Ein Gott, der Fahnen entrollt

Auf den Kanzeln wird im August 1914 eine Gesinnung deutlich, die nach dem Krieg weiter wirkt
Berliner strömen am 1. August 1914 zu einem Bittgottesdienst im Dom. Foto: akg-images
Berliner strömen am 1. August 1914 zu einem Bittgottesdienst im Dom. Foto: akg-images
Ein klassischer Vertreter der deutsch-evangelischen Kriegspredigt war der Berliner Hof- und Domprediger Bruno Doehring (1879-1961). Der Berliner Kirchenhis-toriker Manfred Gailus gibt Kostproben dieses Kanzelredners und zeigt, dass die Kriegsbegeisterung solcher Kirchenmänner nicht nur die Folge nationalistischer Verblendung war.

Es war zweifellos der große Moment seines Lebens, als er am 2. August 1914 von den Stufen des Berliner Reichstags herab in einem spontanen Gottesdienst zur Menschenmenge auf dem Königsplatz sprach. Der Krieg hatte noch nicht einmal ganz begonnen, da begründete der Berliner Hof- und Domprediger Bruno Doehring mit seiner Ansprache die Tradition der evangelischen Weltkriegspredigt. Dieser Krieg, verkündete er, sei den Deutschen aufgezwungen worden. Es handle sich folglich um einen gerechten Verteidigungskrieg, hervorgerufen durch eine Verschwörung von Feinden ringsum. "Ja, wenn wir nicht das Recht und das gute Gewissen auf unserer Seite hätten", rief der Domprediger der Menge zu, "wenn wir nicht - ich möchte fast sagen handgreiflich - die Nähe Gottes empfänden, der unsere Fahnen entrollt und unserem Kaiser das Schwert zum Kreuzzug, zum heiligen Krieg in die Hand drückt, dann müssten wir zittern und zagen. Nun aber geben wir die trutzig kühne Antwort, die deutscheste von allen deutschen: 'Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!'."

Die Kriegseuphorie, von der viele Deutsche im Spätsommer 1914 ergriffen wurden, war von religiöser Hochstimmung begleitet. In den Kirchen deutete man das Gemeinschaftserlebnis des August als Anbruch einer neuen Zeit. Der Krieg wurde in den evangelischen Kirchen (und kaum minder bei den Katholiken) freudig begrüßt, religiös überhöht und theologisch gerechtfertigt. Immer wieder war von einem "heiligen" oder "gerechten Krieg" der christlichen Deutschen gegen eine imaginierte Welt von Feinden die Rede. Als Fingerzeig Gottes, als Rückkehr eines vom Unglauben bedrohten Volkes zu Gott - so oder ähnlich deuteten evangelische Pfarrer, Theologieprofessoren und Publizisten die historische Stunde. Die Leitung der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union, der mit Abstand größten deutschen Landeskirche, formulierte in einer Erklärung vom 11. August 1914: "Scheinbar erstorbene Glaubensfunken leuchten wieder auf (...). Man kann sagen: ein Feld weiß und reif zu einer Geistesernte liegt vor uns!" Was mochte wohl damit gemeint sein? Viel Not und Tod, so die Erwartung der Kirchenführung, würden nun kommen und zu einer neuen, frommen Ernsthaftigkeit des Lebens führen und der während einer langen, allzu langen Friedenszeit seit 1870/71 eingerissenen Indifferenz und frivolen Leichtfertigkeit ein Ende setzen. Kirche, Glaube, Abendmahl, Seelsorge und Gebet würden nun wieder gefragt sein.

Stimmungsberichte über die ersten Kriegswochen schienen eine solche Erwartung zu bestätigen. Paul Vetter, Pfarrer in Berlin-Friedenau, erinnerte sich Jahre später geradezu wehmütig an die hochgestimmten Spätsommertage: Am 5. August, anlässlich eines vom Kaiser angeordneten "Kriegsbettages", hätten die Menschen seine Kirche geradezu gestürmt: "Ein Abendgottesdienst war ursprünglich geplant, dann noch Vormittagsgottesdienst. 5 Gottesdienste haben wir gehalten. Als die Kirche um 10 Uhr gefüllt war, holten die Gemeindeglieder die nicht beschäftigten Pastoren aus ihrer Studierstube, und im Nu waren der Gemeindesaal besetzt und die Treppen, dann musste der Jünglingssaal aufgeschlossen werden, um die nach Gottes Wort dürstende Menge zu fassen. So ging es in den ersten Kriegswochen Sonntag für Sonntag, obwohl wir jeden Abend Kriegsbetstunden hatten."

