Brasilien, Brasilien

Walfänger und Missionare
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Erfolgreich zu sein, heißt in Brasilien, ein Weißer zu sein.

Manchmal dauert es eben dreißig Jahre, bis die Zeit für ein Buch reif ist. "Brasilien, Brasilien" erschien in seiner Heimat erstmals 1984 und vier Jahre später in Deutschland, doch erst im vergangenen Herbst - Brasilien war Ehrengast der Frankfurter Buchmesse - hat man den Roman neu aufgelegt. "Es lebe das brasilianische Volk", titelt das Original und es ist das Volk Brasiliens, das zu Wort kommt, die geschundenen, geplagten Menschen, meistens schwarzer Hautfarbe. Ribeiros Schreibweise ist magischer Realismus, verwurzelt in der Realität.

Und nicht nur deshalb sei vorweg gesagt: Dieses Buch ist keine leichte Kost. Unzählige Personen, große zeitliche Sprünge vom siebzehnten ins neunzehnte, zwanzigste Jahrhundert, wechseln einander in rasanter Geschwindigkeit ab. Anfangs kommt die Handlung ein wenig unübersichtlich daher, so, als könne sich Ribeiro nicht entscheiden, wer sein Protagonist sein soll. Der verbrecherische Baron Perilo Ambrosio, der Maulheld, der sich selbst "Held der Unabhängigkeit", "Quelle des Wohlwollens" nennt? Der brutal mordet, raubt und seine Sklavinnen vergewaltigt? Oder ist es der Aufsteiger namens Amleto? Hinter dem der Leser getrost den Namen Hamlet vermuten darf, denn dessen Vater war Engländer und hatte seine geschwängerte schwarze Geliebte nach kurzer Affäre verlassen. Dieser gerissene Amleto avanciert zum Geschäftsführer des fetten Barons und versteht es, mit allerlei Tricks sich dessen Vermögen anzueignen. Mit dem gesellschaftlichen Aufstieg verleugnet er mehr und mehr seine schwarzen Wurzeln. Er geht der Sonne sorgfältig aus dem Weg und seine dunkelhäutige Mutter darf ihn nur heimlich besuchen. Mit gutem Grund, denn erfolgreich zu sein, heißt in Brasilien, ein Weißer zu sein. Erfolglosigkeit bedeutet, nicht nur schwarz zu sein, sondern zudem Demütigungen einstecken zu müssen.

Immer wieder lässt Ribeiro einen gegen den anderen antreten, sich jeden mit jedem verbrüdern: weiße Walfischfänger, Zuckerbarone, Sklaven, die mächtigen Götter Afrikas und ihr Zauber, die kirchlichen Würdenträger, Missionare und der christliche Glaube. Alles befindet sich in einem südamerikanischen Chaos, erzählt voller Kraft, Dynamik und Magie. Am Herzen liegt Ribeiro auch die Geschichte der verrückten Gestalten, der Hexen, Indianer und entflohenen Sklaven. Sie spielen ihren Part, ohne zu begreifen: Was sind das für seltsame Wesen, die vom Meer her eindringen und sie quälen, erniedrigen, zur Arbeit zwingen und ihnen einen Gott präsentieren, der, sichtlich schwach, an einem Kreuz hängt? Wer sind die anderen, die da kommen, um sich mit diesen Wesen zu streiten, sie zu bekämpfen? En passant erfahren die Leser, dass einem Menschenfresser die Holländer am besten schmecken, während die Jesuiten eher zähe Kost sind. Handlungsort ist zum größten Teil die Insel Itaparica, nah der alten Hauptstadt des Bundesstaates Salvador da Bahia, wo João Ubaldo Ribeiro 1941 geboren wurde. Er studierte in Nordamerika Politikwissenschaft, arbeitete als Dozent und Journalist und lebte als Stipendiat in Lissabon und Berlin. Heute wohnt er in Rio de Janeiro, doch Itapatarica bleibt für ihn der Mikrokosmos Brasiliens.

Der Roman zieht sich etwa bis in das Jahr 1977, und dass sich an der Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung bis dahin nichts geändert hatte, beweist der Schluss: Zwar gibt es längst keine Sklaverei mehr, doch von Gleichstellung ist noch nichts zu spüren. Anekdoten, Legenden, Fantasien, Lügen - auch der Leser bleibt verwirrt. Die Historie ist verschwommen und unkommentiert und so obliegt es ihm, sich das entweder selbst zu entschlüsseln oder sich diesem Roman von epischer Länge einfach hinzugeben.

João Ubaldo Ribeiro: Brasilien, Brasilien. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 734 Seiten, Euro 16,99.

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Angelika Hornig

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