Eine Nation dank Fußball

Wenn die "Seleção" spielt, geht es auch um die Identität Brasiliens
Geglückte Generalprobe: Brasiliens Team gewinnt den Confed-Cup 2013 im eigenen Land. Foto: dpa/AP/ Andre Penner
Geglückte Generalprobe: Brasiliens Team gewinnt den Confed-Cup 2013 im eigenen Land. Foto: dpa/AP/ Andre Penner
Alle vier Jahre gönnt sich Brasilien einen Nationalfeiermonat: Die Fußballweltmeisterschaft. Sie ist immer auch Anlass, die Identität des Landes neu zu bestimmen. Dabei war fast immer heilig, was dem Fußball diente. Das ist vorbei, seit Bürger gegen soziale Kollateralschäden und das Diktat der FIFA demonstrieren. Der in Brasilien lebende Autor Martin Curi erklärt, warum die Fußballgeschichte des Landes auch eine politische ist.

Am 7. September begeht Brasilien seinen Nationalfeiertag, an dem man der Unabhängigkeit von Portugal im Jahre 1822 gedenkt. Es werden zwar Militärparaden abgehalten, aber die breite Bevölkerung interessiert sich kaum dafür. Irgendwie hängt der ganzen Vorführung noch zu sehr der Mief der Militärdiktatur an.

Ganz anders ist das bei Fußballweltmeisterschaften (WM), ein nationales Ritual, dem niemand entgehen kann. Sie definieren das brasilianische Selbstverständnis und stellen es dar. Nicht jeder mag von den lokalen Vereinen Corinthians und Palmeiras fasziniert sein, aber an die WM 1998 kann sich jeder erinnern, der alt genug dazu ist.

Ganz Brasilien gibt sich bei einem Spiel der Nationalmannschaft für neunzig Minuten einem nationalen Ritual hin. Banken und Geschäfte sind geschlossen, Regierung und Militär außer Kraft gesetzt. Kurzum: Das Land befindet sich im Ausnahmezustand. Mehr noch als Karneval, Weihnachten und der Unabhängigkeitstag ist die alle vier Jahre stattfindende Weltmeisterschaft ein Ereignis, das die ungeteilte Aufmerksamkeit aller auf sich zieht, das öffentliche Leben lahmlegt und die nationale Identität zum Diskussionsthema macht. Kurzum: Brasilien begeht alle vier Jahre einen Nationalfeiermonat. Wie kam es dazu?

Erst einmal wurde der Fußball durch einen Zufall zum Nationalsport, denn die Engländer brachten ihn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zusammen mit Eisenbahnlinien, Telegrafenleitungen und Gasrohren.

So gründeten sich in den Anfangsjahren der Fußballgeschichte Brasiliens regionale Verbände und Ligen. Die wichtigsten befanden sich in der Hauptstadt Rio de Janeiro und ein weiterer Verband im aufstrebenden Wirtschaftszentrum São Paulo. In beiden Städten gab es bereits spielstarke Klubs und Ligen, die von den lokalen Landesfürsten organisiert und finanziert wurden. Beide Verbände verstanden Fußball als Amateursport. Das war wichtig, denn nur reiche Söhne der Oberschicht konnten es sich leisten zu trainieren, ohne dafür bezahlt zu werden. Parallel zu diesen Amateurverbänden existierten auch Ligen mit Arbeitervereinen, die ihre Spieler bezahlten. Das Amateurideal war also ein Instrument der Klassentrennung, und das bedeutete in der Regel eine Benachteiligung der dunkelhäutigen Bevölkerung.

Abbild der Unruhen

Die Berufung der Nationalspieler für die ersten drei Weltmeisterschaften 1930, 1934 und 1938 war bestimmt von Diskussionen über soziale, ethnische und regionale Diskriminierung oder Bevormundung. Der Fußball wurde zu einem wichtigen Instrument innerhalb politischer Auseinandersetzungen.

