Zwischen den Stühlen

Wie ein deutscher evangelischer Theologe in Israel den Nahostkonflikt hautnah erlebt
In Berlin exotisch, in Jerusalem (Foto) Alltag: orthodoxe Familie in der Straßenbahn. Foto: epd / Debbie Hill
In Berlin exotisch, in Jerusalem (Foto) Alltag: orthodoxe Familie in der Straßenbahn. Foto: epd / Debbie Hill
Der frühere Kölner Pfarrer und langjährige Vorsitzende des Theologischen Ausschusses der rheinischen Landessynode Rainer Stuhlmann ist seit zweieinhalb Jahren Studienleiter in dem christlichen Dorf Nes Ammim, das ein Schweizer Ehepaar 1963 in Nordisrael gründete. Er schildert Begegnungen mit jüdischen Israelis, christlichen und muslimischem Palästinensern und "messianischen Juden".

Bagger und Rüttelmaschine wecken mich am frühen Morgen des Ersten Weihnachtstages und machen mir unmissverständlich deutlich: Ich lebe seit zweieinhalb Jahren in einem Land, in dem eine andere Religion die Leitkultur prägt als das Christentum. Eine heilsame Erfahrung! Schon um zu verstehen, wie es Juden, Muslimen und anderen Minderheiten in unserem Land an ihren Feiertagen ergeht.

Inzwischen weiß ich auch, warum der einzige jüdische Staat dieser Welt jüdisch sein und bleiben muss. Er ist nicht nur für die rund vierhunderttausend Überlebenden der Shoa ein Zufluchtsort, sondern auch für die über fünf Millionen Juden, die der alltägliche Antisemitismus aus aller Welt nach Israel getrieben hat.

Unter ihnen treffe ich Lydia (68). Sie ist in Großbritannien aufgewachsen. Die einzige Jüdin in ihrer Schule. Mit elf Jahren wurde sie vor die Klasse gestellt, um zu erklären, warum die Juden den Heiland gekreuzigt haben. Als sie mit Achtzehn in London ein Zimmer suchte, scheiterte sie lange an der Regel der Vermieter "keine Hunde, keine Schwarzen, keine Juden". Mit zwanzig reicht es ihr. Sie wandert nach Israel aus.

Wenn Juden und Jüdinnen solche Erfahrungen in unseren Tagen schon in einem westeuropäischen Rechtsstaat machen, wie viel mehr in anderen Gegenden dieser Welt. Wie Lydia sind Millionen nach Palästina gekommen, um wenigstens an einem Platz dieser Erde geschützt und ungestört ganz einfach jüdisch leben zu können.

Judentum als Leitkultur

Nur hier ist Judentum Leitkultur. Nur hier kann man unkompliziert koscher essen, alle jüdischen Feiertage und den Sabbat halten. So sagen Juden, die auf diese Bräuche wert legen. Nur hier ist die Landessprache Hebräisch. Nur hier können Jungen Kipa und Schläfenlocken tragen, ohne gehänselt zu werden. Nur hier können sie sicher sein, dass der Ritus der Beschneidung männlicher Säuglinge nicht über Nacht zum Straftatbestand der Körperverletzung erklärt wird.

Freilich, "Leitkultur" wird in Israel von dem gesamten politisch rechten Spektrum imperial verstanden. Alle Rechte haben nur Juden, Nichtjuden sind dagegen Bürger minderen Rechts. So ist die Demokratie dabei, zur Ethnokratie zu pervertieren. In Deutschland gab es vor zehn Jahren bei der Diskussion um die Leitkultur ähnliche Tendenzen im rechten politischen Lager. Aber so wie ein demokratisches säkulares Deutschland seine durch das Christentum geprägte Leitkultur nicht aufgeben muss, ist auch ein jüdischer Staat denkbar, der so demokratisch ist, dass er Raum lässt für die Kulturen der anderen und ihnen keine Rechte vorenthält.

Gleich am ersten Tag nach meiner Ankunft wird mir ein Schlüssel ausgehändigt, den ich immer bei mir tragen soll. Er passt auf die fünf Bunker im Dorf. Von einer Minute zur anderen wird mir bewusst, dass ich nicht mehr im sicheren Köln lebe, sondern in einem bedrohten Land. Zwei Jahre später wird das zur existenziellen Erfahrung. Gleich neben unserem Dorf wird eine Raketenabschussrampe installiert. Von ihr wird vier Tage später eine Abwehrrakete gestartet, um eine von Islamisten im Libanon abgefeuerte Kassamrakete hoch über unserem Dorf in ungefährlichen Staub zu verwandeln. Eine andere wird verfehlt und schlägt im Nachbardorf ein. Im Süden des Landes machen die Menschen seit über zehn Jahren beinahe jede Woche solche Erfahrungen. Ich lerne: Der israelisch-palästinensische Konflikt ist nur als Teil des Nahostkonfliktes zu beurteilen.

