Globaler Überblick

Christen und der Erste Weltkrieg
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Greschats Buch macht deutlich, wie sehr eine grundsätzliche Neubestimmung des Christentums nach dem I.Weltkrieg notwendig war.

Der Erste Weltkrieg war, wie Kurt Tucholsky einmal schrieb, auch die Zeit der Gründung eines "Schützengrabenliebengottes". Er bezog das auf Deutschland, und gegen diese "Verschmutzung unserer Sitten" prägte er den Satz: "Nein, die Sittenlehre ist kein Irrlicht". Ein Irrlicht war dagegen die Kriegstheologie zweifellos, und sie hatte ihre bedenklichen Vorläufer, spätestens als seit dem Deutsch-Französischen Krieg die Gründung des Deutschen Reiches in manchen Kreisen als Vollendung der Reformation gefeiert wurde und der spätere Berliner Hofprediger Adolf Stoecker in der Kaiserproklamation von Versailles die "Spur Gottes von 1517 bis 1871" glaubte erkennen zu können. Das alles ist mehrfach und eindringlich beschrieben worden.

Es fehlt aber, wie Martin Greschat, emiritierter Ordinarius für Kirchengeschichte an der Universität Gießen und Honorarprofessor an der Universität Münster, in seiner kompakten Studie über die Christenheit im Ersten Weltkrieg schreibt, insgesamt an staatenübergreifenden Studien. Nicht nur im Deutschen Reich, so seine Ausgangsthese, sondern in allen kriegsführenden Staaten begriffen sich die Christen sowohl als Verteidiger ihres Vaterlandes als auch der Kultur und des Christentums insgesamt und sahen dabei Gott mit enormer Selbstverständlichkeit als "Schützengrabenliebengott", als Mitkombattanten im eigenen Lager. Aus der Friedensbotschaft des Evangeliums wurde lagerübergreifend die Verkündigung eines brutalen nationalen Götzen.

Man erinnert sich heute nur noch mit verständnislosem Befremden an solche Auswüchse wie die Adventspredigt des Londoner Bischofs Winnington-Ingram 1915, in der er von einem großen Kreuzzug sprach mit dem Ziel, die Deutschen, nicht um des Tötens willen, zu töten, sondern um die Welt und das Christentum zu retten. Auf französischer Seite verbündete sich in diesem heiligen Krieg die Marianne der Revolution nicht selten mit der Jungfrau Maria, und das Scheitern des deutschen Vorstoßes an der Marne wurde gern dem Eingreifen der Mutter Gottes auf Seiten der Franzosen gegen die "Hunnen" zugeschrieben.

Otto Dibelius (1880 bis 1967) glaubte, das Scheitern der rationalen Kalkulationen des Gegners, nach denen Deutschland schon längst hätte zusammenbrechen müssen, sei einer Wirklichkeit zu verdanken, "die sich nüchterner Betrachtung entzieht", nämlich der "Macht des Glaubens". Der katholische Bischof von Rottenburg wünschte dem deutschen Heer den "Sieg des Gottesreichs über die Finsternis", und für den protestantischen Berliner Oberhofprediger Ernst von Dryander befand sich die "freie, deutsche, an Gott gebundene Persönlichkeit" auf einem Kreuzzug gegen "die Instinkte der ungeordneten Masse". Auch die usa trafen mit dem Kriegseintritt 1917 eine Entscheidung zwischen "Finsternis und Licht". Nie zuvor, so Greschat, erreichte die Kriminalisierung und Pathologisierung des Gegners solche Ausmaße. Die Preisgabe der christlichen Substanz trug nicht unerheblich zur Radikalisierung des Krieges bei. Alle Welt kämpfte gegen eine "Achse des Bösen" auf der jeweils anderen Seite.

Die Unerbittlichkeit, diesen Kampf bis zur endgültigen Niederlage des Gegners und zum vollständigen Sieg der eigenen Seite zu führen, hatte, wie Greschat eindringlich zeigt, auch viel mit solchen kulturellen Sinngebungen zu tun, in denen der französische calvinistische Pastor Henri Barbier schon 1914 den "Bankrott unseres Christentums" erblickte. Greschats Erkenntnisinteresse hat viel mit dieser gefährlichen religiösen Aufladung von Politik zu tun, die der britische Philosoph John Gray noch unlängst als bis in die Gegenwart des Irakkriegs reichende "Politik der Apokalypse" beschrieb. Er zeigt aber auch, wie weit die Regressionen des Glaubens gehen können, wenn der "Altar des Vaterlandes" zur bestimmenden Weihestätte wird. Der Tod auf dem Schlachtfeld kann dann leicht zum Opfer in der Nachfolge Christi pervertiert werden, das Stoßgebet vor dem Einsatz zur magischen Beschwörung.

Die von vielen verblendeten Geistlichen erhoffte Geburt einer neuen Volkskirche aus Not und Gefahr heraus hat sich nirgends erfüllt. Greschats Buch, das einen globalen Überblick über solche unterschiedlich ausgeprägten Pathologien auch in den neutralen Ländern und Kolonien gibt, macht noch einmal deutlich, wie sehr eine grundsätzliche Neubestimmung des Christentums nach diesem Krieg notwendig war. Und bis heute bleibt.

Martin Greschat: Der Erste Weltkrieg und die Christenheit. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2014, 164 Seiten,Euro 24,90.

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Rolf Hosfeld

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