Neuaufbruch nach dem Insolvenzverfahren?

((Unterzeile))
Foto: privat
Alles wird darauf ankommen, dass sich die KEK von den in dem Erneuerungsprozess zugezogenen Blessuren erholt und den in die Verfassung geschriebenen Bestimmungen durch Konkretionen eine entsprechende Lebendigkeit verleiht.

Am Ende gab es Standing Ovations. Die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit für die neue Verfassung wurde deutlich übertroffen. Im Juli hat sich die um ihre Existenz ringende Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) auf ihrer 14. Vollversammlung in Budapest für die Zukunft neu aufgestellt. Ihr Büro wird nach Brüssel umziehen, die schlanken Strukturen werden weiter gestrafft, was im Blick auf die der KEK zugeordneten Kommissionen nun noch weitere Nacharbeit erfordert. Zum Präsidenten wurde der ökumenisch erfahrene anglikanische Bischof Christopher Hill gewählt, eher ein Mann des Ausgleichs als der Initiative. Der Neuaufbruch kann beginnen.

Allerdings war es alles andere als eine leichte Geburt, und es bleibt die Frage, ob die Geburtsschwierigkeiten allein dem psychologisch schwer zu moderierenden Prozess einer solchen Grundsatzreform geschuldet sind oder ob sie ein Symptom für den tatsächlichen Zustand der KEK sind, was dann auch für die Zukunft nur bescheidene Erwartungen rechtfertigen würde.

Lähmende Quoten

Die Vollversammlung stand unter dem Motto des beziehungsreich verwendbaren Halbverses aus der Apostelgeschichte "Und nun, was zögerst du noch?" (22,16). Anspruchslos verstanden fand dieses Motto großen Zuspruch, denn von Zögerlichkeit im Sinne von Besonnenheit war diese Vollversammlung nun gerade nicht ausgezeichnet. Der die Ökumene mehr und mehr lähmende Quotenfetischismus feierte fröhliche Urstände, bis hin zu pathetisch vorgetragenen bischöflichen Austrittsdrohungen, die dann auch in der Ablehnung der neuen Verfassung wirksam blieben. Wenn es darum ging, möglichst deutlich die eigenen Ansprüche anzumelden, war wenig Zögern zu spüren, auch nicht darin, andere dabei in einer billigen Weise mit einem moralischen Druck zu bedrängen, der immer kostenlosen Applaus findet. Mehr als eine leicht mobilisierbare Political Correctness ist dazu nicht erforderlich, und davon wurde reichlich Gebrauch gemacht. Die Mehrheit zögerte nicht einmal, diesen immer korrekten platten Moralismus auch noch in die Verfassung, gleich hinter das solenn formulierte theologische Selbstverständnis zu schreiben. Das wirft die Frage auf, was theologische Sätze noch besagen, wenn sie einer solchen moralischen Erläuterung bedürftig erscheinen. Man mag dies als eine der gereizten Stimmung geschuldeten Entscheidung abtun, tatsächlich aber zeigt sich hier das bedrückende Defizit einer theologielosen, um nicht zu sagen ungeistlichen ökumenischen Existenz, der mehr fehlt als die gern reklamierte spirituelle Selbsterneuerung. Es stellt sich die Frage, woher diese Ökumene eine Handlungsfähigkeit beziehen will?

Alles wird darauf ankommen, dass sich die KEK von den in dem Erneuerungsprozess zugezogenen Blessuren erholt und den in die Verfassung geschriebenen Bestimmungen durch Konkretionen eine entsprechende Lebendigkeit verleiht. Hier wird sich nun zu zeigen haben, ob das 2009 in Lyon sich selbst verordnete Insolvenzverfahren der KEK einen Neuaufbruch ermöglicht hat oder nur der erste Schritt in einer weiter in Bedeutungslosigkeit dahindümpelnden Unternehmung war.

Michael Weinrich ist Theologieprofessor in Bochum und Mitherausgeber von zeitzeichen.

Michael Weinrich

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