Der Papst am Nil

Tawadros II. ist seit einem Jahr Oberhaupt der Kopten in Ägypten
Koptische Priester verfolgen die Inthronisation ihres Papstes in der Markuskathedrale Kairo. Foto: Reuters/ Mohammed Abd El Ghany
Koptische Priester verfolgen die Inthronisation ihres Papstes in der Markuskathedrale Kairo. Foto: Reuters/ Mohammed Abd El Ghany
Seinen Vorsatz, ein unpolitischer Papst zu werden, musste Tawadros II. schnell aufgeben. Nach der Absetzung des früheren Präsidenten Muhammad Mursi stand er plötzlich dem Zentrum der Macht nahe. Für die Christen am Nil ist er der Hoffnungsträger schlechthin. Katja Dorothea Buck, Journalistin und Religionswissenschaftlerin, hat ihn getroffen.

Wer einen offiziellen Interviewtermin mit einem Papst bekommt, macht sich auf vieles gefasst. Am wenigsten aber darauf, schließlich mit einem entspannten, freundlichen und humorvollen älteren Herrn allein an einem Tisch zu sitzen und über Ägypten, die Muslimbrüder und die Zukunft der Kopten zu sprechen. Zwischendrin stimmt Seine Heiligkeit Tawadros II. noch einen alten Hymnus über die Schönheit der Kirche als Mutter der Märtyrer an, und am Ende des Gesprächs bleibt nur eine Frage offen: Woher nimmt dieser Mann diese Gelassenheit?

Während Ende Mai in Kairo wieder einmal die Zeichen auf Revolution standen, flog Tawadros II. für zwölf Tage nach Wien, um die 7000 in Österreich lebenden Kopten zu besuchen. Er kannte die österreichischen Gemeinden von zahlreichen früheren Besuchen, als er noch Weihbischof von Damanhur war. Mit dem koptischen Bischof Gabriel in Wien verbindet ihn eine lange Freundschaft. Beide haben ihre Laufbahn in der Kirche als Mönche im Bischoy-Kloster im Wadi Natrun begonnen. Der Gedanke liegt nahe, dass sich der groß gewachsene Kirchenmann im Kloster Obersiebenbrunn bei Wien einfach eine Auszeit von all den Querelen und Problemen in Kairo genommen hatte. Nur zwei Privatsekretäre hatte er mitgenommen. Den restlichen Hofstaat mit all seinen Bischöfen, Priestern und Sekretären, die bei einem Interview mit seinem Vorgänger Papst Schenuda III. noch streng über die Einhaltung des Protokolls wachten, hatte er zu Hause gelassen.

Seit einem Jahr ist Papst Tawadros II. für die schätzungsweise dreizehn Millionen Christen in Ägypten der Hoffnungsträger schlechthin. Die Freude war groß, als am 4. November 2012 ein kleiner Junge in der großen Markuskathedrale in Kairo vor laufenden Kameras den Namen des 61-Jährigen zog. Mit bürgerlichem Namen heißt Tawadros II. Wagih Sobhi Baki Solayman. Er hat in jungen Jahren Pharmazie studiert und bis zu seinem Eintritt ins Kloster 1986 als Geschäftsführer eines staatlichen Pharmakonzerns gearbeitet. Der neue Papst weiß, wie man ein Unternehmen leitet.

Tawadros II. ist das 118. Oberhaupt der orthodoxen Kopten in Ägypten. Doch auch die evangelischen und katholischen Christen am Nil sehen in ihm den legitimen Vertreter ihrer Interessen und trauen ihm zu, dass er das christliche Erbe Ägyptens über die Wirren der Revolution und den islamistischen Terror retten kann. Mehr denn je brauchen die Christen in Ägypten einen starken Mann, der ihnen die Richtung vorgibt. Tawadros II. hat das in den vergangenen zwölf Monaten auch immer wieder getan.

Dabei hatte er sein Amt mit dem Vorsatz angetreten, kein politischer Papst sein zu wollen. Sein Vorgänger Schenuda III. hatte in den vierzig Jahren seiner Amtszeit erleben müssen, wie schnell man sich ins Aus katapultiert, wenn man als Oberhaupt einer religiösen Minderheit zu deutlich die Konfrontation mit der politischen Führung des Landes sucht. 1981 verbannte der damalige Präsident Anwar As-Sadat den kritischen Koptenpapst in ein Wüstenkloster, wo Schenuda III. vier Jahre im Hausarrest verbrachte. Ein koptischer Papst muss die Machtverhältnisse am Nil genauestens im Auge behalten. Dass Schenuda III. in den letzten Jahren seiner Amtszeit dann allzu sehr die Nähe zur Regierung Mubarak suchte, war für viele Kopten nur noch schwer erträglich. Die ägyptische Gesellschaft war längst im Aufbruch.