Noch im Jahr 1929 schienen Politik, Wirtschaft und Sport fest in der Hand der alten Landoligarchien zu sein. Präsident des Landes war der ehemalige Gouverneur von São Paulo, Washington Luís, der als Vertreter der Kaffee-Aristokratie galt. Die Regierung des Landes wurde nicht durch freie und allgemeine Wahlen gebildet, sondern durch Abkommen zwischen mächtigen Großgrundbesitzern der beiden reichen "Kaffee-mit-Milch"-Agrarstaaten São Paulo und Minas Gerais. Und diese bestimmten auch, was im Fußball geschehen sollte.

Am "Schwarzen Freitag" 1929 aber brach in New York die Börse ein und vernichtete weltweit die Preise für diverse Agrarprodukte, darunter den des Kaffees. Die brasilianische Elite sah sich der größten Krise ihrer Geschichte ausgesetzt. Gleichzeitig schritt die Industrialisierung der großen Zentren rasch voran. Das hatte zwei Konsequenzen: Zum einen wuchs eine neue städtische Industrieelite heran, zum anderen bildete sich eine riesige Masse an Fabrikarbeitern. Die neuen erfolgreichen Fußballvereine wie die Corinthians und Palestra Italia in São Paulo oder Vasco da Gama in Rio de Janeiro bezogen ihr Geld, ihre Zuschauer und ihre Spieler aus diesen neuen sozialen Schichten.

Für den Oktober 1930 waren Wahlen angesetzt. Angesichts der Krise versuchte Staatspräsident Washington Luís, seine Wahlmänner ruhig zu halten, um sein Amt gegen Ende des Jahres wie geplant an einen Vertreter aus Minas Gerais weiterzugeben. In Bezug auf die Nationalmannschaft suchte er ein salomonisches Urteil und entschied, dass Brasilien durch den Verband Rio de Janeiros vertreten werden würde, die Spieler aber je zur Hälfte aus São Paulo und der Hauptstadt kommen sollten. Dem Fußballverband São Paulos genügte dieser Kompromiss jedoch nicht. Die Nationalmannschaft wurde daher von ihm boykottiert, und am 8. Juli 1930 bestieg ein lediglich von Spielern aus Rio de Janeiro gebildetes Team den Dampfer Conte Verde, um die Reise zur WM nach Montevideo anzutreten. Die Seleção ("Auswahl", so wird die Nationalmannschaft genannt) war ein Abbild der inneren Unruhen des Landes.

Nur wenige Monate nach dem Weltturnier kam es in Brasilien zu einem politischen Umsturz. Getúlio Vargas, Gouverneur des südlichsten Bundesstaates Rio Grande do Sul, nutzte die Schwäche der traditionell starken Politiker der zentralen Bundesstaaten Brasiliens: Indem er volksnahe Forderungen stellte, gelang es ihm, die unzufriedenen Kräfte in Industrie und Militär zu bündeln. Er putschte Washington Luís aus dem Amt und erklärte sich selbst zum Präsidenten Brasiliens. Damit begann die Zeit einer autoritären national-populistischen Regierung, die bis 1945 andauern sollte.

Vargas gilt als Gründer des modernen Brasiliens. Er strukturierte den Staatsapparat um, verabschiedete auf Druck der Industriearbeiter neue Sozialgesetze und erweiterte das Wahlrecht. Unter ihm wandelte sich das Land von einem Agrar- zu einem Industriestaat. 1933 wurde der Profifußball gesetzlich zugelassen, 1941 mit der Gründung des Nationalen Sportbeirats eine zentrale staatliche Verwaltung des Sports gebildet.

Immer mehr farbige Spieler

War Brasilien vor Vargas Machtergreifung noch durch den tiefen Gegensatz zwischen weißer Elite und von Sklaven abstammenden schwarzen Arbeitern gekennzeichnet, so sollte dieser nun überwunden werden. Den intellektuellen Unterbau dafür lieferte der brasilianische Soziologe Gilberto Freyre, der in seinem 1933 veröffentlichten Buch "Herrenhaus und Sklavenhütte" die Ansicht vertrat, dass die Präsenz der afrikanischstämmigen Bevölkerung nicht mehr als Nachteil, sondern als Vorteil interpretiert werden sollte. Vargas nahm diese Idee auf und machte sie zu einem wichtigen Bestandteil der nationalen Identität.