Der Andrang zum Abendmahl sei gewaltig gewesen. Häufig sei spontan eine Abendmahlfeier verlangt worden, wenn plötzlich der Befehl zum Ausmarsch kam. Oder jemand habe an die Tür der Sakristei geklopft: "Herr Pastor, ich kann nicht mehr zum hl. Abendmahl bleiben. Geben Sie mir ein gutes Wort für Leben und Sterben mit." Junge Paare begehrten die Kriegstrauung, darunter nicht wenige, die schon lange verheiratet waren und die nun, so Pfarrer Vetter, unter dem "erschütternden Ernst des Kriegsbeginnes den einst verschmähten göttlichen Segen der Trauung für sich und die Taufe für ihre Kinder" wünschten. Die evangelischen Landeskirchen stellten sich mit ihren geistlichen und materiellen Ressourcen in den Dienst dieses Krieges. Nicht selten war von geistlicher Mobilmachung die Rede. Bezeichnend für die Gesinnung in Theologenkreisen war eine von 172 Berliner Pfarrern unterzeichnete Petition, worin sie gegen den Ausschluss vom Waffendienst protestierten und - wie andere Berufsstände auch - die Ehre beanspruchten, das Vaterland mit der Waffe verteidigen zu dürfen. Im Allgemeinen wurde jedoch diesem Drang zu den Waffen von den Kirchenbehörden nicht stattgegeben. Zum direkten Fronteinsatz kamen vor allem die jungen Theologen, sofern sie beruflich und familiär noch nicht etabliert waren. Amtierende Pfarrer blieben zumeist im Pfarramt und damit im geistlichen Dienst an der "Heimatfront". Sie sahen sich als Prediger, Seelsorger und Publizisten dazu berufen, der deutschen Kollektivseele im Krieg zu dienen. Und das hieß dann stets auch: vaterländische Gesinnungspflege, Aufrechterhaltung der Opferbereitschaft, Bekräftigung von Durchhaltewillen und Siegeszuversicht.

Rückten Pfarrer ein, kamen sie zum Einsatz ohne Waffen, als Feldgeistliche oder als Sanitäter. Im Verlauf des Weltkrieges gelangten annähernd 1?400 evangelische Feldgeistliche zum Einsatz. An der "Heimatfront" erfolgte die Kriegsbeteiligung in Form hochpatriotischer Gottesdienste, "Kriegsandachten" und "Kriegsbetstunden". Darüber hinaus entfaltete sich ein umfassendes System der "Kriegsseelsorge": systematisch gepflegte Briefkontakte zu den Soldaten im Feld, die Grüße aus der Heimat und religiöse Erbauungsschriften erhielten. Hinzu kamen Sammlungen und "Liebesgaben" für Soldaten und die Betreuung der vom Krieg betroffenen Familien, besonders der Kriegerwitwen.

"Ein feste Burg" als Kriegslied

Schließlich flossen aus den Kirchen erhebliche Mittel der unmittelbaren Kriegsfinanzierung zu. Gemeinden und vermögende Gottesdienstbesucher zeichneten Kriegsanleihen, und nicht zuletzt spendeten Gemeinden ihre Kirchenglocken, deren Metall umgeschmiedet wurde.

