Erinnerungskultur

Geschichte kann spannend sein
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Dieses Nachschlagewerk regt zur kursorischen Lektüre an und verführt unversehens dazu, sich festzulesen und andernorts weiterzuforschen.

Luther war nicht der einzige Reformator, und auch wenn man Melanchthon, Calvin und Zwingli hinzunimmt, sind noch nicht alle benannt.

Neben den großen Initiatoren, Luther voran, gab es viele handelnde und denkende Personen, die sich in der und für die Reformation engagierten - auch diese also waren "Reformatoren". Sie in den Blick zu bekommen, dazu kommt ein Reformatorenlexikon gerade recht. Nicht alle sind in dem hier vorliegenden aufgeführt, insofern ist der Titel ein wenig irreführend. Es wird vielmehr eine repräsentative Auswahl geboten: 38 männliche, zwei weibliche Reformatoren werden in dem Band in Einzelartikeln von kundigen Autoren vorgestellt.

Nur zwei Frauen? Nun ja, Frauen hatten damals bekanntermaßen nicht nur in der Kirche zu schweigen. Im Prinzip jedenfalls. Umso erstaunlicher, dass sich einige Frauen nicht daran hielten. Argula von Grumbach etwa, eine Adelige: Sie ließ sich unverdrossen auf theologische Dispute ein, und zwar in einer so frischen, allen Scheuklappen abholden Weise, dass sie damit selbst Luther entzückte. Dass aber kluge Frauen schon damals einen verständnisvollen Mann im Hintergrund (wie ja immer auch umgekehrt) brauchten, lässt sich vermuten - nach dem Tod ihres Gatten verstummte Argula von Grumbach.

Den Herausgebern, beides Kirchengeschichtler, lag bei ihrer Auswahl wohl an dem Nachweis, dass die Reformation eine europaweite Bewegung war - über die zahlreichen innerevangelischen Gräben, die die Reformationszeit bestimmten, hinweg. So findet sich hier zusammen, wer zu Lebzeiten kaum an einem Tisch gesessen hätte, etwa ein Nikolaus von Amsdorf, den man, wollte man despektierlich sein, als den Streithammel des Luthertums bezeichnen könnte, und Balthasar Hubmeier. Der war akademisch gebildeter Theologe und Täufer dazu, außergewöhnlicher Weise so etwas wie ein Ordo-Täufer, der der Obrigkeit geben wollte, was der Obrigkeit ist. Das schützte ihn nicht: Der König von Böhmen und spätere Kaiser Ferdinand I. ließ ihn A. D. 1528 in Wien nach obligatorischer Folter als Ketzer verbrennen.

Wer kennt schon noch Bernardino Ochino, 1487 in Siena geboren und vor 450 Jahren, 1564, gestorben? Ochino wirkte unter anderem in Genf, Augsburg, England und schließlich in Zürich. Dort aber ereilte ihn nach immerhin acht Jahren sein Geschick: Er veröffentlichte "Dialogi XXX", 30 Dialoge, in denen er zentrale Glaubensaussagen diskutierte, ohne sich der zeitüblichen unbedingten Entschiedenheit anzupassen, die als alleiniger Ausweis von Glaubensfestigkeit galt. Die Züricher, allen voran Heinrich Bullinger, waren empört, zumal erschwerend hinzukam, dass sich Ochino "beißende Bemerkungen über die reformierte Pfarrerschaft" erlaubt hatte. Der Italiener landete zwar nicht auf dem Scheiterhaufen, musste aber Zürich im Dezember 1563 mit Weib und Kind verlassen und starb kurz darauf im mährischen Exil. - Nebenbei erinnert ein Literaturhinweis zu diesem Eintrag an den weitgehend vergessenen Königsberger Kirchengeschichtler Karl Benrath (1845-1924), der die wohl einzige größere Monographie (1875) über Bernhardino Ochino geschrieben hat.

Ein hierzulande nicht unbedingt bekannter Reformator ist Primus Truber (1507/09 - 1586). Er stammt aus einem Ort bei Laibach (Ljubljana), hatte in Wien die Hinrichtung Hubmaiers erlebt und wirkte vornehmlich in Württemberg. Er übersetzte die Psalmen und das Neue Testament ins Slowenische und wurde so zum Begründer der slowenischen Schriftsprache. Für die später von seinem Schüler Georg Dalmatin erstellte vollständige Bibelübersetzung gab es im k.k.-Reich eine kuriose Ausnahmeregelung: Sie durfte in den durch die Gegenreformation fast vollständig auf den alten Glauben verpflichteten slowenisch sprechenden Reichsteilen ausnahmsweise im katholischen Gottesdienst verwendet werden, wenn die Pfarrer sich verpflichteten, das Vorwort auszustreichen ohne es zu lesen.

Kurioserweise ist in Slowenien heute der 31. Oktober Feiertag. Er gilt dem Nationalhelden Truber; seinem Porträt können wir auf einer Ein-Euro-Münze begegnen. Mit einem Wort: Dieses Nachschlagewerk regt zur kursorischen Lektüre an und verführt unversehens dazu, sich festzulesen und andernorts weiterzuforschen. Damit erinnert es an etwas, das für jede Erinnerungskultur lebenswichtig ist: Geschichte kann spannend sein. Die Geschichte der Reformation ist es.

Irene Dingel/Volker Leppin (Hg.): Das Reformatorenlexikon. Lambert Schneider Verlag, Darmstadt 2014, 304 Seiten, Euro 39,90.

Helmut Kremers

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