschaft Brasiliens mit lutherischem Glauben und Denken. Es scheint eine neue Reformation angesagt, möglicherweise tiefgreifender als jene im 16. Jahrhundert. Die Reduzierung des Heils auf eine käufliche Ware, die Verwechslung von Glaube und Ekstase, die Ausbeutung der Naivität des Volkes, das alles fordert zum Widerspruch heraus. Religion bewegt viel Geld in Brasilien. Die Grenze zwischen Volksverführung und echtem Hilfsangebot droht zu verschwimmen. Die kritische Beobachtung des religiösen Geschehens und die daraus folgenden Anfragen gehören mit zu den relevanten Diensten, die die lutherische Kirche auch als Minderheit zu leisten vermag.

Gegenwärtig wird der Ruf nach gesetzlichen Vorgaben für die Kirchen laut, das Bewusstsein für Scharlatanerie auf dem religiösen Markt wächst. An dieser Stelle leistet die EKLBB mit ihrem differenzierten theologischen Nachdenken einen großen Beitrag für die Unterscheidung der Geister. Sichtbar wird dies in der starken Nachfrage von Studierenden aus den verschiedensten Kirchen, die an der Theologischen Hochschule in São Leopoldo studieren möchten, um dort einen Master- oder Doktortitel zu erwerben. Die zahlreichen Schulen, die zum evangelischen Schulverband zählen, sind anerkannt und tragen dazu bei, dass junge Menschen ihr Leben gut ausgebildet gestalten können.

In den Städten denken die Gemeinden über neue Mitgliedsformen nach. Die urbane Welt in Megastädten wie São Paulo, Rio de Janeiro oder Recife stellt eine besondere Herausforderung an eine evangelisch/lutherische Kirche dar. Wie kann Gemeindeleben hier gestaltet werden? Die Kirchen der EKLBB haben in diesem Punkt bereits wertvolle gesammelt und beginnen auch in der Stadtmission neue Wege zu gehen. Zudem setzt die Lutherische Kirche Zeichen mit ihren zahlreichen diakonischen Einrichtungen in den ärmsten Vierteln Brasiliens. In der charismatischen Bewegung ist Diakonie hingegen zu einem Randthema geworden.

Ein weiteres Arbeitsfeld ist die Gestaltung der Gottesdienste, die Musik und die Liturgie werden in den Blick genommen. Die Menschen in Brasilien wünschen sich eine feiernde Gemeinde. Sie lieben es, in den Gottesdienst einbezogen zu werden und etwas vom "Wehen des Geistes" zu spüren. In den lutherischen Gottesdiensten ist die emotionale Dimension, die den Menschen anspricht, mittlerweile stärker zu spüren. Das heißt nicht, dass die Predigt vernachlässigt wird. Doch der Anbetung als Ergriffensein von der Gegenwart Gottes, als Faszination durch das Heilige, wird mehr Raum gegeben. In dieser Hinsicht hat die EKLBB viel von den charismatischen Strömungen gelernt.

Nun hat jede Anpassung Grenzen. Wenn es darum geht, charismatische Erfahrungen zu vermitteln, können die lutherischen Kirchen mit den Pfingstlern nicht mithalten. Aber sollen sie das?

Das charismatisch religiöse Umfeld der EKLBB braucht laut Gottfried Brakemeier nichts dringender als die energische Rückbesinnung auf das Evangelium, so wie es bei der Reformation des 16. Jahrhunderts der Fall gewesen ist. Ihr Ideal war eine bewusst evangelische Kirche. Das muss auch heute das Ziel sein. Es kann nicht darum gehen, irgendwelche religiösen Bedürfnisse zu befriedigen, sondern dem Kommen Gottes vorzuarbeiten, seine Liebe zur Schöpfung zu verkündigen und die Taten des Dreieinigen Gottes zu preisen. Eben deshalb ist daran zu erinnern, dass es einen Unterschied gibt zwischen Glaube und Religiosität. Während diese boomt, steckt jener in einer tiefen Krise. Die Welt weiß nicht mehr, woran sie glauben soll und darf. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die pulsierende Religiosität in gewisser Weise Kompensation für den wankenden Glauben ist.

Die Evangelische Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien hat sich verpflichtet, ein Anwalt des rechten Glaubens zu sein. Es ist eben nicht egal, woran die Menschen glauben. Das Evangelium kann sich weder mit einer "dummen” Religiosität, noch mit einem "dummen” Zweifel abfinden. Glaube braucht Gründe. In deren Vermittlung war Martin Luther ein Meister. Das Wichtigste aber, das die Evangelische Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien bewahrt, ist das Festhalten an den Wurzeln des Glaubens im Christusgeschehen. Denn in ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis (Kolosser 3, 2).

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Hans Zeller

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