Waffen gepriesen

An nächsten Tag drängt es mich, den Soldaten im Feld vor unserem Dorf zu danken und ihre Waffen als Segen zu preisen, die uns und die jüdischen und palästinensischen Bewohner des Landes beschützen. Das hätte ich mir bei unseren Ostermärschen vor dreißig Jahren kaum träumen lassen.

Mit großem Eifer habe ich mich seit über zwei Jahren auf die Suche nach "messianischen Juden" in Israel gemacht. Gefunden habe ich viele, die sich so nennen, die aber bei genauem Hinsehen doch nur evangelikale Christen sind. Der Unterschied zur deutschen Situation ist lediglich, dass sie hebräisch sprechen. Dass sie Juden bleiben, jüdisch leben und das Judentum an die nächste Generation weitergeben, wird nicht sichtbar. Die Mitglieder sind allesamt Zuwanderer aus Amerika, Osteuropa und Russland.

Ihre Gottesdienste gleichen denen amerikanischer Fundamentalisten, aber nicht Synagogen-Gottesdiensten. Als ich mich in Haifa zu ihrer "Kehila", ihrem Versammlungsort, durchfrage, kann mir keiner weiter helfen, bis am Ende einer sagt: "Ach, Sie meinen die evangelikale Kirche". Seit ich in Israel lebe, hat mich am meisten berührt, wie herzlich ich als Deutscher willkommen geheißen werde. Woran liegt das? "Die ganze Welt hasst uns, nur die Amerikaner und die Deutschen nicht", antwortet ein Sechzehnjähriger ohne Zögern. Dieser Stimme der dritten und vierten Generation der Shoaüberlebenden respondiert die der zweiten. Menschen zwischen fünfzig und siebzig besuchen in Israel Deutschkurse und suchen den Dialog mit den "neuen Deutschen". Sie brechen die Tabus ihrer Kindheit und arbeiten die Verdrängungen in ihren Elternhäusern auf. Israelische Juden und nichtjüdische Deutsche sind dialogfähig geworden. Sie lassen sich selbst und einander nicht mehr auf die Rolle als Opfer und Täter beschränken. Der israelisch-deutsche Austausch in Schule, Sport, Kultur und Wissenschaft bringt seine Früchte. Wandel durch Annäherung.

Die Gretchenfrage

Über kurz oder lang kommt es bei Begegnungen mit jüdischen Israeli zur Gretchenfrage an den Besucher: "Wenn du weder Tourist noch Jude bist - warum kommst du dann nach Israel?" Meine stereotype Antwort wirkt Wunder: "Weil ich dieses Land und seine Menschen mag". Meine Antwort schafft eine Atmosphäre, in der dann auch Kritik möglich wird. So folgt über kurz oder lang mein "Geständnis", dass zu den von mir in diesem Lande geliebten Menschen natürlich auch die Palästinenser gehören, in Israel wie in den besetzten Gebieten. Wenn ich für die Rechte der Palästinenser eintrete, ohne zu einem Feind Israels zu werden, finde ich Verständnis.

Ich wünschte mir, dass die Bundesregierung die mit diesem Vertrauen eröffneten Spielräume für die Nahostpolitik besser nutzen würde als bisher. Es ist einfach nicht wahr, dass Kritik von Ausländern - auch auf Deutsch - an Parlament und Regierung in Israel nicht zugelassen sei. Aber Israelis haben ein feines Gespür dafür, ob diese Kritik ungerecht, unverhältnismäßig oder Ausdruck einer grundsätzlichen Ablehnung des Staates Israel oder des Judentums ist.

"Für die Siedler kenne ich nur einen geeigneten Ort, nämlich ein sicheres Gefängnis", sagt mir ein israelischer Patriot, ein pensionierter Offizier. Israelis haben Belehrungen durch Ausländer nicht nötig. Aber sie sind offen für solidarische Kritik. Dass die Mauer ihnen die Selbstmordattentäter vom Leibe hält, ist emotional so gewichtig, dass die meisten dann gar nicht darauf kommen, dass sie auch ein Instrument der Annexion sein könnte. Kaum ein Israeli hat sie je gesehen, wenn er nicht gerade Soldat oder Siedler ist. Wenn Normalbürger überhaupt jemals in den besetzten Gebieten waren, ist das mehr als fünfzehn Jahre her.

Lernort seit fünfzig Jahren

Ich erzähle in solchen Gesprächen meist von meiner Arbeit als Studienleiter in Nes Ammim, seit fünfzig Jahren ein Lernort für Christen aus Europa. Fast vierzig Jahre wurde hier mit Rosen und Avocados landwirtschaftliche Aufbauarbeit betrieben. Seit der Jahrtausendwende ist Nes Ammim mit seinem koscheren Hotel eine Begegnungsstätte für lokale Dialoggruppen, die dem palästinensisch-jüdischen Verständigungsprozess verpflichtet sind.

Die rund vierzig Freiwilligen verschiedenen Alters, verschiedener Konfession und Nationalität, die das Hotel bedienen, kommen in den Genuss eines aufwendigen Studienprogramms. Es vermittelt sehr unterschiedliche Begegnungen quer durchs Land einschließlich der besetzten palästinensischen Gebiete. Viele von ihnen resümieren zu meiner Zufriedenheit am Ende ihre Erfahrungen mit Sätzen wie: "Ich fahre irritierter nach Hause, als ich gekommen bin", oder: "Ich gehe mit mehr Fragen als Antworten."

