Image ruiniert

Evangelikale und Republikaner werden vom demographischen Wandel erfasst
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Lange Zeit übten konservative weiße Protestanten einen starken Einfluss auf die Republikaner aus. Heute beschränkt er sich dagegen auf die Vertreter der "Tea Party". Der Washingtoner Journalist Konrad Ege ist den Ursachen dieser Veränderung nachgegangen.

Vor nicht allzu langer Zeit mobilisierte in den USA die konservativ-christliche Organisation "Moralische Mehrheit" (MM), um die Nation vor dem "schleichenden Sozialismus" und einem Untergang zu retten, wie er nach der Überlieferung des Alten Testamentes den Städten Sodom und Gomorra beschieden war. Die christliche Rechte wurde ein bedeutender Machtfaktor in der US-Politik. Doch heute ist die selbsternannte Mehrheit nur mehr eine Minderheit. Ihre Anhänger sind überwiegend Weiße mittleren und gehobenen Alters. Und so sind die Zukunftsaussichten nicht rosig.

Gegründet wurde die "Moral Majority" vor 35 Jahren, im Juni 1979, durch evangelikale Pastoren und Aktivisten, die der Republikanischen Partei nahestanden. Und das war ein Novum. Denn zuvor hatten sich Evangelikale und Fundamentalisten in ihre fromme Welt zurückgezogen. Politik galt als weltlich und sündhaft.

An der Spitze der "Moralischen Mehrheit" stand der 2007 verstorbene Jerry Falwell aus dem Städtchen Lynchburg im Bundesstaat Virginia, Baptistenpastor, Fernsehprediger und ein dynamischer Verfechter der biblischen Wahrheit, wie er sie sah. Die "Moralische Mehrheit" konnte damals glaubhaft versichern, sie repräsentiere mit ihrer Haltung zu Fragen der Familien- und Gesellschaftspolitik viele Amerikaner, wenn auch der Anspruch eine Mehrheit zu vertreten, wohl etwas übertrieben war.

Gegen die "Revoluzzer"

Falwell schrieb über die Gründung: Mehr als 100.000 Pastoren, sowie Millionen Evangelikale und sozialkonservative Gläubige wären "zusammengekommen, um Amerika vor dem moralischen Niedergang" zu bewahren.

Bereits zehn Jahre zuvor hatte der republikanische Präsident Richard Nixon nicht ganz zu Unrecht behauptet, er vertrete die "schweigende Mehrheit" gegen die "langhaarigen Revoluzzer". Und die christliche Rechte war anfangs so erfolgreich, dass der Begriff "evangelikal" gleichbedeutend wurde mit konservativ und, parteipolitisch gesehen, mit republikanisch.

Die "Moral Majority" hatte sich große Aufgaben vorgenommen. Wegen des 1973 legalisierten Schwangerschaftsabbruchs würden "Millionen Babys ganz legal ermordet", hieß es in ihren ersten Broschüren, und der "monogamen Familie mit einem Mann und einer Frau" drohe der Untergang. Die Gleichberechtigung der Frau passte nicht ins Konzept der MM und das Konzept sexuelle Freiheit noch weniger.

Bible-Belt bricht

Das war damals. Junge Evangelikale würden "Stil und Methoden" der christlichen Rechten ablehnen, erklärte kürzlich bei einer Konferenz über die Zukunft des Christentums der Theologe Russell Moore. Er ist Präsident der "Kommission für Ethik" im rund 16 Millionen Mitglieder zählenden Südlichen Baptistenbund, der größten evangelischen Kirche der USA. Ihr gehören viele konservative Evangelikale an.

Im Wall Street Journal ging Moore noch einen Schritt weiter: Der Bibel-Gürtel, die Region im Südosten der USA, in der der evangelikale Protestantismus am stärksten ist, "bricht zusammen". Und: "Wir sind nicht mehr die moralische Mehrheit."