Kirchenrat für Einheit

Bei der Inthronisation von Tawadros II. am 18. November 2012 saß Hosni Mubarak längst im Gefängnis und die Muslimbrüder und Salafisten um Präsident Mohammad Mursi waren bereits seit fünf Monaten dabei, dem Land ein neues, ein islamistisches Gesicht zu geben. Dass in diesem neuen Ägypten die zehn bis 15 Prozent Christen einen gleichberechtigten Platz finden würden, glaubte schon damals keiner mehr. Christen (und auch Vertreter nicht-islamistischer Parteien) waren systematisch übergangen worden. Lizenzen für den Kirchenbau wurden nicht mehr erteilt und islamistische Hardliner durften öffentlich gegen Christen sticheln. Im Frühjahr forderte beispielsweise ein Scheich alle Muslime dazu auf, ihren christlichen Nachbarn an Ostern nicht mehr wie bisher den Ostergruß zu überbringen. Ostern sei schließlich ein unislamisches Fest.

In den ersten Monaten hielt der neue Papst sich mit öffentlichen Äußerungen zurück. Tawadros II. konzentrierte sich ganz auf die kirchliche Ebene, suchte den Kontakt zu den anderen Kirchen in Ägypten. Innerhalb von wenigen Wochen gründeten sie gemeinsam den ägyptischen Kirchenrat, was einer kleinen ökumenischen Revolution gleich kam. In keinem anderen Land im Nahen Osten arbeiten die Kirchen so eng zusammen wie derzeit in Ägypten. Der neu gegründete Kirchenrat soll die Einheit der Christen im Land fördern - ein Gedanke, der auf überaus fruchtbaren Boden in den Gemeinden fiel. In kurzer Zeit wurden überall in Ägypten ökumenische Initiativen gestartet. Anfangs betonte Tawadros II. noch, dass der Kirchenrat keine politische Funktion habe, sondern nur eine innerchristliche Angelegenheit sei.

Mitte April gab Tawadros II. aber seine politische Zurückhaltung auf. Bei blutigen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen im Norden von Kairo hatten fünf Menschen den Tod gefunden und die Regierung erklärte vorschnell und ohne Beweise zu haben die Christen für die Gewalt verantwortlich. Bei der Trauerfeier für die Toten in der Markuskathedrale kam es erneut zu Übergriffen, bei denen die Polizei nachweislich nicht eingriff. Es war das erste Mal, dass die Kathedrale Schauplatz solcher Gewalt geworden war. Tawadros II. hielt mit seiner Kritik an der Regierung nicht mehr hinterm Berg. Präsident Mursi tue trotz aller seiner Versprechen nichts, um die Kathedrale zu schützen. "Wir wollen Taten sehen und nicht nur Worte hören", erklärte er öffentlich.

Bogen überspannt

In Wien Ende Mai sagte er, dass die Mursi-Regierung schlicht unfähig sei, ein Land wie Ägypten zu regieren. Diese Aussage nahm er auch nicht bei der anschließenden Autorisierung des Interviews zurück. Damals konnte man bereits ahnen, dass sich am Nil wieder etwas zusammenbraut. Die Muslimbrüder hatten den Bogen überspannt. Nicht nur die Christen, sondern auch viele Muslime beklagten, dass Präsident Mursi mittlerweile alle wichtigen und weniger wichtigen Posten in der Verwaltung, in der Politik und in vielen anderen Bereichen mit Gleichgesinnten besetzt habe. Der Unmut der Bevölkerung wuchs täglich, befeuert durch die immer schwerer werdende wirtschaftliche Lage. Die Weizenvorräte gingen zur Neige und Treibstoff drohte auszugehen. Internetaktivisten starteten die Unterschriftenkampagne Tamarrod (Rebellion) gegen die Regierung. Innerhalb kurzer Zeit unterzeichneten Millionen die Forderung, dass Mohammed Mursi abtreten solle. Am 30. Juni, zum Jahrestag seines Amtsantritts, gingen wieder die Massen auf die Straße und zeigten dem Präsidenten die Rote Karte. Damals warnten noch Mursi und andere Islamisten Tawadros II. öffentlich, er solle "seine Leute" von der Straße holen. Sie drohten den Christen Rache an, würden sie sich an den Demonstrationen beteiligen. Tawadros II. zeigte sich wenig beeindruckt. Er ließ über Twitter wissen, dass er die Menschen unterstütze, welche die von den Muslimbrüdern gestohlene Revolution wieder zurückholen wollten. Ein Twitter-Bild zeigt ihn mit einem Strickschal in den ägyptischen Nationalfarben Rot, Weiß und Schwarz über dem dunklen Habit eines Mönches.

