"Junge, du hast einen Weiberarsch!"

Die Berliner Gemeindesekretärin Christiane Zwank wurde im männlichen Körper geboren
"Die Seele kannst du nicht verändern." Foto: Katharina Lübke
"Die Seele kannst du nicht verändern." Foto:Katharina Lüke
Fast vierzig Jahre fühlte sich Christiane Zwank im falschen, weil männlichen Körper. Sie spielte die Rolle, die einem Mann von der Gesellschaft zugedacht war und arrangierte sich mit der ihr fremden Anatomie - bis sie die Sehnsucht, eins zu sein mit sich, nicht länger unterdrücken konnte.

Hübscher Kerl! Er trägt den Bart voll und den Haarschopf lockig, in der engen Hose steckt das Hemd, unter dem sich seine Muskeln abzeichnen. "Ein richtiger Macho", sagt Christiane. Sie ist es, die in dieser Machohülle auf dem Achtzigerjahre-Schwarzweißfoto steckt. Rauskommen durfte sie zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht. Christiane Zwank ist "transident". Das war sie schon immer, sie ist so auf die Welt gekommen, wie alle transidenten Menschen. 37 Jahre lang steckte sie in dieser "falschen Tüte", wie sie ihren Männerkörper nennt. Das Innere stimmte mit dem Äußeren nicht überein, die Seele, der Geist nicht mit dem Körper.

Momentan hat die 62-Jährige andere Sorgen: "Ist nischt, wenn man alt wird", sagt sie, nimmt das Geschirr vom Tisch und räumt ab. Ihr kurzes Haar leuchtet ebenso rot wie der Rand ihrer Brille. Sie trägt die Regenbogenfarben: im Haar, am schwarzen Poloshirt und als dicke Holzperlenkette um den Hals. Dazu einen kurzen schwarzen Rock, Schürze und Sandalen. Sie ist zum Arbeiten hier, beim wöchentlichen Grillcafé der evangelischen Lindenkirchengemeinde in Berlin-Wilmersdorf. Sie schneidet Zitronen, nascht ein paar Pommes Frites, legt mit der Grillzange die ersten Brötchen auf den Rost. "Moin!", begrüßt sie eine alte Dame vor dem Tresen. "Erst mal setzen, jenau!" Alles Routine. Sie guckt streng, ein bisschen lustlos, und redet unaufgeregt, ernst. Eine Urberlinerin eben, das betont sie dann auch mehrmals und demonstriert: "Erzähl nix Falsches, sonst kommst'e auf'n Grill!", warnt sie die Kollegin und lacht tief und zufrieden.

37 Jahre lang war Christiane Zwank ein anderer Mensch, hat die Person, die man mit ihrem männlichen Körper verband, gespielt, oder es zumindest versucht. Im Kindergarten durfte sie nur Mädchenkleidung tragen, wenn Fasching war, sie spielte nur mit Mädchen und diese mit ihr. Im Sitzen Wasser lassen durfte sie nicht, also pullerte sie ein. In der Schule gab sie den Klassenclown, veralberte Lehrer wie Schüler, weil sie sich selbst nicht verstand. In der Pubertät wurde es "schlimm", sagt sie: Ihr Körper entfremdete sich. Sie wollte Busen bekommen wie ihre Zwillingsschwester. Stattdessen wuchsen plötzlich Penis, Hoden und ganz neue, ungewollte Gefühle. In der "heilen Welt" im Berliner Ortsteil Wannsee, in der sie aufwuchs, gab es keine Nacktheit, keinen Sex und nichts "Abgründiges", wurde nicht über Sexualität geredet. Zwank blieb allein mit sich und diesem Körper, der ihrer sein sollte. "Ich dachte, ich bin der einzige, ich hab 'ne Klatsche", erzählt sie. Erst durch einen Zeitungsartikel fand sie zufällig heraus, dass es andere gab. In der kirchlichen Jugendarbeit, wo Zwank als Betreuerin ehrenamtlich arbeitete, sagte eine junge Frau zu ihr: "Du bist kein richtiger Mann. Wie du mit Frauen, mit Mädchen umgehst, das würde ein richtiger Mann nie tun." Da erst erkannte sie, dass sie sich anders verhielt, dieses: "Ich bin eigentlich Frau."

