Höhe der Zeit

Eine philosophische Theologie
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Volker Gerhardts Überlegungen kommen wie in einem Kaleidoskop aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder auf die zentralen Begriffe des Ganzen, des Sinns und des Göttlichen zurück.

Gut hundert Jahre nachdem Friedrich Nietzsche Gott für tot erklärt hat, veröffentlicht der renommierte Berliner Philosoph und Nietzsche-Spezialist Volker Gerhardt eine philosophische Theologie. "Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche" lautet der Titel der Studie, in der Gerhardt die Rationalität des Glaubens begründet und entfaltet. Anders als sein amerikanischer Kollege Ronald Dworkin ("Religion ohne Gott") verzichtet Gerhardt dabei nicht auf einen personalen Gottesbegriff, ja er zeigt, dass es vor dem Hintergrund der Erfahrung individueller Personalität durchaus plausibel ist, auch im Zentrum des Ganzen der Welt ein personales Gegenüber zu denken.

Allerdings darf man sich dieses Gegenüber nicht als gegenständlich existierend vorstellen. Gerhardt könnte darum mit Dietrich Bonhoeffer sagen: "Einen Gott, den 'es gibt', gibt es nicht."

Ausgangspunkt von Gerhardts Analyse ist das alltägliche Phänomen des Glaubens. Jede und jeder glaubt in einem weiten Sinn: dass auch morgen die Sonne wieder aufgeht, dass das Gehalt gezahlt wird, dass das Leben einen Sinn hat. Und es ist keineswegs so, dass dieser Glaube in einem Widerspruch zum Wissen steht, im Gegenteil: Glauben und Wissen lassen sich nicht trennen, sie sind vielmehr aufeinander angewiesen. Denn wir müssen an unser Wissen glauben und erst recht an einen das Ganze der Welt und des Wissens fundierenden Sinn. Der Glaube ist, so gesehen, eine bestimmte Einstellung zum Wissen. Es geht Gerhardt hier um Glauben im Sinne von Vertrauen, nicht um ein Fürwahrhalten unbeweisbarer Tatsachen.

Wenn nun dieses Grundvertrauen ins Dasein sich reflexiv und affektiv auf das Ganze von Selbst und Welt bezieht, ist, so Gerhardt, die Schwelle zum religiösen Glauben überschritten. Denn die in diesem Akt vorausgesetzte Einheit von Selbst und Welt könne "gar nicht anders als göttlich begriffen werden" - im Einklang jedenfalls mit einer großen Tradition, die Gerhardt in der Philosophie bei Heraklit beginnen lässt und deren Fortgang er über Parmenides, Platon und Paulus bis hin zu Kant skizziert. Mit Platon und Kant ist es ihm dabei wichtig, das Göttliche nicht in ein Jenseits der Welt zu verlegen, sondern als sinnstiftende und tragende Instanz des Ganzen zu verstehen - als "Sinn des Sinns". Er kann vor diesem Hintergrund auch sagen: "Für den Gläubigen ist Gott die Welt, mit der man eins sein kann."

Als christlicher Theologe fragt man sich bei solchen und anderen Sätzen allerdings, ob hier nicht die Differenz zwischen Gott und Welt zu sehr eingeebnet wird. Als philosophisch gebildeter Atheist hingegen mag man sich gelegentlich auch an die Tradition der Gottesbeweise erinnert fühlen. Diese will Gerhardt zwar nicht erneuern, aber seine Argumentation läuft schon darauf hinaus, dass wir als denkende Menschen nicht umhin können, "ein Göttliches anzunehmen, das allem Bedeutung verleiht".

Zur Kirche, in die er nach 25 Jahren wieder eingetreten ist, hat er ein wohlwollendes Verhältnis, würdigt ihren Beitrag zum Aufbau einer humanen Weltkultur und mahnt sie zur Unabhängigkeit gegenüber dem Staat.

Volker Gerhardts Überlegungen kommen wie in einem Kaleidoskop aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder auf die zentralen Begriffe des Ganzen, des Sinns und des Göttlichen zurück. Momente der Wiederholung, Variation und Vertiefung empfehlen das Buch nicht unbedingt zur Lektüre zu vorgerückter Stunde. Um die Vieldimensionalität und Komplexität dieser Erörterung des Sinns des Sinns zu erfassen, braucht es unbedingt einen wachen Geist. Der allerdings profitiert von dieser philosophischen Theologie auf der Höhe der Zeit.

Volker Gerhardt: Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche. Verlag C. H. Beck, München 2014, 357 Seiten, Euro 29,95.

Jörg Herrmann

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