Das Lauf der Ereignisse ist bekannt: 33 Millionen Menschen sollen schließlich gegen die Mursi-Herrschaft demonstriert haben. Am 3. Juli griff das Militär ein und zwang den ungeliebten Präsidenten zum Abtreten.

An diesem Tag ging ein Bild um die Welt, das in die Kirchengeschichtsbücher eingehen wird. Es zeigt Papst Tawadros II. neben dem höchsten sunnitischen Oberhaupt, Scheich Al-Azhar Ahmad Mohammad At-Tayyeb, einem Vertreter der Salafisten, dem Vertreter der politischen Opposition, Mohammed El-Baradei, einem jungen Mann, der die Tamarrod-Bewegung repräsentierte und einigen hochrangigen Militärs, darunter der Armeechef Abd al-Fattah as-Sisi, der das Ende der Mursi-Ära erklärte und eine Übergangsregierung ankündigte. Tawadros II., der ein gutes halbes Jahr zuvor erklärt hatte, er wolle ein unpolitischer Papst sein, befand sich plötzlich im engsten Machtzirkel des Landes. Bei dieser Pressekonferenz sagte er: "Lang lebe mein Land, frei und stark." Deutlicher hätte er nicht sagen können, was Ägypten für ihn bedeutet. Es ist seine Heimat, die Heimat der Kopten, auf die sie ein Anrecht haben genauso wie die Muslime.

Unter besonderem Schutz

Tawadros II. wird damals schon geahnt haben, dass der Kampf um ein neues, freies und starkes Ägypten nicht leicht sein würde. Allen Beteiligten war klar, dass die Islamisten die Macht nicht einfach so abgeben würden. Überall in Ägypten kommt es seither zu Übergriffen auf Kirchen und christliche Einrichtungen. Islamistische Gruppen üben Rache an den Christen. In ihrer Lesart tragen die Christen die Verantwortung für die Absetzung Mursis. Das Innenministerium ordnete besonderen Schutz für den Papst an. Für die Kopten ist der Hass der radikalen Islamisten nichts Neues. Seit den Siebzigerjahren kommt es immer wieder zu Gewaltausbrüchen gegen Christen. Oft reicht ein Missverständnis unter Nachbarn als Auslöser. Nach der islamistischen Ideologie dürfen Christen in einem islamischen Land allenfalls als Bürger zweiter Klasse leben. Mitte August kam es allerdings zu den schwersten Ausschreitungen seit vielen Jahren. Islamistische Terrorbanden, zum Teil aus dem Ausland rekrutiert, setzten 63 Kirchen in Brand, plünderten unzählige christliche Läden und zerstörten Wohnungen und Häuser. Vielerorts trauen sich Christen auch heute noch nicht wieder auf die Straße. Es ist ein schweres Los, das die Kopten tragen müssen. Wie halten sie das aus, ohne daran zu zerbrechen?

Hier sei noch einmal an den singenden Tawadros im Kloster Obersiebenbrunn erinnert, der lächelnd von der Kirche als der Mutter der Märtyrer singt. In den westlichen Kirchen ist der Märtyrergedanke längst fremd. In der koptischen Kirche ist er seit jeher präsent. Ihr Gründervater, der Apostel Markus, starb selbst den Märtyrertod in Alexandria im Jahr 68 n. Chr. Und spätestens seit der islamischen Eroberung Ägyptens vor 1400 Jahren sind die Christen am Nil eine Minderheit. Was derzeit passiert, ist nach koptischer Lesart nur eine Episode in der langen Geschichte der Kirche. Und aus der lässt sich lernen, dass man - wenn's denn unbedingt sein muss - für den eigenen Glauben auch aufs Ganze gehen kann. Vielleicht liegt darin das Geheimnis der großen Gelassenheit des neuen Papstes.

Katja Dorothea Buck

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