Der Fußball war für diese Politik das richtige Instrument. Mit der Aufhebung des Amateurstatus kamen immer mehr dunkelhäutige Spieler aus der Unterschicht in die obersten Fußballligen. Sie begannen nach 1934 auch das Bild der Nationalmannschaft zu bestimmen und konnten so die von Vargas gewünschte Einheit des Landes symbolisieren. Bei der WM 1938 kam es zu einem spektakulären Auftaktspiel, das Brasilien mit 6:5 gegen Polen gewann. Im Viertelfinale folgte zunächst ein 1:1 gegen die Tschechoslowakei, ehe der 2:1-Sieg im Entscheidungsspiel zum Einzug ins Halbfinale berechtigte. Die brasilianische Öffentlichkeit jubelte. Man konnte es kaum glauben: Das dunkelhäutige Team aus Brasilien hatte tatsächlich die für so überlegen gehaltenen weißen Europäer geschlagen.

Gilberto Freyre schrieb daraufhin einen Kommentar in einer brasilianischen Tageszeitung, der Berühmtheit erlangen sollte: Er argumentierte, dass die Brasilianer nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer ethnisch gemischten Mannschaft gewonnen hätten. Die Vorzüge der Rassen hätten sich in der Mannschaft addiert. Ihre größte Stärke sei jedoch das individuelle Können, die Spontanität, die künstlerischen Dribblings und der lyrische Tanz gewesen, den die afrobrasilianischen Spieler auf dem Platz zelebriert hatten. Das sei die wahre Charakteristik nicht nur des brasilianischen Fußballs, sondern der brasilianischen Nationalität.

Vargas hatte nun jenes nationale Symbol, das die Einheit des Landes darstellte. Aushängeschild war der farbige Spieler Leônidas, der mit acht Treffern WM-Torschützenkönig geworden war. Obwohl Brasilien das Halbfinale mit 1:2 gegen Italien verlor, wurde die Seleção bei ihrer Rückkehr frenetisch gefeiert.

Von da an investierte die Vargas-Regierung bis zu ihrem Ende 1945 stark in den Fußball. Es wurden neue Stadien gebaut, wie das São Januário in Rio de Janeiro oder das Pacaembú in São Paulo. Der Präsident nutzte diese Bühnen, um seine Volksnähe zu zeigen. Die starke staatliche Förderung ist sicherlich der wichtigste Grund dafür, dass Fußball die Bedeutung erlangen konnte, die er heute hat.

Besonders bei WMs wurde von nun an anhand von Fußballdiskursen die Lage der Nation diskutiert. Die Themen passten sich der jeweiligen Aktualität an. Zum Beispiel wurde bei der Heim-WM 1950 das Konzept der Rassendemokratie und somit das Zusammenleben der verschiedenen Ethnien diskutiert. 1982 war die politische Öffnung nach zwanzig Jahren Militärdiktatur das Thema. 1998 wiederum argwöhnten die Brasilianer, dass sie das WM-Finale gegen Frankreich aufgrund von ausländischen Einflüssen, durch den französischen Staat oder einen nordamerikanischen Sponsor, verloren hätten. Brasilien sah sich als Dritte-Welt-Land, das ein Spielball kapitalistischer Kräfte sei.

Zwölf Fußballtempel errichtet

Das aktuellste Beispiel, wie Brasilien die Lage der Nation anhand eines Fußballturniers diskutiert, sind die Massendemonstrationen beim Konföderationenpokal im Juni 2013. Nach 1950 wird Brasilien 2014 zum zweiten Mal WM-Gastgeber sein. Sehnsüchtig haben die Brasilianer auf diesen Moment gewartet. Als Sepp Blatter dann endlich den Zettel mit dem Namen "Brasilien" in die Kameras hielt und somit den WM-Gastgeber 2014 bekanntgab, wähnten die Brasilianer eine goldene Zukunft vor sich.