Zum eigentlichen Medium protestantischer Kriegsbegleitung gerieten die "Kriegspredigten". Der Berliner Pfarrer Ferdinand Vogel schreibt in seinen Memoiren, er habe am 23. August in der Sophienkirche seine erste Kriegspredigt über Römer 8, 31-39 gehalten, die er in seinen Erinnerungen vollständig dokumentiert: "Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein! - so ist es in diesen Wochen seit Ausbruch des Krieges durch unser ganzes Volk hindurchgegangen. Die Zahl derer, die wider uns sein wollen, ist nicht gering. Zu den Hassern und Neidern, die in Europa über uns hergefallen sind, hat sich in diesen Tagen auch noch das Inselvolk im fernen Ostasien gesellt, und wir werden uns kaum wundern, wenn sich noch irgendein Volk hervorwagen sollte, das da meint, jetzt sei gelegene Zeit, ganz offen zu stehlen. Einer solchen Welt von Feinden gegenüber ist Luthers Trutzlied 'Ein feste Burg ist unser Gott' unserem Volke geradezu zum allgemeinen Kriegslied geworden..."

Immerhin, im Unterschied zu so vielen anderen Predigern, ließ Vogel sich nicht völlig vom nationalen Rausch überwältigen. So trägt seine Predigt zumindest stellenweise Züge von Besonnenheit. Welches Recht haben wir denn als ganzes Volk, so fragt er die Predigthörer, Gott für "uns" in Anspruch zu nehmen? Warum sollte Gott mit den Deutschen sein und nicht mit unseren Feinden? Gott handelt, so hören wir, nicht allein mit den einzelnen Menschen, sondern auch mit den Schicksalen ganzer Völker. Gott habe den Deutschen viel gegeben, womit sie zum Bau seines Reiches beigetragen hätten: "Luthers tiefinnerliche Glaubenskraft, Schillers und Kants hohen Flug der Gedanken, Bismarcks und des alten Kaisers Volksgefühl, wie es in der sozialen Gesetzgebung zur Tat ward. (...) Du deutsches Volk, Gott hat dich noch zu etwas Gutem und Großem bestimmt."

Häufig knüpften evangelische Prediger an den vielfach beschworenen heroischen "Geist der Befreiungskriege" gegen die napoleonische Fremdherrschaft an. Den gravierenden Unterschied, dass 1914 bis 1918 nichtdeutsche Gebiete von fremden Truppen besetzt waren, sondern alle wesentlichen Kriegsschauplätze außerhalb der Reichsgrenzen lagen, übersahen sie.

Bruno Doehring und seine Mitstreiter am Berliner Dom können als Avantgarde der aggressiv-vaterländischen Kriegspredigt gelten. Geboren 1879 im ostpreußischen Mohrungen als Sohn eines Landwirtes, war er 1914 vom Kaiser zum jüngsten Hof- und Domprediger berufen worden. Im Krieg und durch den Krieg wurde er zu einem der prominentesten Kanzelredner der Hauptstadt. Seine Predigten fanden in Flugschriften in hoher Auflage Verbreitung. Die Titel seiner Predigtsammlungen aus der Kriegszeit sprechen für sich: Ein feste Burg. Predigten aus eherner Zeit (1915); Die Religion des Schlachtfeldes. Eindrücke und Gedanken (1916); Gott und wir Deutsche. Gedanken zur Gegenwart (1917).

Herausgegriffen sei Doehrings Sonntagspredigt "Stark und reif! Gedanken zur Gegenwart", die er am 15. April 1917 vor zwei- bis dreitausend Besuchern im Berliner Dom hielt. Da war der Enthusiasmus des August 1914 schon einem desillusionierenden Kriegsalltag gewichen. Kontroverse Debatten über deutsche Kriegsziele und Friedensangebote griffen um sich.

Unsere Feinde seien dabei, so Doehring, uns im Innersten, am "inwendigen Menschen", in unserem Glauben und Gottvertrauen zu erschüttern. Aber Deutschland könne niemals untergehen, selbst wenn "wir" nach heldenmütigem Kampf fallen sollten: "Wohnt Christus in unserem Volk, dann mögen sie uns hinmorden wie die Juden einst unsern Herrn, aus unserm Grabe steht das neue Deutschland auf!" In seiner Ansprache verlieh der Domprediger dem deutschen Volk die Weihe eines Erlöservolkes, das in einem auserwählten Nahverhältnis zu Gott stehe und in diesem Krieg beauftragt sei, eine göttliche Mission an der verdorbenen Welt auszuführen.