Die Mehrheit der Amerikaner hat heute eine andere Vorstellung von Moral als ihn seinerzeit die "Moral Majority" vertrat. Das Verbot von vorehelichem Sex wird nur noch von sehr wenigen jungen Menschen ernstgenommen. Aber am deutlichsten fällt der Wandel der Moral bei der Bewertung der Homoehe auf: Bei einer Umfrage der "Washington Post" im März 2014 erklärten 59 Prozent, sie befürworteten die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen. Zehn Jahre zuvor hatte sich nur etwa ein Drittel dafür ausgesprochen. In 19 der 50 US-Bundesstaaten ist die Homoehe heute legal. Vorhaltungen von früher, verkündet auch von Pastor Falwell, Gott habe "Adam and Eve" erschaffen und nicht "Adam and Steve", lösen heute bestenfalls ein müdes Lächeln aus.

Starker Generationsunterschied

Gerade bei der Homoehe zeigt sich ein Generationsunterschied. Nach einer Untersuchung des "Public Religion Research Institute" (PRRI) vertreten 69 Prozent der 18- bis 33-Jährigen, aber nur 37 Prozent der über 68-Jährigen die Meinung, die Homoehe solle legalisiert werden.

Ausschlaggebend für den Umschwung der öffentlichen Meinung ist laut PRRI, dass offen lebende Schwule und Lesben im Alltag zunehmend präsent sind. So feierte selbst der ehemalige republikanische Vizepräsident Dick Cheney die Hochzeit seiner lesbischen Tochter mit, und Präsident Barack Obama sprach sich im Frühjahr 2012 erstmals für die Anerkennung der Homoehe aus. Denn, so sagte er, Gespräche im Familien- und Freundeskreis hätten seine Haltung verändert. Und seine Töchter Malia und Sasha waren mit Kindern gleichgeschlechtlicher Paare befreundet. Und führende Unternehmen wie Apple, Microsoft, Ford, Pepsi und die Brauerei Budweiser unterstützen die LGBT Community (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans) mit Spenden oder indem sie Werbespots mit gleichgeschlechtlichen Paaren schalten. Und Spender aus der Wirtschaft dürften mit ihrem Druck bewirkt haben, dass die Pfadfinder nun auch Jugendliche aufnehmen, die ihr Schwulsein nicht verstecken.

Entscheidend für den beschriebenen Wandel sind demographische Faktoren. Die christliche Rechte der USA war schon immer eine weiße Bewegung, so wie auch die Republikanische Partei überwiegend weiße Mitglieder und Wähler hat. Aber nun wächst die Zahl der Latinos, Afro-Amerikaner und Bürger asiatischer Abstammung, während es prozentual immer weniger Weiße gibt.

Weiß und konservativ

Als der Republikaner Ronald Reagan 1980 mit tatkräftiger Hilfe der "Moral Majority" zum Präsidenten gewählt wurde, stellten die Weißen 89 Prozent der Wähler. Bei der Wiederwahl Barack Obamas 2012 waren es noch 72 Prozent. Obama konnte nur eine Minderheit der weißen Wähler gewinnen, während 88 Prozent von ihnen seinen republikanischen Herausforderer, den Mormonen Mitt Romney wählten. Und von ihnen zählte etwa die Hälfte zum konservativ-christlichen Spektrum. Die Unterstützung der Weißen hat Romney bekanntlich nicht zum Sieg gereicht.

Die Rassendynamik zeigte sich bereits in den Anfangsjahren der Moral Majority. Wie der Religionswissenschaftler Randall Balmer ausführt, waren die Gründerväter der Bewegung, weiße evangelikale Pastoren, in den Siebzigerjahren besonders besorgt über ein neues Gesetz, dem zufolge nach Rassen getrennte Privatschulen nicht länger als gemeinnützig galten und von der Steuer befreit waren: Und das traf vor allem christliche Privatschulen im Süden der USA, die gegründet worden waren, nachdem die staatlichen Schulen ab Mitte der Fünfzigerjahre farbenblind wurden, oft gegen den heftigen Widerstand weißer Bürger. Weiße evangelikale Südstaatler gingen auf Distanz zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung oder widersetzten sich ihr gar.

Die heute oft vorgebrachte These, für die politische Mobilisierung der konservativen Evangelikalen sei die Legalisierung der Abtreibung entscheidend gewesen, muss nach Balmers Überzeugung hinterfragt werden. So sei Abtreibung bei den Südlichen Baptisten kein großes Thema gewesen. Jedenfalls hätten sie sich 1971 für Gesetze ausgesprochen, die Abtreibung bei "klarem Hinweis" auf schwere Gesundheitsschäden beim Fötus gestatten und wenn die "emotionale, psychische oder physische Gesundheit der Mutter" nachweisbar bedroht ist.

