Heilsamer Perspektivenwechsel

Geschlecht ist mehr als wir meinen
Was weiblich ist und was männlich, steht nicht ein für alle Mal fest, sondern wird jeweils gesellschaftlich ausgemacht.

m April dieses Jahres wurde das "Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie" in Hannover eröffnet. Es ist die Nachfolgeinstitution des Frauenstudien- und -bildungszentrums (FSBZ) der EKD. Mit der Namensänderung geht eine Akzentverschiebung einher: Während früher vor allem feministische Ansätze leitend waren, hat das neue Zentrum nicht nur Frauen im Blick. Es orientiert sich stärker an den Methoden und Einsichten der Genderforschung und bildet damit einen Wechsel ab, der sich in den vergangenen Jahren im Bereich der Kulturwissenschaften und der Theologie vollzogen hat.

Feministische Theorien haben zu Recht auf patriarchale Strukturen in Gesellschaften aufmerksam gemacht und auf das Übersehen von Frauen in Geschichte und Gegenwart hingewiesen. Dabei wurden meist nachdrücklich die Differenzen von Frauen und Männern herausgestrichen: Männer seien eher rational und sachorientiert, Frauen beziehungsorientierter, empathischer und sinnlicher. Begründet wurde dies nicht selten biologistisch, mit der sexuellen Empfänglichkeit der Frau und ihrer Gebärfähigkeit.

Die Genderforschung vermeidet derartige Festlegungen. Sie stellt demgegenüber heraus, dass biologische Beschaffenheiten nicht notwendig zu bestimmten Formen von Frau- und Mann-Sein führen, sondern dass diese Kategorien kulturell geprägt sind. Was weiblich ist und was männlich, steht nicht ein für alle Mal fest, sondern wird jeweils gesellschaftlich ausgemacht. Auch die Aufgabenverteilung von Männern und Frauen in Familie und Beruf ist nichts Statisches, sondern ebenso veränderbar. Ziel ist dabei nicht, Erwerbstätigkeit gegenüber Familienarbeit aufzuwerten (so als ob nur erwerbstätige Frauen "ganze" Frauen seien), vielmehr geht es darum, einengende Rollenzuschreibungen und Verhaltenserwartungen aufzubrechen.

In der Genderforschung wird wahrgenommen, dass nicht nur Männer, sondern auch Frauen an derartigen Rollenzuschreibungen Anteil haben und nicht nur Frauen, sondern auch Männer an ihnen leiden. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen wird durch beide Seiten gestaltet und verändert. Weiter wird so berücksichtigt, dass die Unterschiede in Bezug auf vermeintlich "weibliche" und "männliche" Eigenschaften innerhalb der Geschlechter mitunter größer sein können als die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Schließlich wird anerkannt, dass ein strikter Geschlechterdual von "Mann" und "Frau" ein gesellschaftliches Kons-trukt ist, das die tatsächliche Breite natürlicher Geschlechtlichkeit nicht abbildet. Nicht jeder Mensch wird als Mann oder Frau geboren. Jedes zweitausendste Kind in Deutschland hat kein eindeutiges Geschlecht. Es ist genauso ein von Gott gewollter Mensch. Insofern steht unserer evangelischen Kirche das Studienzentrum für Genderfragen gut zu Gesicht. Es hilft ihr, das Verhältnis der Geschlechter auch in der Kirche qualifiziert und differenziert zu durchdenken. Denn die für die Reformatoren zentrale Rechtfertigungslehre sieht zuerst den von Gott gewollten und angenommenen Menschen. Dieser kann in der Freiheit des Christenmenschen bestimmte, vorherrschende Geschlechterrollen genauso annehmen wie hinterfragen.

Christiane Tietz ist Professorin für Systematische Theologie in Zürich, Mitherausgeberin von zeitzeichen und Mitglied im Vorstand des Studienzentrums der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie.

Christiane Tietz

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