Welches wird denn das Volk sein, das die in das Chaos gestürzte Welt werde erretten können? "Kein Zweifel, das muss ein starkes und reifes Volk sein. Das muss geschlossen dastehen und geführt werden von Männern, die des Geistes Gottes voll sind. In diesem Volk müssen sich Kräfte auswirken, die genau das Gegenteil sind von dem rücksichtslosen Geschäftssinn Englands, von dem blinden Hass Frankreichs, von der unklaren Gewaltsamkeit Russlands, von der infamen Treulosigkeit Italiens, von dem tierischen Beutehunger Rumäniens und von der hirnverbrannten Verlogenheit der amerikanischen Dollarkönige. Machen wir es uns nur klar ohne Selbstüberhebung und Eigendünkel: würde man uns Deutsche so hassen, würde die Gemeinheit der ganzen Welt so einhellig sich gegen uns erheben, wenn man nicht den dringenden Verdacht und die unheimliche Befürchtung hegte: wir wären am Ende doch das Volk, das am ehesten vor allen anderen, wenn es seiner Gaben und Kräfte sich bewusst bleibt und sie in klarer Erkenntnis von dem Werte solches seines Besitzes noch weiter ausbaut, befähigt sein müsste, dem Recht auf Erden zum Siege zu verhelfen?" "Werde stark im Glauben und reif in der Liebe", so Doehrings Appell, denn Gott habe noch große Dinge mit den Deutschen vor. Sein Aufruf an die Gottesdienstbesucher atmete bereits den Geist der wenige Monate später gegründeten "Deutschen Vaterlandspartei", einer fanatisch auf Annektionen zielenden imperialistischen Durchhalte- und Siegfriedenspartei.

Man muss lange suchen, um andere, mehr friedfertige Stimmen unter den evangelischen Geistlichen zu finden. Gewiss wird man die fünf Berliner Pfarrer Karl Aner, Walter Nithack-Stahn, Otto Pleß, Friedrich Rittelmeyer und Rudolf Wielandt dazu zählen, die im Oktober 1917 eine Erklärung im Sinne der Friedensresolution der Reichstagsmehrheit vom Juli 1917 publizierten. Angesichts des "fürchterlichen Krieges" sprachen sie sich dafür aus, im Namen des Christentums jeglichen Krieg als Mittel der Auseinandersetzung unter den Völkern zu ächten und für den Frieden zu kämpfen.

Aber die große Mehrheit ihrer Kollegen fand das unerhört. Und eine scharfe Gegenerklärung, unterschrieben von etwa 160 Pfarrern der Hauptstadt, ließ nicht lange auf sich warten: "Es gibt nur zweierlei für das deutsche Volk: Sieg oder Untergang! Wenn wir erst den Sieg errungen haben, wird es an der Zeit sein, den Engländern und Franzosen unsere Bereitschaft zur Versöhnung kundzutun (...) Einstweilen haben wir noch ein Recht zum heiligen Zorn. Dieses Recht haben uns die Feinde vor Gott und den Menschen in vollem Maße gegeben. Wir wollen es wahren und mit den Versöhnungsangeboten warten, bis wir durch Kampf und Not den Feind besiegt und uns und unseren Kindern die Freiheit und den Frieden gesichert haben."

Dieser Geist kann als repräsentativ für die evangelischen Pfarrer gelten, auch noch im vierten Kriegsjahr 1917. Diese Gesinnung entsprach ganz dem Geist der am 2. September 1917, dem Sedanstag, gegründeten "Deutschen Vaterlandspartei". Zahlreiche Pfarrer, gelegentlich komplette Pfarrerversammlungen, kirchliche Vereine und Verbände schlossen sich ihr an.

Von ihr führte eine Linie zur Deutschnationalen Volkspartei der Weimarer Republik, zu den Freikorps und zur völkischen Bewegung sowie zum "Stahlhelm" und auch zur Hitlerpartei.

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Manfred Gailus

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