Tank und Teller!

Biokraftstoffe können zum Kampf gegen den Hunger beitragen
Foto: privat
Wer allen Ernstes Biokraftstoffe zum Sündenbock für Hunger macht, ist ein mutwilliger Heuchler.

"Tank oder Teller" - mit diesem Slogan wird regelmäßig der vermeintliche Konflikt zwischen Biokraftstoffen und der weltweiten Lebensmittelversorgung bezeichnet. Nichtregierungsorganisationen (NROs) wie Brot für die Welt, Oxfam, die Welthungerhilfe oder Misereor machen seit Jahren mit diesem Slogan erfolgreich Kampagnen mit Plakat- und Presseaktionen - und sammeln damit viele Spenden, insbesondere in der Weihnachtszeit.

Kampagnen müssen vereinfachen und Themen auf den Punkt bringen. Wer aber zu stark vereinfacht, wer wesentliche Zusammenhänge verfälscht und Tatsachen verschweigt, der beginnt, die Unwahrheit zu sagen. Im Fall von Biokraftstoffen ist dies geschehen.

Hunger durch Preise?

Bis etwa zum Jahr 2006 erklärten Experten und NROs, Hunger entstehe durch niedrige Weltagrarpreise: Die Preise waren auf einem historischen Tiefstand, und weltweit hungerten viele Menschen. Hintergrund: In den Achtziger- und Neunzigerjahren gab es eine massive Überproduktion von Nahrungsmitteln in der Europäischen Gemeinschaft, die durch Exportsubventionen in Entwicklungsländer gelangte. Dort haben diese extrem billigen Nahrungsmittel die Märkte für einheimische Produkte nachhaltig ruiniert, so dass viele Kleinbauern aufgeben mussten. Gleichzeitig zahlte die Europäische Gemeinschaft Milliarden für Exportbeihilfen sowie die Lagerung und Vernichtung der Überschüsse. Schließlich beschloss die Europäische Union, Bauern hierzulande Geld dafür zu bezahlen, dass sie ihre Ackerflächen nicht bewirtschaften. Auf den stillgelegten Flächen durften keine Lebensmittel, wohl aber Rohstoffe für Biodiesel und Bioethanol angebaut werden, um die schädliche Überproduktion von Nahrung zu beenden.

Im Jahr 2007/2008 stiegen die Nahrungsmittelpreise auf den Weltagrarmärkten stark an. In der Folge änderten Experten und NROs abrupt und ohne jegliche Erläuterung ihre Argumentation: Nunmehr waren es hohe Weltagrarpreise, die angeblich dazu führten, dass Menschen in Entwicklungsländern sich die Nahrungsmittel nicht mehr leisten konnten und in den Hunger getrieben wurden. Preis- und damit Hungertreiber war nach dieser Argumentation die Biokraftstoffherstellung.

Beide Erklärungen verschwiegen, dass hohe und niedrige Preise unterschiedliche Auswirkungen auf Konsumenten und Produzenten landwirtschaftlicher Güter haben. Wichtig ist: Auch wenn Weltmarktpreise steigen, hat dies nicht automatisch zur Folge, dass Lebensmittel in Entwicklungsländern teurer werden. Nach einer neuen Studie der Universität Gießen im Auftrage des Biokraftstoffverbandes werden nur rund 18 Prozent des Weltmarktgeschehens auf die Binnenmärkte von armen Ländern übertragen. Die Preise in solchen Ländern werden im Wesentlichen gebildet durch staatliche Eingriffe in die Märkte, hohe Transportkosten, schlechte Infrastruktur und mangelnde Marktanbindung. Dies ist offenkundig zu kompliziert für Spendenaufrufe von Brot für die Welt, Oxfam und Misereor, da funktioniert eine Polemik gegen Biokraftstoffe sehr viel besser.

Vielfältige Gründe

Tatsächlich sind die Gründe für Hunger vielfältig und haben mit der Biokraftstoffproduktion nichts zu tun. Hunger entsteht durch korrupte Regierungen, Armut, mangelnde Investitionen in die Landwirtschaft, Wetterextreme und Kriege. Es gibt weltweit ausreichend Nahrungsmittel, aber in Industrieländern wie Deutschland werden etwa 25 Prozent ungenutzt weggeworfen. Gleichzeitig verderben in Entwicklungsländern rund 40 Prozent der Lebensmittel auf dem Weg vom Feld zum Konsumenten wegen schlechter Lagerhaltung und mangelhafter Infrastruktur. Doch sowohl die absolute Zahl der Hungernden als auch der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung sind in den vergangenen Jahren rückläufig, und zwar aufgrund erfolgreicher Maßnahmen zur Armutsbekämpfung: Ein ausreichendes Einkommen ist die beste Versicherung gegen Hunger. Lokale Landwirtschaft fungiert gleichermaßen als Einkommens- und Nahrungsmittelquelle, sofern Absatzmärkte für die Produkte vorhanden und erreichbar sind. Ein wesentlicher Grund für Armut ist der Mangel an bezahlbarer Energie, zum Beispiel für Transporte. Bioenergieprodukte wie Biodiesel können wesentlich zur Eigenversorgung beisteuern und damit zur Hungerbekämpfung beitragen. Der Slogan müsste also heißen: "Tank UND Teller!"

Den Hunger zu bekämpfen, heißt folglich, auskömmliche Landwirtschaft in den Ländern des globalen Südens zu ermöglichen. Biokraftstoffe haben dabei geholfen, EU-Dumpingexporte zu reduzieren. Wer allen Ernstes Biokraftstoffe zum Sündenbock für Hunger macht, ist ein mutwilliger Heuchler.

Elmar Baumann ist Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Biokraftstoffindustrie.

Elmar Baumann

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