Sie heiratete dennoch mit Anfang Zwanzig - als heterosexueller Mann. Erst mit 26 Jahren, da schon längst wieder geschieden, ging sie zu einem Arzt, der zum Thema Transsexualität veröffentlicht hatte. Der diagnostizierte selbige und bot an: "Wenn Sie wollen, kann ich Sie operieren." Nun hatte sie es amtlich. Und war schockiert. "Ich dachte: Ich will das nicht, ich kann das nicht, ich sehe ja furchtbar aus als Frau. Außerdem bin ich als Mann viel höher angesehen." Sie entschloss sich, dagegen anzukämpfen und spielte fortan den Macho, mit Cowboystiefeln, Vollbart und Muskeln.

Sehnsucht nach Normalität

"Ich wollte ein ganz normales bürgerliches Leben: Frau, Kind, Haus", erzählt sie. 1981, mit dreißig Jahren, heiratete sie ein zweites Mal, eine Krankenschwester. Der Deal war klar: Frau heiratet Mann und so bleibt es. Zumindest formal schien sich Zwanks Wunsch zu erfüllen: 1981 wurde eine Tochter geboren, 1985 folgte das Haus, 1987 der Urlaub an der Ostsee. Und lauter Frauen im Badeanzug. "Da brach es durch", erinnert sie sich. "Ich habe den Druck nicht mehr ausgehalten, Frau sein zu müssen, nicht zu wollen, sondern zu müssen." Und sie entschloss sich, ihrer Sehnsucht nachzugeben. Noch in der Nacht fuhr die Familie nachhause, am nächsten Tag war Christiane Zwank beim Arzt. Seit dem 1. Januar 1988 lebt sie offiziell als Frau. Geschminkt, mit Rock und Bluse hatte sie an diesem Morgen vor der Tür ihres Reihenhauses verharrt. Was würden die Nachbarn sagen? Ihre Ehefrau hatte sie rausgeschoben und die Tür hinter ihr geschlossen. Zwank rasierte sich nun jeden Tag so gründlich, dass die Haut blutete und ganz rau wurde, sie deckte den Bartschatten mit Camouflage ab und fand sich unter einer dicken Maske wieder. 1990 machte die operative Geschlechtsangleichung sie auch körperlich zur Frau, zumindest optisch, die Chromosomen kann man nicht ändern. Nichts an ihr erinnert an einen Mann, auch wenn ihre Stimme nur dann singend, schwingend und weich klingt, wenn sie sich bemüht. Jahrelanges Training, sagt sie. Wenn sie entspannt, spricht sie tiefer, rauer, voluminöser.

"Belastend? Nein überhaupt nicht", sagt sie ohne Zögern. Für Zwank war die Operation eine Befreiung. "Endlich!" Sie gab sich mit der Unterleibsoperation zufrieden. Kein Brustaufbau, keine Operationen an Kehlkopf, Stimmbändern oder kosmetisch-ästhetische Eingriffe. "Ich habe soviel gearbeitet in dieser Umbruchzeit, dass ich überhaupt nicht gemerkt habe, wie mir eine Brust wächst. Auch der Hintern. Meine Mutter hat immer schon gesagt: 'Junge, du hast einen Weiberarsch.'"

Die Operation bezahlte die Krankenkasse. 1987 hat das Bundessozialgericht diese zur Kostenübernahme verpflichtet. Es begründete seine Entscheidung damit, dass Transidentität "eine Krankheit im Sinne des Sozialversicherungsrechts darstellen kann". Zwank empfindet sich dennoch nicht als krank oder als geheilt. "Aber das Gericht hat erkannt, dass die Veränderung des Körpers zwingend notwendig ist, um mit sich ins reine zu kommen. Denn die Seele kannst du nicht verändern", erklärt sie.

Zwei Tage nach dem Gemeindecafé-Abend steht Christiane Zwank in ihrem Büro hinter einem Eckschreibtisch, sie trägt einen seriösen grauen Blazer mit entsprechendem kurzem Rock, dazu Pumps. "Kriegst du det hin?", ruft sie mit kräftiger Stimme durch die offene Tür und guckt konzentriert durch Brille und Türrahmen. Sie entschuldigt sich für einen Moment: "Da wird 'n richtjer Mann gebraucht, ick geh ma kurz hin." Sie scherzt gern und oft. Lacht über die eigenen Witze herzhaft und genießt es, wenn man der Aufforderung folgt und mitlacht. In ihrer Gemeinde kommt das gut an: "Sie macht Späße über alle, hat immer einen trockenen Witz parat", erzählt Irene Kopf, die seit 1991 in der gemeindeeigenen Kita arbeitet. "Sie ist immer gut drauf, also, wenn sie nicht geärgert wird." Geärgert wird Zwank zumindest wegen ihrer Transidentität hier nicht. Die Menschen in ihrer Gemeinde schätzen sie. "Christiane ist sehr hilfsbereit. Wirklich jedem Menschen gegenüber. Ehrlich und offen", findet Gisela Pogoda. Seit über zehn Jahren sind die beiden liiert. Offen geht Zwank auch mit ihrer Transidentität um. Die Menschen in ihrem privaten Kreis wissen davon, ebenso die im Arbeitsumfeld der Gemeinde.