Bündnis mit "Papisten"

Beim Protest gegen die Abtreibung konnten die konservativen Evangelikalen allerdings Brücken zur römisch-katholischen Kirche bauen, den "Papisten", mit denen sie zuvor nicht viel zu tun haben wollen. Die römisch-katholischen Bischöfe hatten die Legalisierung von Anfang an scharf kritisiert. Und schließlich fanden sich konservative Evangelikale und katholische Abtreibungsgegner zu einem Zweckbündnis zusammen, das bis heute hält.

Problematisch erwiesen hat sich für die evangelikalen Kirchen und das Image der Christen insgesamt die Allianz mit den Republikanern. Pastor Falwelll hatte Ronald Reagen und dessen Vizepräsidenten George Bush als "Gottes Instrumente" gelobt, "um Amerika wieder aufzubauen". Die Nähe zur Macht war für Evangelikale verlockend, aber ihre Glaubwürdigkeit litt darunter.

Heute distanzieren sich in den USA besonders junge Menschen von der organisierten Religion. Alle Kirchen verlieren Mitglieder, nicht nur liberale, sondern auch der Südliche Baptistenbund, das Paradepferd des konservativen Protestantismus.

Der Baptistentheologe Russell Moore kommt zum Schluss, der Rückgang der christlichen Rechten sei schlecht für Amerika, aber gut für die Kirche, die sich nun auf ihre "prophetische Rolle" konzentrieren könne.

Räume werden frei

Viele konservative Evangelikale engagieren sich in den rechten Tea-Party-Gruppen. Aber denen geht es nicht hauptsächlich um Moral. Ihr Gegner ist vielmehr eine vermeintlich übermächtige liberale Bundesregierung. Die rechten Evangelikalen haben in der Republikanischen Partei nach wie vor Gewicht. Sie stellen deren Stammwähler. Und die möglichen republikanischen Anwärter für die kommende Präsidentschaftswahl nehmen entsprechend Rücksicht.

Der Gouverneur von Louisiana, Bobby Jindal, sprach im Mai bei Begegnungen mit evangelikalen Pastoren in der von Falwell gegründeten Liberty University viel von seiner Bekehrung zum Christentum, die gegen den Willen seiner hinduistischen Eltern erfolgt sei. Im Wandschrank versteckt habe er die Bibel gelesen. Und der Gouverneur von Texas, Rick Perry, ließ sich vor kurzem zum zweiten Mal taufen. Er rechtfertigte diese Wiedertaufe mit der Begründung, seinen christlichen Glauben bestätigen zu wollen.

William Lawrence, der an der texanischen Southern Methodist University Geschichte lehrt, weist darauf hin, dass es im Lauf des vergangenen Jahrhunderts in der US-Christenheit mehrere "Gezeitenwechsel" gegeben habe und sich Auseinandersetzungen zwischen konservativen und progressiven Strömungen abgewechselt hätten: Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hatten sich evangelische Kirchen sozial engagiert und für die Armen stark gemacht. Mitte des 20. Jahrhunderts gaben staatstragende, ökumenisch orientierte Kirchen den Ton an. Der konservative evangelikale Trend fand dagegen erst gegen Ende des Jahrhunderts Zulauf.

Das Zeitalter der konservativen evangelikalen Bewegungen ist in den USA zur Neige gegangen. Die "Moral Majority" wurde 1989 aufgelöst. Eine neue Studie des Think Tanks "Brookings Institute", der der Demokratischen Partei nahesteht, kommt zum Schluss, dass gesellschaftlicher Raum frei werde für progressive Christen und Forderungen nach wirtschaftlicher Gerechtigkeit. Die Sorge um das wirtschaftliche Auskommen und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich beschäftige viele Amerikaner. Die heutige politische Konstellation sei mit der unmittelbar vor der Bürgerrechtsbewegung in den Sechzigerjahren vergleichbar, als "religiöse und säkulare Progressive" zueinander gefunden hätten, heißt es in der Studie über "wirtschaftliche Gerechtigkeit und die Zukunft der fortschrittlichen Gläubigen".

Konrad Ege

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