Zum Studienprogramm gehören Exkursionen in die besetzten Gebiete und ein dreitägiges Westbankseminar mit Übernachtung in christlichen und muslimischen palästinensischen Familien. Die Freiwilligen gewinnen Eindrücke, die sie zu eigenen Exkursionen in die besetzten Gebiete motivieren. Gespräche in der palästinensischen High School "Talitha Kumi", im Flüchtlingslager Deheishe in Bethlehem und dem "Deutschen Büro" in Ramalla gehören ebenso zum Programm wie das Gespräch mit jüdischen Siedlern, dem herzzerreißenden Besuch in der Altstadt von Hebron und der Hoffnung stiftenden Begegnung mit Daud Nasser im Zelt der Nationen.

Wandel durch Annäherung

Ein Besuch bei der NGO "Karama", die in Bethlehem mit Freiwilligen und Spendengeldern aus Deutschland Sozialarbeit treibt, wurde brüsk abgewiesen. "Wir sprechen nicht mit denen, die mit Siedlern und Kipot (rassistischer Ausdruck für religiöse Juden) sprechen." Das nennen sie "Disnormalisation". Es ist der ideologische Beton in palästinensischen Köpfen und ihrer Sympathisanten, der dem in den Köpfen der israelischen Regierung und ihrer Sympathisanten in nichts nach steht. Wie weiland die Betonköpfe in Ost und West im Kalten Krieg. Dem setzen wir beherzt unser Programm "Wandel durch Annäherung" entgegen.

Jüdische Siedler argumentieren mit einem "Rückkehrrecht" - wie palästinensische Flüchtlinge. Aber anders als diese haben die Siedler mit Hilfe der israelischen Armee die Macht, es brutal durchzusetzen. Mich erinnert es an die politischen Parolen deutscher Vertriebenenfunktionäre in meiner Jugend: "Gebt uns Königsberg zurück!" Zum Glück wurden solche Torheiten durch eine besonnene Politik rechtzeitig verhindert.

Demgegenüber erscheint Galiläa wie die heile Welt eines weitgehend friedlichen Nebeneinanders unterschiedlicher Religionen und Kulturen. "Wir schätzen uns glücklich, dass weder Abraham noch Jesus noch Muhammed jemals hier gewesen sind", lautet die verschmitzte Erklärung des Bürgermeisters von Haifa. Wer seine Reiseerfahrungen also auf Jerusalem und die Westbank beschränkt, kommt zu einem Israelbild, dem Wesentliches fehlt. Zu dieser Einsicht führte im vergangenen Dezember auch der Besuch des Rates der EKD in Nes Ammim.

Gemeinsame WM

In der Nachbarschaft Nes Ammims stößt man sowohl auf Spuren palästinensischer Dörfer, die 1948 zerstört wurden, als auch auf viele unzerstörte palästinensische Dörfer mit christlicher, muslimischer, drusischer und gemischter Bevölkerung. Die Spurensuche lehrt, dass es in diesem Krieg auch jüdische Opfer arabischer Gewaltakte gegeben hat und ein Begriff wie "ethnische Säuberung" in diesem Zusammenhang irreführend ist. Vor Ort ist ein differenzierteres Bild der Ereignisse zu gewinnen als durch Ausstellungen im fernen Deutschland.

In der israelischen Gesellschaft beginnt seit Jahren eine gegenseitige Teilnahme an der kollektiven Trauer. Am Holocaustgedenktag erzählten zunächst jüdische Israelis und nichtjüdische Deutsche einander, was sie von ihren Eltern und Großeltern über die Shoa gehört haben oder was ihnen verschwiegen wurde. Und dann hörten sie gemeinsam den palästinensischen Israelis zu, was diese von ihren Eltern und Großeltern über die "Nakba" gehört hatten, die Leidensgeschichte der Palästinenser bei der Staatsgründung Israels. Sie wurde in Israel Jahrzehnte lang verschwiegen, vor zwanzig Jahren aber von jüdisch-israelischen Historikern ins Gespräch gebracht. Und das wird seitdem in der israelischen Gesellschaft offen und kontrovers diskutiert. Die Studienarbeit in Nes Ammim wahrt keine Neutralität. Sie mischt sich ein. Aber mit wechselnder Loyalität. Sie geht auf dem unbequemen Weg zwischen den Stühlen. Ein betagter orthodoxer Jude sagt mit Tränen in den Augen nach seinem Besuch in Nes Ammim: "Sie tun hier ein heiliges Werk."

"Haben Sie Hoffnung für unser Land?", werde ich oft gefragt. Ja. Sie findet zum Beispiel Ausdruck in einem Cartoon: ein Fußball unter israelischer und palästinensischer Flagge und der Aufschrift "Fußballweltmeisterschaft 2026 in Israel und Palästina".

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Rainer Stuhlmann

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