Der FIFA wurde von da an jeglicher Wunsch vom Munde abgelesen. Natürlich kamen ihre Mitarbeiter in den besten Hotels mit den besten Speisekarten unter. Dem König Fußball wurden mit den zwölf neuen Stadien wahre Tempel erbaut, für die man weder Kosten noch Mühen gescheut hat. Dafür wurden schon mal ein paar Menschen zwangsumgesiedelt, neue Gesetze erlassen und der Stadioninnenraum komplett umgestaltet.

Damit hoffte man, als modernes und wohlhabendes Land in den Kreis der Nationen der Ersten Welt aufgenommen zu werden: Heraus aus der Misere, Wohlstand für alle, alle Brasilianer sollten an dem Fußballfest teilhaben können, das sollte die demokratischen Werte stärken.

Doch der WM-Boom führte zu einer so massiven Preissteigerung, dass jede Lohnerhöhung von der täglichen Inflation aufgefressen wurde. Die Renovierung der Stadien führte zu einer Vervielfachung der Eintrittspreise, und so wurde ein Großteil der Bevölkerung auch von diesem Nationalsport ausgeschlossen. Und: Eckpfeiler der eigenen Kultur, wie das fröhliche Feiern auf den Stehplätzen, sollten verboten werden. Die goldene Zukunft war in weite Ferne gerückt

Nicht mehr zu stoppen

Es kam zur Reaktion: In den zwei Wochen vor dem Konföderationenpokal gab es in São Paulo Proteste gegen die Erhöhung der Bustarife. Diese hatten an sich nichts mit Fußball zu tun. Aber beim Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Japan in Brasilia stand dann eine nicht zu übersehende Gruppe an Demonstranten, in erster Linie Studenten mit Verbindung zu politisch linksgerichteten Gruppen, vor den Stadiontoren und machte auf sich aufmerksam. Noch entscheidender war wahrscheinlich, dass im Stadion Präsidentin Dilma Rousseff ausgebuht wurde, als sie die Spiele eröffnen wollte. So wurde der Protest landesweit im Fernsehen übertragen, wenn auch im Stadion ganz andere Leute waren als vor dem Stadion.

Von da an war die Protestbewegung nicht mehr zu stoppen. Täglich hörte man von immer größeren Märschen in weiteren Städten. Die Teilnehmer der Demonstrationen wechselten. Konnte man bei den ersten Umzügen noch klar die Fahnen von Gewerkschaften und Parteien des linken Spektrums erkennen, wurden diese Symbole jetzt attackiert. "Das geeinte Volk braucht keine Parteien", wurde zum übergreifenden Slogan. Im Fernsehen sah man mehrfach Demonstranten, die sagten, sie setzten sich einfach für "ein besseres Brasilien" ein.

Aber was ist das? Da gehen die Meinungen wohl auseinander. Die auffälligsten Forderungen waren der Wunsch nach einem besseren Transportsystem, besserer Bildung, besserem Gesundheitssystem und der Ablehnung von Homophobie und Korruption. Daneben forderte man eine Verfassungsänderung, die eine Reform der Staatsanwaltschaft möglich machen sollte.

Das Auftreten der FIFA und mit ihr die in die Organisation der WM eingebundenen Regierungskreise wurden als antidemokratisch und autoritär wahrgenommen. Der Protest hat sich wohl am Empfinden entzündet, dass der Fußball Brasilien gehört und nicht der FIFA. Somit sollte das brasilianische Volk entscheiden, wie es seine WM organisiert.

Es wird deutlich, dass sich Brasilianer im Vierjahresrhythmus der Fußballweltmeisterschaften ihre Geschichte erzählen, in der sie ihre Weltanschauung und ihre Identität definieren. Es wird eine Standortbestimmung vorgenommen, in der das Land sich in erster Linie im Gegensatz zu Europa und damit zu den ehemaligen Kolonialmächten positioniert. Dabei versucht man, diesen sowohl ähnlich zu sein, also reich, modern und nicht zuletzt hellhäutig als auch anders, also kreativ, flexibel, emotional und dunkelhäutig.

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Martin Curi

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