"Die Männlichkeit verraten"

Diskriminierung habe sie nie erfahren, sagt sie. Allerdings ist das wohl eine Frage der Definition. Ein befreundeter Kripo-Beamter versicherte ihr vor der Operation, er habe damit kein Problem. Doch danach rief er an, um zu sagen: "Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben, du hast die Männlichkeit verraten!" Als sie, damals Gemeindesekretär in einer Berliner Kirche, dem Pfarrer ankündigte, demnächst als Frau zu arbeiten, war dessen Reaktion die fristlose Kündigung. Das könne man den Menschen nicht zumuten, fand er. Zwank konnte das verhindern, indem sie auf einen Präzedenzfall in der berlin-brandenburgischen Landeskirche verwies. Von den vielen Pfarrern, mit denen sie seither zusammenarbeitete, habe es aber nie dumme Sprüche gegeben. "Die Beschimpfungen kriegen andere zu hören. Zwei Meter groß, breites Kreuz, Minirock und hohe Absätze. Wenn die auf den öffentlichen Verkehr angewiesen sind, heißt es schon mal: 'Ey, bist du Schwuchtel?'"

Ausgegrenzt wurde aber auch sie: Nach der Operation erklärte die Familie ihrer Exfrau sie zur unerwünschten Person, wie sie sagt. Zu ihrer Tochter hat Zwank seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr. Ihren Freundes- und Bekanntenkreis hielt sie absichtlich klein. "Mehr wie drei gehen mir schon auf'n Senkel", begründet sie.

Christiane Zwank veränderte sich, nicht nur optisch: "Als Mann war ich ein Knuddelbär, du konntest mir sagen, mach dies, mach jenes. Als ich endlich als Frau leben durfte, wurde ich selbstbewusst, politisch, habe selber gesagt, wo's lang geht. Ich war frei, ich fing jetzt an zu leben." Und aufzuklären: Als sie beim Polizeirevier einen neuen Ausweis beantragen wollte, stand sie am Ende auf dem Tresen und hielt vor versammelter Polizeimannschaft eine Fortbildung über Transidentität. Nach 1990 engagierte sie sich ehrenamtlich in der Transidenten-Szene, leitete Gesprächsrunden und Selbsthilfegruppen. Vor rund zehn Jahren zog sie sich zurück. "Jetzt können mal Jüngere ran", findet sie. Aufklären will sie trotzdem weiterhin. "Wenn man die Gabe dazu hat und keine Scheu, wäre es ja Sünde, das nicht zu machen."

Apropos Sünde. Als die Operation näher rückte, zweifelte sie: "Darfst du das überhaupt, vom christlichen Verständnis her?" Sie ging zu einem Pfarrer im Ruhestand. "Mein Sohn, was hast du denn?", fragte der. Nach einigem Herumdrucksen fand sie klare Worte: "Ich werde Frau. Durch eine Operation. Aber ich habe meine Zweifel mit Gott. Spricht denn aus theologischer Sicht etwas dagegen?" Er fragte nach, schwieg dann eine Weile und sprach sein Urteil: "Nee!" Darüber habe er noch nichts gelesen oder gehört. Jeder müsse so glücklich werden, wie es für ihn richtig sei. Damit war der Zweifel aus dem Weg und Zwank zufrieden. Aber Gott hat sich doch sicher etwas dabei gedacht, den Menschen so zu schaffen, wie er ist, mag mancher einwenden. "Ja, aber dann hat er sich auch etwas dabei gedacht, dass man das ändern kann. Er muss ja den Ärzten nicht die Fähigkeit dazu geben." Wie er auch den Menschen die Fähigkeit gibt, die Umwelt zu zerstören? "Vielleicht ist das ja auch sein Ziel, um irgendwann mal wieder von vorne anzufangen."

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Katharina Lübke

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